Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 20 (1.8.1891)
- Date
- 1891-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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- Minsk 1× ep/1000754
- Odesa 1× ep/1000834
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anthropisches Unternehmen in praktischer Weise angefasst werde, eine große englische Gesellschaft zu gründen, deren Aktien ich sämmtliche oder zum grüßen Theil übernehmen will. Es nimmt vielleicht Wunder, wenn ich ich mittheile, dass mir hiebei nicht die Geldfrage, wohl aber die Frage, die geeigneten Persönlichfeiten zu finden, Schwierigkeiten bereitet. Mir fehlen Direktoren dieser Gesellschaft. Männer, welche die erforderliche Gewissen- Hastigkeit und gleichzeitig die geistigen Fähigkeiten besitzen, mit einer so komplizirten schwierigkeiten Ausgabe fertig zu werden, lasse sich nur schwer abtreiten. Ich bin jedoch bemüht, sie zu finden. Der Nächste Punkt meines Programmes ist die Bildung eines großen, aus hervorragenden Mitglieder jüdischer Gemeinden in der ganzen zivilisirten Welt zusammengesetzten Ausschusses, welcher eine Exekutive ernennen soll, die im Vereine mit den jetzt in Rußland in der Bildung begriffenen Ausschüssen die methodischen Auswanderung der Juden zu leiten hat. Man hegt vielleicht Bedenken, ob es möglich sein werde, Menschen in so großen Massen mit Erfolg von einem Theile der Welt nach einem anderen überzuführen. Es kommt jedoch momentan nicht hierauf an. Hauptsache ist es, zunächst organisirte Gemeinwesen als erste Stationen für die im größeren Maßftabe erfolgende Auswanderung zu gründen, welche nicht ausbleiben wird, sobald der Erfolg der ersten Organisationen festgestellt ist." Von besonderem Interesse für unsere Leser dürste der erwähnte Bericht des Mr. Arnold White sein, der im Aufträge des Baron Hirsch eine Reise durch Rußland unternommen hat, um die Zustände der dortigen jüdischen Bevölkerung kennen zu lernen und im Hinblicke auf die mannigfach erörterten Colonisationspläne die Eignung der russischen Juden für den Ackerbau und das Handwerk zu prüfen. Mr. White hat die Orte Moskau, Varoschba, Baromea, Borlowo, Kiew, Berditschew, Odessa, Cherson, die jüdischen Ackerau-Colonien von Dolnaye, Defsingar, Nowaja, Poltawka, ferner Nikolajew, Jekaterinoslaw, Kromnotschug, Homol, Minsk und Witha besucht und die empfangenen Eindrücke in einem gedrängten Memoire zusammengefasst, dessen markanteste Stellen wir in nächster Nummer wiedergeben wollen. (Schluss folgt.) doch keinen würdigeren, ehrlicheren, uneigennützigeren und hingebungsvolleren Vertreter sich wünschen. Er sah es auch als seine Arbeit an, dass seine Ernennung zum Befehlshaber und! Regierer der gesammten Juden deutscher Nation kein leerer Titel bleibe, sondern seinen Glaubensgenossen Heil und Segen bringe. Er erkannte, dass das Gelingen seines Werkes nicht durch ihn allein bewerkstelligt werden könnte, dass er diesem - allein nicht gewachsen sei, dass ein bleibender Erfolg von dem Zusammenwirken Aller abhängig sei; deshalb war sein Streben zunächst dahin gerichtet, den über ganz Deutschland zerstreut lebenden Juden eine feste Organisation zu geben, sie zu einer festen Körperschaft zu verbinden. Das Organisationswerk gelang vollkommen; sämmtliche Juden wurden nach den zehn Kreisen des Reiches eingetheilt. Es wurde ein ständiger Ausschuss gewählt, dessen Sitz in Franksurt a. M. war, wohin die Juden zweimal im Jahre ihre Delegirten sandten, um über alle öffentlichen Angelegenheiten der Juden Deutschlands zu berathen und zu beschließen, wodurch in allen wichtigen Fragen ein einheitliches Vorgehen erzielt wurde. Diese Organisation hat sich theilweise bis zum Untergange des römischen Reiches deutscher Nation (1808) erhalten. Die Judenfeinde, besonders die schon einmal erwähnten Dominikaner, kehrten jetzt ihren ganzen Hass, ihre gesammten giftigen Waffen gegen den würdigen Mann Josef Loans, gegen das Haupt und Herz des Führers, um so leichter die Schützlinge vernichten zu können. Zu jener Zeit existierten sogenannte Kipper- und Wipper-Leute, welche die Goldmünzen in verbrecherischer Weise beschnitten und abfeilten, um