Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-08-15 · Heft 21 (15.8.1891) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 21 (15.8.1891)
Date
1891-08-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/1304829-3453207-3453228--3226-3457559
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

flufse der Hauptstadt stünden. Diese Letzteren sprachen zumeist die vollständige Wahrheit,- die anderen sagten sie nur theilweise, was man übrigens von einem Zeugen, der an einer Sache interessirt ist, erwarten muß, auch die Juden gaben mir die besten Beglaubigungsschreiben, und wohin ich kam, suchte ich die achtbarsten Juden auf, bemühte mich aber auch, die niedrigsten und ärmsten zu sehen. Auf diese Weise war ich im Stande, durch eine gegenseitige Controle sowol die Behauptungen der Regierung, -als auch jene der Juden zu prüfen. Ich sprach mit mehr als zweihundert Personen, deren Zeugnis, zusammen mit meinen eigenen sorgfältigen Beobachtungen, mich zu den folgenden Schlüssen führt. Auf meiner Reise war ich von einem russischjüdischen Gentleman Namens Feinburg begleitet, der den Jargon der armen Juden, halb Deutsch, halb Hebräisch, spricht, und dessen loyaler Hilfe wie immer bereiter Energie ich tief verpflichtet bin. Ich erwartete, dass er oft insultirt werden würde, aber dies geschah nur einmal in Kiew, wo er aufgefordert wurde, wegen seiner Religion das Hotel zu verlassen- Ich bin verpflichtet, mitzutheilen, dass selbst bei dieser Gelegenheit die Sache durch einen Besuch beim Gouverneur geordnet wurde. Unter der Voraussetzung, dass die jüdische Bevölkerung ׳ Rußlands fünf Millionen zahlt, und dass die Juden, welche ich gesehen, habe, ein richtiger Maßstab für jene Glaubensgenossen sind, die ich nicht sehen konnte, glaube ich nicht, dass mehr als zwanzig Perzent der erwachsenen männlichen Juden zur jetzigen Zeit physisch geeignet sind, die Anstrengungen zu ertragen, die mit einer Niederlassung in eineni neuen Lande verbunden sind. Im Ganzen sind die seßhaften Juden Physisch schwächer als die seßhaften Russen. Ich kenne in der That kein Land in Europa, in welchem die städtische Bevölkerung nicht in körperlicher Beziehung die armen russisch-jüdischen Städtebewohner überragte. Wenn ich aber die jüdischen Städtebewohner Rußlands jenen Juden gegenüberstelle, welche vom Kaiser Nikolaus im Gouvernement Cherson angesiedelt wurden, so ist der Unterschied erstaunlich. In letzterem fand ich eine thätige, sonnverbrannte, musculöse, ackerbautreibende Bevölkerung mit allen Kennzeichen eines aufstrebenden Bauernstandes. Es sind ihrer 30.000. So viel ich von benachbarten Grundbesitzern, Russen, welche diese Juden beschäftigen, hören konnte, haben dieselben keine schlimmen Eigenschaften, es sei denn, dass man frühzeitig und unvorsichtig abgeschlossene fruchtbare Ehen als Fehler bezeichnen kann. Nebst diesen ackerbautreibenden Juden gibt es 300.000 kräftige Männer, welche mit schwieriger Handarbeit in und bei den Städten beschäftigt sind. Als Beispiele dieser Elaste nenne ich die 10.000 Arbeiter und Handwerker von Berditschew, die Hafenarbeiter von Odessa, die Kornträger von Nikolajew und die Feldarbeiter von Krementschug, von welchen zum mindesten 4000 zur Erntezeit von den Grnndbesitzern in der Nachbarschaft gedungen sind. All diese Leute sind für die Colonisation geeignet, wenn auch nichtalle gleichmäßig. Zwei Momente aber compensiren die Muskel-Armut der Juden, das ist das hochentwickelte nervöse Temperament, welches die Juden im Durchschnitt besitzen, das nicht allein die Quelle der Beschuldigungen von Feigheit ist, die gegen sie erhoben werden, sondern welches ihnen die erstaunliche Fähigkeit gibt, durch lange Zeit Anstrengungen zu ertragen, was dem biertrinkenden Engländer oder dem sich schonenden Russen nicht möglich wäre. Diese Eigenschaft ersetzt dem Juden die gröbere Fiber und den stärkeren Körperbau. Das zweite Moment ist ein Factor, dessen Werth nur von Jenen geschätzt werden kann, welche es je unternommen