Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 21 (15.8.1891)
- Date
- 1891-08-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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haben auch nicht ermangelt, dafür Beispiele aus" dem Synagogengesange herbeizubringen, und dabei nicht unterlassen, den Nachweis hiesür zu liefern, dass unsere, alten Synagogen- Melodien nicht etwa — wie Manche behaupten wollen — aus den morschen Bausteinen der halt- und gehaltlosen Kirchentonarten zusammengesetzt sind, sondern dass sie in ihrer übergrößten Mehrheit auf dem sichern, grundsesten Boden unserer Normaltonarten sich befinden, die nicht alleinige Errungenschaft eines Volkes oder eines Glaubensbekenntnißes, sondern das Gemeingut der ganzen musikübenden Menschheit sind. Zu diesem Behuse haben wir letzthin auch die Singarten der Reginas zu einer ausführlichen Besprechung herangezogen und aus allen ihren verschiedenen Lesearten authentisch erwiesen, dass sie alle in ihrer melodischen wie harmonischen Gestaltung aus nichts Anderem, als aus unserem heutigen Ilur und Moll construirt und fundamentirt sind. Nachdem wir nun alles dieses in 21 Artikeln dieses geschätzten Blattes ausgesührt und in überzeugender Weise begründet haben — wofür wir uns auch der vollsten Anerkennung und Zustimmung unserer notabelsten Tonmeister zu erfreuen Haben — tritt uns unser hochgeehrter Herr College Ed. Birnbaum in seinem Artikel: ״Musikalische Traditionen bei Vorlesung der Megilla" (Zeitung des Judenthums Nr. 12, 13 und 14) mit der Behauptung entgegen, ״dass die Megilla-Accente sich in der dorischen Tonart bewegen." Zn jeder anderen Sache könnten wir eigentlich nichts dagegen haben, wenn Jemand anderer, wenn auch noch so falscher Ansicht ist. Wir brauchten uns nicht einmal durch seine nonchalante Randbemerkung getroffen zu fühlen, die besagt: ״Aus׳ den Synagogenmelodieu heute ein synagogales Tonsystem zu construiren, erachte ich für ziemlich überflüssig^'; da wir unser Tonsystem nicht erst neu zu bilden brauchen und am allerwenigsten von den Synagogenmelodieu, die keinerlei Anhalt dafür bieten. Unsere ausgestellten oder vielmehr festgestellten Tonarten bestehen seit uralten Zeiten und sind jedem Kundigen wohlbekannt. Auch könnten wir jedem hierüber noch Zweifelnden zurusen: נייוד ספרי", und es Jedem anheimstellen, selbst zu prüfen, ob er im Megilla-Vorlesen — und jeder Ehasan wird doch damit vertraut sein — die dorische, lydische rc. Weise oder diejenige von Dur und Moll gebraucht. Allein da dadurch die Existenz unserer so schönen und innigen Synagogenmusik bedroht wird und die Autorität des Verfassers groß genug ist, um für seine kirchentonartliche Vorliebe und Eingenommenheit auch gläubiges Volk zu finden, fühlen wir uns verpflichtet, den Kamps für unsere heiligen nationalen Güter von Neuem auszunehmen und den Aposteln der Kirchentonarten entschieden entgegenzutreten. Als Argument zur Begründung seiner Behauptung führt Herr Birnbaum folgendes an: ״Das Dorische, nach Mittelalter- . lichen Musiksorschern der richtigste und beliebteste Kirchenton, ist Ln der Synagoge sehr heimisch, weil er schnell und vielseitig modulirt und gerade bei der Megilla erscheint dieser zum Ausdruck höherer Feier und würdiger Freude geeignete ״authentische Kirchenton" vorzüglich angebracht." Von vornherein wollen wir constatiren, dass es mit der Modulation der Kirchentonarten überhaupt nicht weit her ist, indem dieses nur in harmonischem Sinne verstanden werden kann, und das auch nur so weit, als es die Schlussbildung der einzelnen Verszeilen betrifft; in melodischer Hinsicht aber kann dies ganz und gar nicht irgendwie in Betracht