Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 21 (15.8.1891)
- Date
- 1891-08-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Don der Behörde gegebene Bewilligung loyal angewendet und nicht zu Zwecken verwendet werde, welche von der Regierung nicht erlaubt werden würden oder von ihr nicht beabsichtigt sind. Es ist einleuchtend, dass nur Juden von makellosem Charakter und in guter Stellung in diese Comites gewählt werden dürfen. 2. Das gegenwärtige Passsystem ist ein unmögliches. Eine Thür muß offen oder geschlossen sein. Die russische Thür ist geschloffen. Es ist deshalb uothwendig, das kostspielige und beschwerliche Passsystem zu ändern und dasselbe durch ein System von freien Auswanderer-Certificaten zu ersetzen, welche die Verzichtleistung auf die Rechte und die Befreiung von den Pstichten eines russischen Staatsangehörigen enthalten, sobald die Grenze überschritten ist. Keine außerodentliche Militärlast oder ein anderer Dienst sollte den zurückbleibenden Inden in Folge der Auswanderung von Glaubensgenossen auferlegt werden. Mit anderen Worten: Man öffne das russische Thor unter Bedingungen, welche die russische Regierung für immer von den Juden befreien, welche Ihren Colonisirungsplan benützen. 3. Ich denke, die russische Regierung wird allen armen Besitzern von Auswanderer-Certificaten unentgeltliche Fahrt gewähren. Das würde nicht viel kosten und einen sehr guten Eindruck in Europa machen. 4. Die Ausführung Ihres Planes dürfte Jahre in Anspruch nehmen, wir müssen deshalb vorwärts blicken. Die jungen Juden sollten im Handwerk und im Ackerbau unterrichtet werden. Nihilismus kommt von leerem Magen und aus der Atmosphäre der Universität. Man lasse die jungen Leute mit den Händen arbeiten und sie derart auf das zukünftige Leben in der Colonie vorbereiten, und Sie werden einen neuen, werthvollen Staat' gründen. Deshalb, denke ich, sollten Sie um die Erlaubnis ansuchen, Ackerbauschulen zu errichten, in denen Vas Handwerk gelernt wird. Wenn das nicht geschieht, so werden Sie mit einer allwissenden Bevölkerung zu thun haben, nachdem Sie Ihr Elitecorps entsendet haben. Das, geehrter Herr Baron, habe ich Ihnen mitzutheilen, obwohl es noch eine enorme Menge von Details zu berichten gäbe. Ich kann aber diesen kurzen Bericht nicht schließen, ohne ein Wort über die Leiden der jüdischen Kinder zu sagen, deren ich Zeuge war. Ich habe die indische Hungersnoth im Jahre 1878, ich habe viel Trübsal und Gram in den verschiedenen Theilen der Welt gesehen; aber Nichts hat je mein Herz so ergriffen, wie das Leiden dieser jüdischen Kinder. Diese sind doch noch keine Diebe, Wucherer, Ausbeuter, Kuppler, Uebelgesinnte oder Parasiten. Sie können sich noch nicht rühren, sie können ihre Sache nicht vertreten. Hart ist das Leben für sie, und sie, wie wissen nicht, warum es hart ist. Es wird mit jedem Tage drückender. Nach Allem, was ich höre, würde der Czar, hätte er von den Leiden dieser unschuldigen jüdischen Kinder Kenntnis, uns zum mindesten die Erlaubnis geben, offen und mit Muße Maßregeln zur Befreiung dieser Kleinen und ihrer Eltern %1x organisireu. Denn die Last, die ihnen aufgebürdet, ist zu groß, als dass sie dieselbe ertragen könnten. Ich bin, geehrter Baron Hirsch, Ihr sehr auftichtiger Arnold White. Erngksendkt. Avs Böhmen, 2. August. Herr Redacteur! Als ich heute Ihren vorzüglichen Leitartikel, in welchem Sie einerseits die Wichtigkeit und hohe Bedeutung der Jnstitution des Scheliach Zibbur mit vollem Rechte betonen und andererseits die Paschawirthschaft mancher Cultusvorsteher (Rosche hakohol oder richtiger Rische hakohol genannt) schonungslos geißeln, gelesen, erinnerte ich mich einer Episode ans der Zeit des berühmten Oberrabbiners Ezechiel Landau aus Prag, die hier erzählt zu werden verdient. Als R. Ezechiel Landau, der berühmte Verfasser der Responsen ,,Noda bijehuda“, sein heiliges und hochwichtiges Amt