Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 20 (1.8.1891)
- Date
- 1891-08-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 wie vor der großen, es ist keine klein, die nicht groß werden könnte, sie schwächt die moralische Kraft und besteckt das reine Lichtgewand der kindlichen Unschuld. Ist es dir aber gelungen, die erste Lockung zu überwinden, und das ist nicht allzuschwer, dann bleibt dir die zweite fort. Und käme sie auch, sie weicht dem sittlichen Willen, der durch einmaligen guten Erfolg siegesmuthig geworden. Merkt euch den Spruch des weisen Mannes: ״Das Laster selbst verfolgt den Sünder, den Frommen lohnt schon seine Tugend." (Spr. 13, 21.) (Ab. 4, 8.) Rabbi Jose pflegte zu sagen: ״Wer die Thora ehrt, der wird selbst von den Menschen geehrt, wer aber die Thora entwürdiget, wird selber von den Menscken entwürdiget". Die Ehre ist die feierliche Anerkennung des hohen Werthes, den ein Mensch besitzt, wenn sie ihm erwiesen wird. So gebührt sie gewiss der religiösen Erkenntnis am vollsten und rückhaltlosesten; denn die Thora ist die Quelle menschlicher Vervollkommnung. Wer religiöse Erleuchtung in Ehren hält, legt das Zeugnis ab, dass die Gottesidee in ihm zum klaren Bewusstsein gekommen ist. Darum soll der Religionsunterricht der Schuljugend heilig sein. Wer sich gleichgiltig, unaufmerksam oder gar unanständig dabei benimmt, der ehrt die Thora nicht, er schändet sie vielmehr, er entweihet sie und entwürdiget sich in den Angen Gottes und der Menschen. Dasselbe gilt vom Gottesdienste, der mit der Thora in enger Verbindung steht. Durch nichts stellt sich die innere Hohlheit und Leere so zu Tage als durch Hohn gegen das Heilige, durch Entweihung alles Göttlichen. Darum gib Ehre der Thora und du) wirst sie selber haben vor der Welt. ״Halte sie hoch und sie wird dich erheben, wenn du sie umarmst, wird sie auf dein Haupt setzen ein Diadem der Pracht, mit einer Krone der Zierde dich schützend schmücken." (Spr. 4, 8.) (Ab. 4, 12.) Rabbi Eleaser ben Schamua sagte: ״Die Ehre deines Schülers muß dir so lieb sein wie die deine, und die Ehre deines Genossen wie die Ehrfurcht vor deinem Lehrer, und die Ehrfurcht vor deinem Lehrer wie die Ehrfurcht vor Gott."׳ Der Lehrer soll dem Schüler ein Vater sein, er soll denselben wie sein eigenes Kind lieben und behandeln; aber der Schüler muß sich auch darnach betragen, er muß dem Lehrer ehrfurchtsvoll begegnen wie seinem Vater, der ihm das Leben gegeben. Der Vater gibt dir und fördert dein zeitliches Sein, der Lehrer vermittelt dein geistiges Wohl. O, dass alle Schüler das doch beherzigen möchten! So wie Gott sollst du zwar weder den Lehrer noch sonst irgend Etwas ehrfürchten; anbetungswürdig ist Gott allein nur. Liebe Nichts, verehre Nichts so wie deinen. Gott und auch die Ehrfurcht vor deinem Lehrer darf der vor Gott nicht ähnlich, viel weniger ihr gleich sein. Aber so lieb muß sie dir sein wie jene. Der Lehrer, der dir die Erkenntnis von Gott gegeben, hat dir den Gott selber gegeben, denn du hast ihn nur, wenn du ihn weißt und erkannt hast. Nächst Gott gibt Nichts deinem Seelenheile so Boden und Wachsthum als der, welcher den Geist in dir erstehen ließ und der Seele zur Entwicklung verhalf. (Ab. 4, 20.) Elisa ben Abuja sagte: ״Wem gleicht der, welcher als Kind lernt? Der Tinte, geschrieben auf neuem Pergament. Wem gleicht der, welcher im Alter lernt? Der Tinte, geschrieben auf verdorbenem Pergament." Wer als Kind lernt, schreibt ans neuem Pergament, wo jeder Zug sich klar und deutlich malt und unverwischlich bleibt. Wie die jungen Glieder des Leibes biegsam und gefügig sind, so sind auch die Geistesschwingen frei von