Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-08-01 · Heft 20 (1.8.1891) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 20 (1.8.1891)
Date
1891-08-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1304829-3453207-3453227--3217-3457549
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

st ein Jrrthum, den nicht allein moderne Beispiele, sondernauch - die Geschichte widerlegen. Die Israeliten in der Zeit vor Christus waren Ackerbauer xar 6X06I16Q66, während der Handel, der, nach der Beschäftigung der Juden von heute zu schließen, - das Erb-!heil Israels sein soll, damals ausschließlich in dew Händen der Phönizier, Griechen und Mittelmeervölker lag. Die Juden, so lange sie politisch selbstständig waren, bestellten, w׳e gesagt, ihre Felder, trieben Viehzucht und waren Handwerker. Die Vorliebe für die Arbeit auf dem Felde und in der Werkstatt existirte also, und meine eigenen Beobachtungen, sowie diejenigen Anderer haben bewiesen, dass es vollkommen möglich ist, in der Race diese Fähigkeit und Liebe für die Agricnltur wieder zu erwecken und zu neuer Bethätigung zu bringen. Auf seiner eigenen Scholle wird also der arme Jude, den bisher der Hass wie einen Geächteten verfolgte, Frieden und Unabhängigkeit, Liebe für den Boden, den er bearbeitet, und für die Freiheit erlangen und er wird ein patriotischer Bürger seiner neuen Heimat werden. Von diesen Ueberzeugungen geleitet, lag der Weg für mein philanthropisches Wirken klar vorgezeichnet vor mir. Durch Errichtung von Stiftungen im Orient und in Galizien wünschte ich den in der Cultur zurückgebliebenen Juden dieser Länder, ohne sie von dem Lande, welches sie bewohnen, abzulenken, die Gelegenheit zu bieten, tüchtige Ackerbauer und Handwerker zu werden, wozu die Schaffung von Ackerbau- und Handwerkerschulen das Mittel bildet. Es muß jedoch eine andere Methode zur Unterstützung jener Juden adoptirt werden, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und gezwungen sind, jenseits des Oceans neue Wohnstätten zu suchen. Und deßhalb ist es gegenwärtig mein größter Wunsch, ein Werk von weit bedeutenderen Dimensionen und ganz anderem Charakter als die bisherigen zu vollführen, ein Ziel, an. welchem am ehesten.die erwähnteu Ergebnißeerreicht werden können. Es handelt sich darum, den aus ihrer Heimat verdrängten russischen Juden zu neuen Heimstatten zu verhelfen, wo sie ihre Kräfte frei entfalten, sich die Eigenschaften ihrer Urahnen wieder angewöhnen und schließlich zu nützlichen Insassen freier, allen Bewohnern gleiche Rechte sichernder Länder werden könnten. Bei diesem Plane dachte ich natürlich auch an die Vereinigten Staaten Nordamerikas, deren freie Verfassung die Garantien gedeihlicher Entwicklung für die Anhänger aller Confessionen bietet. Ich musste jedoch, zur Einsicht gelangen, dass, eine .zu starke Vermehrung der ohnehin bereits zahlreichen Juden m den Vereinigten Staaten weder dem Lande selbst, noch den aus Mer Heimat vertriebenen Juden zum Vortheil gereichen könne, wie ich denn überhaupt der Ansicht bin, dass die neuen Ansiedler auf verschiedene Länder und größere Gebiete vertheilt werden sollen, damit zu keinerlei socialen oder confessionellen Reibungen Anlass gegeben sei. Ich ließ daher in anderen Ländern Umschau halten, und die auf meine Veranlassung vorgenommenen Studien beweisen, dass die Argentinische Republik, Canada und Australien in erster Linie die sichersten Garantien für die Ausführung dieses Planes bieten. Ich gedenke mit Argentinien zu beginnen, und sind die Verhandlungen wegen Ankaufs bedeutender Ansiedlungscomplex? im Zuge. Vor einigen Jahren sind mehrere Hundert jüdischer Familien aus Rußland nach Argentinien ausgewandert. Trotz unsäglicher Leiden, riesiger Hinderniße, denen sie begegneten, gelang es ihnen dennoch, in der neuen Heimat Wurzel zu fassen. . Dieselben Familien, die noch vor wenigen Jahren unter schwerem Bündel keuchend, scheuen Blickes als vagante Handelsleute in Rußland umherzogen, sind jetzt tüchtige Bauern geworden, die mit dem Pfluge und der