in Prag antrat, wurde ihm ein überaus würdevoller Empfang bereitet. Alles jubelte dem frommen, gottbegeisterten hochgelehrten Rabbi entgegen, Alles wetteiferte gleichsam mit einander, um dem theuern Lehrer Huldigungen darzubringen׳ und entsprechende Beweise der Hochachtung und Verehrung zu liefern. Nur ein einziges Jndividium, ein harmloseskenntnis- und geldarmes Schneiderlein, im Prager Ghetto unter dem Namen ״Jochanan Schneider" bekannt, machte hierin eine Aus- י nähme und schimpfte auf den neuen Rabbi recht wacker los. Er schimpfte und schimpfte so lange, bis endlich derselbe hievon in Kenntnis gesetzt wurde. Dieser; ließ sich das Schneiderlein rufen und sprach ihn in folgender Weise an: ״Ich habe gehört, dass Du gegen meine Ernennung zum hiesigen Oberrahbiner demonstrativ aufgetreten und daher auch unablässig bemüht bist, mich zu verunglimpfen. Hast Du etwa an meinem Benehmen, an meiner Handlungs- und Verfahrungsweise oder überhaupt an meiner religiösen Richtung etwas Tadelnswerthes gefunden? Bin ich Dir vielleicht zu wenig.gelehrt, zuwenig kenntnisreich? Wenn Du etwas auszusetzen hast, so spreche Dich frei, offen und unumwunden aus, ich will Dir hiefür gern dankbar sein, denn ich halte mich durchaus nicht für vollkommen makellos, da es hienieden keinen Menschen gibt, der unfehlbar wäre." — ״Großer Rabbi!" entgegnete Jochanan, das Schneiderlein, ״wie kann es Euch nur in den Sinn kommen zu glauben, dass ich der Unbedeutendste, der Unwissendste in der Prager Kehilla, Ursache haben könnte, mit der religiösen Richtung, wie mit der weltbekannten, hohen Gelehrsamkeit und Bescheidenheit eines Ezechiel Landau unzufrieden zu sein? Mir war es einzig und allein darum zu thun mich bemerkbar zu machen. Da aber mir weder geistige noch materielle Mittel zu Gebote standen, um durch dieselben die Aufmerksamkeit des edlen Rabbi auf mich lenken zu können, so blieb mirnichts anderes übrig, als den selbst mir verhassten Weg einzuschlagen. Wie hättet Ihr sonst großer Rabbi von der Existenz eines ״Jochanan Schneider" erfahren?" — Der kluge Rabbi lachte herzlich und sprach: ״Es freut mich sehr auch Dich kennen gelernt zu haben." — Sap. sat. F. Kleinr Chronik. Budapest. Die durch die Pensionirung Professor Frie<dm an n's vacant gewordene Stelle eines Obercantors am großen Tempel in der Tabakgasse ist nunmehr wieder besetzt worden, und zwar siel die Wahl des Vorstandes auf Herrn Obercantor Adolf Lazarus aus Hannover, der bei seinem Probevörtrage sowohl durch seine sachliche Tüchtigkeit als durch seine sympathische Persönlichkeit allgemeinen Beifall errang. Obercantor Lazarus wird am 15. September seine amtliche Thätigkeit aufnehmen. (Wir können diese Wahl als. eine höchst glückliche bezeichnen und gratuliren dem verehrten College» Lazarus zu dem großartigen Erfolge, der in der Erlangung einer so bedeutsamen Stellung liegt. Die Red.) Riffen. An Stelle des nach Deutschland berufenen Dr. Caro ist Herr Dr. Posmanski aus Reichenberg zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt worden. Der zuerst Gewählte, Rabbiner Dr. Fischer aus Raab, hat die Wahl nicht angenommen. Merlin. Es ist in den letzten Wochen verhältnismäßig wenig von neuen Greuelthaten der russischen Regierung gegen ihre jüdischen Unterthanen die Rede gewesen. Zuletzt stumpft sich auch die öffentliche Meinung in Europa gegen unaufhörliche. Mittheilungen über moskowitische Barbareien ab. Nur. sobald von einer neuen und ungeheuerlichen Unthat die Rede sein muß, dann zeigt sich auch ein neues Interesse an diesen Schändlichkeiten, deren Wiederholung, man in unserem ״hochgebildeten" Jahrhundert nicht für möglich gehalten hätte. Nachdem also die Judenaustreibung aus dem heiligen Moskau vollständig durchgeführt ist — die Eile war sehr geboten, um den neuernannten Gouverneur, den Großfürsten Sergius, in seiner erhabenen Amtsführung nicht unnützt zu belästigen! — soll auch