kommen. Wie sollte es denn auch anders sein können? War es doch schon ohnedies schwer, die Tonart eines Kirchenliedes genau zu unterscheiden, La die doppelte Stellung einer jeden Toureihe, ob sie nämlich von authentischer oder plagalischer Bedeutung war, das ganze System der Kirchentonarten so verwickelte und durcheinander brachte, dass man die bestimmte Tonart eines solchen,Liedes nur durch den letzten Ton desselben einigermaßen sicher augeben und feststellen konnte. Wenn nun dazu noch eine weitgehende Modulation und eine Bei- Mischung von fremden Tonarten hinzugekommen wäre, dann käme man ganz außer Rand und Band und könnte in der Tonartbestimmung nie mehr Hand und Fuß finden. Dann gehören doch zur Ausführung irgend einer nennenswerthen Modulation auch chromatische, nicht leitereigene Töne, welche aber bekanntlich den Kirchentonarten gänzlich fehlten, indem sie nur aus lauter diatonischen Tönen zusammengeschmiedet waren. Und in der That ist uns kein einziges, aus diesen Tonarten stammendes Kirchenlied bekannt, das in seiner Melodie von der ursprünglichen Tonart abweicht und modulatorische Fortschreitung macht; ausgenommen desjenigen vom Texte: ״Christ, unser Herr, zum Jordan kam", welches vollständig der dorischen Tonart angehört und nur in den letzten drei Tacten zur aeolischen Tonart übergeht und mit derselben auch schließt. Das istdie ganze so hochgepriesene ״Modulation", welcher unser geehrter Autor das Epitheton der ״Schnelligkeit und Vielseitigkeit" beizulegen beliebt. Dieser seiner Begeisterung für die Kirchentöne entsprechend, lässt Herr Birnbaum unsere arme Megilla folgende Quer- und Winkelzüge durchmachen, indem er ferner sagt: ״Die Art der Modulation vollzieht sich hier so, dass das Dorische gleich nach seiner Einführung schnell dem Lydischeu ausweicht, die lydische Phrase wiederum ihrer Unterquart 0 (der charakteriftischen Untersecunde des authentisch Dorischen) zustrebt, und aus dem Rückwege, mit nochmaliger Berührung des Lydischen und Dorischen, in d-aeolisch schließt." Merkwürdigkeit über alle Merkwürdigkeiten! Wir wären demnach hier noch katholischer als der Papst und unsere Synagoge kirchentonartlicher als die Kirche selbst! Die Kirche hat ihre zu ihrem eigenen Gebrauche modellirten Tonarten nur einzeln benutzt und jede für sich gebraucht, wir aber, wir sind darin viel weiter gekommen; wir haben das Kunststück zuwege gebracht, sie miteinander zu cultiviren und sie wie Spielbälle zusammenzuwerfen und alle in einem Athem zu gebrauchen. Die armen katholischen Musikprosessoren haben sich den Kopf zerbrachen und hin und her schauen müssen, bis es ihnen gelungen ist, endlich herauszubringen, auf welcher Tonart ein Kirchenlied beruht und aus Verzweiflung darüber erklärten sie, ״dass es viele Kirchenchoräle gibt, bei welchen die Tonart überhaupt nicht nachzuweisen, oder wenigstens nicht mehr zu erkennen ist." (Siehe Alfred Richter's ״Aufgabebuch und Nachtrag zum Contrapunkt", Seite 7.) Wir aber gerathen hierin nicht in die geringste Verlegenheit und sangen es auf den ersten Augenblick und spielend, wie diese Synagogenmelodie — diese, jene — jene Kirchentonart zur Grundlage hat'und besitzen noch die besondere Fertigkeit, die kleinste Abweichung der Melodie im Fluge herauszufinden und die Modulationsweise derselben aufs Genaueste anzugeben. (Fortsetzung folgt.) Die wichtigsten Institutionen des Judenthums nach der Bibel, dem Talmud und den Aussprüchen der Weisen in Israel. Dargestellt von Dr. M. H. Friedländer, Bez.-Rabbiner in Pisek. I. Pie Schute. (Fortsetzung.) Um den Schülern das Auswendiglernen erleichtern zu können,' wurden mnemotechnische Zeichen empfohlen. R. Chosda