haben, arme, beschäftigungslose Engländer in unbebauten Colonial-Gegenden anzusiedeln. Ich meine die ungemein moralische Führung des Durchschnittsjuden. Mit einer einzigen Ausnahme (die Admiral Selenen, Gouverneur von Odessa, erzählte) gipfelt die Gesammtheit meiner gewonnenen Daten in'der Thatsache, dass der Jude gewöhnlich mäßig ist — er trinkt selten, raucht selten, er ist ein guter Gatte, Vater und Sohn, er liebt es nicht, unzüchtig blasphemisch zu sprechender ist geduldig im Trübsal und sehr fleißig bei der Arbeit. Er hat zweifellos Fehler, aber diese sind nicht von der Art, dass sie bei der Colonisations- Frage in Betracht kommen. Von dem typischen Juden, wie ich ihn so oft in Petersbürg beschreiben hörte, eine Mischung von Dieb, Wucherer Josef foans Rosheim, kaiserlicher Befehlshaber der deutschen Juden. Von A. Ster«, Cantor und Religionsweiser in Taus. (Fortsetzung.) Seine Freisprechung erfolgte auch wirklich bald, denn an dem gediegenen. Charakter Jdsef Loans haftete kein Makel. Selbst seinen Gegnern schien die Idee, Loans der Wipperei zu verdächtigen, als eine Absurdität. Der judenfreundliche Churfürst von Mainz, Uriel von Gemmingen, starb am 9. Februar 1514, kaum 45 Jahre alt. Die Juden betrauerten dessen Tod aufrichtig, da sie an diesem Kirchenfürften eine mächtige Stütze verloren. Die Churfürstenwürde wurde nun von dem Domkapitel dem jungen Markgrafen von Brandenburg übertragen, mit der Verpflichtung, die Juden aus dem Gebiete des Churfürstenthumes und den benachbarten Ländern auszutreiben. Dieser kam auch dem Auftrage sofort nach, denn schon im ersten Jahre seiner Regierung sandte er Briefe an die benachbarten Städte und Fürsten, damit sie gemeinsam mit ihm alle Juden aus ihrem Gebiete vertreiben. Am 6. Jänner 1516 waren die Abgesandten mehrerer Churfürsten, Landgrafen und Burggrafen in Frankfurt a. M. versammelt, um über die Austreibung der Juden schlüssig zu werden. Es fand sich auch , eine Majorität für diesen Antrag, doch konnte man sich dennoch nicht entschließen, ihn sofort durchzuführen. Darum wurde für den 8. März desselben Jahres eine neuerliche Conferenz einberufen, um ein einheitliches Verfahren bei der Durchführung dieser Beschlüsse festzustellen. - Wieder war es Josef Loans, der sowohl beim Churfürsten, als beim Kaiser mir Erfolg intervenierte. Die für den 8. März einberüfeue Conferenz wurde nicht abgehalten, und der Churfürst, Albert war so der Verpflichtung betreffs der Austreibung der Juden enthoben. Im Gegentheile er bekundete jetzt zum Aerger des Domkapitels eine judenfreundliche Gesinnung. 1517 und 1518 gestattete er einigen Juden die Niederlassung in Mainz, wo sie sich sogar ein rituelles Bad Mikwa einrichten dursten. Es sind dies die ersten Anfänge der jüdischen Gemeinde in Mainz. Die alte Synagoge, die bereits ganz verfallen war, wurde wieder hergestellt, und so ein Mittelpunkt geschaffen für neue Zuzüge von Israeliten aus allen Gegenden Deutschlands. Aus dem Schutte entstand abermals eine große jüdische Gemeinde zu Mainz, was also zunächst ein Verdienst von Josef Loans war. Kaiser Maximilian I. starb am 12. Jänner 1519 im 61. Lebensjahre, und am 28. Juni wurde König Karl von Spanien, ein Jüngling von 19 Jahren, als Karl HV. zum deutschen Kaiser erwählt. Von dem Könige, der in Spanien und den Niederlanden nur Scheiterhaufen lodern sah, war für die Juden Deutschlands nichts besonders Gutes zu erwarten. Die Dominikaner, die erprobten Feinde der Juden, entsandten sofort eine Deputation an denselben nach Madrid, mit der Bitte, die Austreibung der Juden aus dem ganzen deutschen Reiche anzuordnen. Die Juden schwebten in großer Gefahr. Regensburg hatte bereits das Interregnum benutzt, die Juden auszutreiben in Elend und Noth. Da entschloss sich Josef Loans. zu einem höchst gefährlichen Schritte, der ihn leicht das Leben hätte kosten können; denn im September des Jahres 1499 wurde ein Gesetz promulgirt, zufolge dessen jeder Jude,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.