Haue. so umzugehen wissen, als hätten sie nie anders gethan. Sie bestellen ihre Felder auf das Sorgsamste und bauen sich so nette Häuschen, daß sie in der ganzen Gegend als Zimmerleute zum Hausbau verwendet werden. Dies ist binnen wenigen Jahren inmitten großen Elends aus den russischen Auswanderern geworden. Diese Erfahrung leitet mich bei meinem Werke, an dessen Ausführung ich jetzt mit voller Kraft gehe--. Wie Baron Hirsch, seine Pläne anszuführen gedenkt, wird in der Times auseinandergesetzt. Baron Hirsch hatte -sich nämlich über den Bericht des von ihm nach Rußland entsendeten Mr. White ausgesprochen und folgende Bemerkungen daran geknüpft: ״Herrn White's Bericht macht es klar, dass bei der Organisation meines Planes jeder vermeidbare Aufschub vermieden werden muß. Es ist meine Absicht, damit mein Phil- Josef Loans Roslinm, kaiserlicher Befehlshaber der deutschen Juden. Von A. Stein, Cantor und Neligionsweiser in Taus. Zu allen Zeiten standen Feinde gegen Israel auf, aber der Hochgelobte hatte stets Hilfe in Bereitschaft und seine Werkzeuge wählte er aus den verschiedensten Classen der Menschheit. Ein solches Werkzeug in der Hand des Schöpfers war Josef Loans ben Gerson, geboren 1478 in Rosheim, einem Städtchen in Elsass; er war auch Joselmau genannt und stammte von dem weltberühmten R. Salomon Jizchaki ab. Seine Ahnen wohnten ursprünglich in Louans in Südfrankreich, wanderten 1394 anlässlich der Judenaustreibung aus Frankreich nach der Schweiz; aber auch hier fanden sie keine Ruhe. Das alte Blutmärchen wurde auch hier anfgewärmt, niehrere Juden wurden infolge dessen eingekerkert und verbrannt. Sein Vater Gerson übersiedelte darum nach Oberenheim, musste jedoch dieses bald verlassen, bis es ihm endlich gelang, in Rosheim einen dauernden Wohnsitz zu finden, wo ihm kurz daraus sein Sohn Josef geboren wurde. Joselman war weder ein hervorragender Gelehrter, noch besonders reich, sondern ein frommer, gesinnnngsstarker Jude, der in bescheidenen Verhälttiißcu lebend, in sich die Mission fühlte, der Vertheidiger und Beschützer seiner Glaubensgenossen zu werden. Und diese Mission erfüllte er durch 50 Jahre mit peinlichster Gewissenhaftigkeit. Josef -erhielt seinen ersten. Unterricht in den jüdischen Wissenschaften von seinem Vater. Er besaß einen Nüchternen Verstand, der ihn vor den bedauerlichen Schwärmereien und Geistesverirrungen der um jene Zeit Alles beherrschenden Kabbala schützte. Dieser nüchterne Verstand war es, der ihn׳ zur Doppelmission befähigte, als Vertheidiger und Beschützer seiner Glaubensgenossen in Deutschland und als Organisator ihrer Nerhältniße nach Innen auszutreten und mit Erfolg seine Aufgabe zu erfüllen. Seine erste That von hervorragender Bedeutung vollbrachte er im Jahre 1509. Ein höchst gefährlicher Apostat, Johannes Pfefferkorn, im Vereine mit den fanatischen Dominikauern zu Cöln, begann seine Denunziationen gegen die jüdischen Dchristen und wollte sie vernichten. In Frankfurt waren bereits 1500 hebräische Pergamentrollen, gedruckte und geschriebene Bücher von hohem Werthe confiscirt worden, um auf dem Scheiterhaufen in Asche verwandelt zu werden. Da trat der einfache, schlichte Jude Josef Loans auf, intervenirte zuerst bei dem judenfeindlichen Churfürsteu von Mainz, Uriel von Gemmingen, dann beim Kaiser Maximilian I. Er unternahm zu diesem Behufe eine beschwerliche Reise nach Salzburg, wo damals das kaiserliche Hoflager sich befand. Dieser erste Schritt war für Josef Loans und seine Glaubensgenossen von glänzendem Erfolge. Er erreichte nicht blos, dass der böse Wille des verkommenen Apostaten und der judenfresserischen Dominikaner zunichte wurde, sondern auch ein kaiserliches Ausweisungsedict, die Juden in Colmar betreffend, blieb unausgeführt. Josef wurde aber auch vom Kaiser zum Befehlshaber und Regierer der gesammten Jndenheit der deutschen Nation ernannt. Die Juden Deutschlands begrüßten seine Ernennung mit innigster'Freude und aufrichtigstem Enthusiasmus; konnten sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.