Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 21 (15.8.1891)
- Date
- 1891-08-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Caaioren - Zeitung. Oential-Organ Pränumerations-Preis. . Kür ßanloreu und ßultusSeamte in Htsterreich-Ztngarn Ganzjährig.fl. 4— Halbjährig.fl. 2.— Kür ßantore» und ßullusöeamle im Ausland Ganzjährig . . . . . 8 Mark oder 4 Rubel. ־ Kür private und Inflilute Ganzjährig. . . . . .fl. 6.— für die Interessen der Cankoren und Culiusbeamken. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor Jacob ÜLllvr. Medactiorr und Administration Wie» II. Novaragasse Nr. 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. Abonnements- und Jnsertion'-Se» träge sind in Wien zahlbar. Ar. 81 Wien, 15. August 1891. Ein Geitrag zur Klärung -er Frage über die traditionellen Tonarten. XXII. Das ist bei uns ein schlimmes Nebel, dass wir den bekannten Egoismus von אני ואפסי״", der uns noch immer anhastet, auch aus unsere litterarische Thätigkeit übertragen und -'.uns in unseren Elaboraten jeder wissenschaftlichen Verantwort- ..ljchkest. überhoben Mhlen.?Aus allen Gebieten der Wissenschaft und des geistigen Verkehrs, wo nur Menschen in ihren Ansichten sich nicht einigen und um die Wahrheit streiten und kämpfen können, sehen wir überall die lobenswerthe Neigung und den guten Willen, Alles anzuhören, Alles zu prüfen und zu erwägen, um geeinigt dann das Gute vom Schlechten zu sichten und zu scheiden und das Wahre vom Falschen zu sondern und . zu trennen. Ist Jemand von einem Jrrthum befangen oder eine Sache von ihm falsch behandelt worden, dann wird er vor das Forum der öffentlichen Diskussion gestellt, wo dieselbe Sache, für und Wider gründlich ventilirt wird, bis jener seines Jrrthums überwiesen und die reine Wahrheit sonnenklar an das Tageslicht kommt. Wie ganz anders aber ist dies bei uns! Da kann Einer an einem unser Fach!berührenden Wissenszweige jahrelang mit dem Aufwand aller seiner Kräfte arbeiten, so kommt ein Anderer und annullirt seine ganze, so mühsame Arbeit mit einem Federstriche, indem er gerade das Entgegengesetzte behauptet, ohne dafür einen triftigen Grund anzugeben und ohne sich die mindeste Mühe zu nehmen, jene vorangegangene Arbeit zu widerlegen, oder sie auch nur zu erwähnen — sie wird einfach vornehm ignorirt und als nicht vorhanden betrachtet. Besonders wenn so Einer sich auf dem Kothurn einer sogenannten ״großen Stelle" wohl fühlt und dazu noch das hohe Ross des ״Obercantor"-Titels reitet, dann braucht er nur in Orakeln zu sprechen und blös leere Namen selbst fictiver Begriffe zu nennen, um die Welt von seiner hohen Meinung . zu überzeugen und alles Andere in den Schatten zu stellen. Nun, die Eollegen alle, wer nur vonihnen unsere Fachblätter hält und liest und mit ihnen auch viele musikalische Autoritäten, die sich für unser Fach interessiren und unfern Stand-schätzen und achten, wissen es ja recht gut, was wir mit unserer Artikelfolge: ״Ein Beitrag zur Klärung der Frage über die traditionellen Tonarten" bisher in synagogalgesanglicher und musikhistorischer Beziehung alles geleistet und vollbracht haben. Sie wissen es recht wohl, wie wir klar dargerhän haben, dass es un- und widersinnig ist zu glauben, der Synagogengesang basire auf der Grundlage der Kirchentonarten. Ebenso deutlich haben wir erwiesen, dass es durchaus vernunftwidrig ist zu behaupten, die Juden hätten, bei ihren unausgesetzten Leiden und fortwährenden Bedrängnißen einerseits und bei ihrer örtlichen und religiösen Abgeschlossenheit andererseits, ihren gottesdienstlichen Gesang aus der sie unaufhörlich verfolgenden Kirche sich geholt — eine Annahme, die der ganzen Vergangenheit und der von Thränen und Blut sattgetränkten Geschichte unseres Volkes grausam Gewalt anthut und der klaren Vernunft erbarmungslos ins Gesicht schlägt. Aus jener Kirche also, die sie hartnackig des religiösen Mordes beschuldigt, sollten die Juden ihre heiligen Melodien bezogen haben, um mit ihnen das ברבת הזבה״", den Segenspruch über ihre unzähligen Opfer an Leben und Gut für ihre Religion und Ueberzeugung anzustimmen und für ihre Nationalität und Gedankenfreiheit in den Feuertod zu gehen? Wahrlich, das ist eine Behauptung, die uns vor Scham und Aerger das Blut in den Adern gerinnen macht und uns moralisch auf das Niveau jenes hausirenden Juden stellt, den der Gutsherr auspeitschen und des Hofes verweisen lasst, und der gleich darauf wiederkommt, um ihn fußfällig zu bitten, ihm zu seiner Belustignng das ״Na jophis“ Vorsingen zu dürfen. Wir haben auch feftgeftellt, auf wie schwachen Füßen die Kircheutonarten überhaupt standen, wie mangelhaft und von welch primitiver Beschaffenheit diese waren, wie sie selbst in diesem dürftigen Zustande noch nicht einmal wirkliche Originale und das Resultat eigener Ersindungskrafl, sondern lediglich Geburten eines unbeholfenen, mit wenig Phantasie ausgestatteten Nachahmungs- und Nachbildungsgeistes waren, wobei noch so niancder Jrrthum und manch offenkundiges Mißverständnis mit unterlief. Dagegen haben wir ausgeführt und an jeder unserer Specialtonarten anschaulich gezeigt, wie wahrhaft vollkommen und selbstständig dieselben sind, wie sie nicht nachgemachte und nachgeäffte Caricaturen eines gegebenen Musters, sondern liebliche und anmuthige Kinder der selbstschaffenden Natur sind, die ihnen. Kraft und Lebenssaft gibt und ihnen in unserer Brust ein Colorit verleiht, das gerade der Eigenthümlichkeit unseres Volkes so sehr entspricht und dafür ganz geschaffen scheint. Wir