sich die Gold- Nenn Chronik. Wim, 21. Juli. In der gestern stattgehabten Sitzung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus beantragte ein Voll sch lag, das Comite möge die jüdischen Kreise bewegen, den specifisch jüdischen Unarten eutgegenzutreteu, sowie der Verein zur Abwehr des Antisemitismus die christlichen Unarten bekämpfe. Hofrath Professor Nothnagel proteftirte gegen den Ausdruck ״Jüdische Unarten" und sagte dabei ungefähr Folgendesr ״Ich kenne keine jüdischen Unarten, ich kenne nur menschliche Unarten. Es gibt keine jüdischen Unarten und Eigenthümlichkeiten. Ebenso könnte man von germanischen Unarten sprechen. Oder ist das eine Tugend, wenn der Deutsche trinkt, bis er unter dem Tische liegt. Ich kenne viele Juden, die so ritterlich sind, wie ein Arier es nur sein kann. So lange mein denkendes Empfinden reicht, ist mir immer als Motto das herrliche Wort L essin g's vor den Augen geschwebt: ״Erst Mensch, dann Christ und Jud und Muselmann". Was macht man den jüdischen Mitbürgern zum Vorwurfe? Ich kenne Juden aus allen Ländern und weiß daher zu beurtheilen, dass es keine specifisch jüdischen Eigenthümlichkeiten gibt. Man macht den Juden einen gewissen Erwerbssinn, eine vortreffliche Eignung zum Handel zum Vorwurf, aber man vergisst dabei, dass die Juden vor Zeiten ein ackerbautreibendes Volk waren und nur dadurch, dass man sie zu Parias auf die schmachvollste Weise hcrabdrückte, dass man ihnen jeden anderen Erwerbszweig wegnahm, wurden sie auf den Handel allein angewiesen." Hofrath Nothnagel widerlegte hierauf den gegen die Juden gemachten Vorwurf des Servilismus und schloss mit den Worten: ״Was wir wollen, ist Gerechtigkeit, und Gerechtigkeit ist es, die unseren jüdischen Mitbürgern vorenthalten wird. Dafür wollen wir kämpfen mit den Waffen des Friedens, mit Allem, was das menschliche Herz Gutes und Schönes hat." (Langanhaltender Beifall.) — Herr Vollschlag erklärt, dass er die Worte ״Jüdische Unarten" nicht aus Ueberzeugung, sondern nur aus rednerischer Ungeschicklichkeit gebraucht habe. Atzgersdorf. Der hiesige Ortschulrath hat wieder seinen wahrhaft liberalen Character dadurch geäußert, dass er auf l Antrag des Herrn M. Tagtieber die jüdische Religionsschule von innen und außen sehr nett und zweckentsprechend aus commuualeu Mitteln renoviren ließ, wofür ihm auch der öffentliche Dank der hiesigen jüdischen Bevölkerung hiermit ausgesprochen wird. Liestng. Es berührt den Rabbiner und Cantor angenehm, wenn sie die Schar der von ihnen getrauten Eheleute, überabfälle anzueignen. Dieses Verbrechen wurde mit dem Tod^ durch den Strang bestraft. Nach den Worten des Propheten! kommen die Zerstörer und Vernichter aus unserer Mitte — so war es auch hier. Ein verworfener Jude, der von Loans wegen seines unsittlichen Lebenswandels eine Strafe erhielt, wurde gewonnen, um gegen den Führer als Denunziant aufzutreten. Josef Loans, der kaiserliche Befehlshaber der gesammten Judenheit deutscher Nation, wurde 1910 der Wipperei angeklagt und ins Gefängnis geworfen. Eine grenzenlose Bestürzung ergriff alle jüdischen Kreise, jeder eiinelne Jude fühlte das Damoklesschwert zugleich über seinem Haupte schweben Wenn der fromme und gelehrte Loans, der kaiserliche Befehlshaber der gesammten Judenheit deutscher Nation, eines gemeinen Verbrechens wegen abgeurtheilt und hingerichtet wurde, so musste ja dieser Fall, wie dies leider stets geschieht, da die Gesammtheit der Juden für die Sünden Einzelner büßen musste, Veranlassung bieten zur Verfolgung und- Ermordung aller Juden in sämmtlichen Ländern der Christenheit. Der Schmerz der Juden wurde durch das Frohlocken der Judenfeinde noch erhöht. Alles zagte und zitterte, nur ein Mann nicht, und dieser Eine war der Angeklagte Josef Loans; er verlor seine Fassung nicht. L>eine Unschuld war der Fels, an dem alle Furcht zerschellte, denn die Unschuld und das unerschütterliche Gottvertrauen sind Pfeiler, die nie wanken. Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass seine Unschuld trotz der tausend und aber tausend Ränkeschmiede, die auf sein Verderben hinarbeiteten, bald ans Tageslicht kommen werde. __ (Fortsetzung folgt.)