Hemmnißen, die später so mannigfach eintreten. Jrrthümer und falsche Begriffe haben sich dem kindlichen Geiste noch nicht eingelebt. Das Herz ist gefügig, weich wie Wachs, wenn es die Eindrücke empfängt. Auf die Grundrisse, welche in das frische Pergament des kindlichen Geiste-; gezeichnet werden, kommt Alles an, sie bedingen das Schöne und Große des kindlichen Lebensbildes. Aber das Kind, der lernende Schüler muß auch dem neuen Pergamente gleichen, stark wie dasselbe muß sein Wille sein, dauernd wie dasselbe sein Fleiß, dann lässt sich ein günstiger Erfolg erwarten; denn, ״was Hänschen nicht lernt", lautet ein Spruch, ״lernt Hans nimmermehr. Beherziget auch den Spruch des weifen Kohelet: ״Gedenke deines Schöpfers in den Tagen deiner Jugend, ehe kommen die des Leidens und Jahre nahen, von denen du sprichst: Ich habe kein Wohlgefallen an ihnen". (Koh. 12, 1.) (Fortsetzung folgt.) Der Colonisationsptan -es Mron Hirsch. I. Baron Hirsch hat in der ״North American Review" einen Artikel veröffentlicht, in welchem er sein Programm für die Versorgung der aus Rußland vertriebenen Juden darlegt. Dieses Blatt hat ihm, wie die ״Presse" meldet, für den Artikel 1300 Francs alß Honorar übersendet, toeläfen Betrag er einer New-Aorker Wohlthätigkeits-Anstalt zuwies. Baron Hirsch schreibt u. A.: Meines Erachtens kann darüber kein Zweifel obwalten, dass der Besitz eines großen Vermögens dem Eigenthümer Pflichten auferlegt, und meiner innersten Ueberzeugung entspricht es, dass ich mich blos als zeitweiligen Verwalter des von mir erworbenen Vermögens zu betrachten habe, und dass ich es für meine Pflicht halte, durch Linderung des Elends der vom Schicksale hart Getroffenen in meiner Weise beizutragen. Indem ich in solcher Weise wirksam bin, bekämpfe ich die althergebrachte Art der Almosenvertheilung, die nur neue Bettler schafft, auf das Entschiedenste, und ich betrachte als die Hauptaufgabe der Wohlthätigkeit, aus Individuen, die sonst der Bettelei verfallen müssten, erwerbsfähige Menschen und damit nützliche Mitglieder der Gesellschaft heranzubilden. Für mich hat das Geschick ein besonderes Feld philanthropischer Wirksamkeit ausersehen. Wenngleich ich bei Linderung menschlicher Leiden niemals frage, ob der Nothschrei von Angehörigen meines Glaubens kommt oder nicht, was ist dennoch natürlicher, als dass ich meine höchste Aufgabe darin erblicke, den durch tausendjährigen Druck verkommenen, in Elend darbenden Anhängern des Judenthums die Möglichkeit einer physischen und moralischen Wiedergeburt zu bieten, dass ich mich bemühe, sie zu befreien, sie zu arbeitsamen Bürgern heranzubilden und dadurch der Menschheit viele neue und schätzenswerthe Kräfte zuzuführen. Jedes Blatt in der Geschichte der Juden lehrt uns, dass ich mit diesem Gedanken keine Utopie verfolge, und ich hoffe zuversichtlich, dass dieses Ziel erreicht werdem kann. Was ich zu vollführen wünsche, was nach manchen schweren Unglücksfällen das Ziel meines Lebens geworden ist und wofür ich bereit bin, mit meinem Vermögen und mit meinen intellectuellen Kräften einzustehen, ist, einem Theile meiner verfolgten, aus ihren Heimatsstätten vertriebenen Glaubensgenossen die Möglichkeit zu geben, eine neue Existenz, in erster Linie als Ackerbauer, ferner auch als Hand- Werker, in solchen Ländern zu finden, in denen die Gesetze und die religiöse Toleranz ihnen gestatten, den Kampf ums Dasein als edle und verantwortliche Unterthanen einer humanen Staatsregierung zu führen. Es ist zur legendären Maxime und zu einem der typischen Vorwürfe, die man gegen die Juden erhebt, geworden, dass sie weder zum Ackerbau, uoch zum Handwerk Neigung haben. Das