Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 19 (21.7.1891)
- Date
- 1891-07-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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nicht mehr lehren — Wotan tvird's Euch sagen, Wotan wird's Euch kündeu." Mit diesem Ruse wollte der Gewaltige die kindliche Welt, die sich von natürlich inniger, einfacher Musik bezaubern ließ, aus dem herrlichen Zauberkreise gemüthswarmer Volkslieder, sinnberückender Cantilenen verscheuchen. Der schwerbetroffene Meister, der nach ״Lohengrin" die Stimme verlor und nur noch krächzen konnte, tapple noch immer auf der Leyer herum und riss in den Saiten. Statt der Begeisterung kam die Wuth über ihn, er schuf eine Musik in Wuth. ״Pauken und Trontpeten schmettert, dröhnt, damit die religiöse Weihe des Meyerbeer'scheu Hugenotten-Chorals mich nicht überwältige, damit mich nicht die düstere Gewalt der ״Schwur- und Schwerterscene" erbeben mache. ״Walküren, schreit, rast ״Wigalaweia", damit Raoul's und Valentinen's Liebesduett mit seinen innigen Herzenslauteu mich nicht erinnern möge, dass ich nach dem ״Loheugrin" nur noch krächzen kann. Heran, heran, Ihr Schaaren, ich, der Meister aller Meister, ich sag' es Euch: ״Wallfahret nicht in die von stählender Tagessonne überstutheten Gesilde des Hugenotten und Propheten — Heiden. Zu mir eilt, wenn Ihr auch meine Musik noch nicht verstehen könnt, aber seid nur ruhig, es ist Zukunftsmusik. Immer 'rein, immer 'rein in's Extracabinet! Hier zu sehen, Rieieu, Drachen, Zwerge, Schlangen, Zaubergarten, Meerjungfrauen, dressirte Hammel vor Fricka's Wagen und Grane, das Pferdchen von der Coloffaljuugfrau und Riesendame Brünnhilde. Ueberzeugung macht wahr; internationales Unternehmen, einzig in seiner Art, zum Schluß große Festrede mit weihevoller Selbstbeleuchtung. Nüchternen Journalisten mit Briefen in der Tasche ist der Eintritt nicht gestattet; der Fall ״Paul Lindau, nüchterne Briefe aus Bayreuth" hat dieses Verbot nothwendig gemacht. Ohrenleidende müssen einen ärztlichen Erlaubnisschein mitbringen, an Schlaflosigkeit Leidende haben es nicht unbedingt nöthig. Es wird unser eifrigstes Bestreben sein, einem verehrlichen Weltpublikum zu beweisen, dass ich Melodien geschaffen habe, die kein Leierkasten Herunterorgeln kann, und mir so das Patent allein gebührt, ein Mittel erfunden zu haben, welches alle Leierkästen unschädlich macht und selbst in hartnäckigsten Fällen vor der Musik der ״Jüdin" schützt. Hochachtungsvoll Ho—jo—to—ho, internationaler Kunstmakler." P. 8. ״Echte Kunst — Courszettel sind nur von dem Unterzeichneten zu beziehen; vor jüdischen Nachahmungen wird gewarnt und hiermit zugleich erklärt, dass die Juden in keiner Beziehung berechtigt sind, musikalisches Talent, überhaupt eine Musik zu haben." Mit der Jahrmarktsschreierei der modernen, allein seeligmachenden Kunst und der Alleinherrschaft des musikalischen Dramas wurde zugleich obiges Postscriptum aus ״Nächstenliebe" Weiler verbreitet, und so das Publikum vor den Anpreisungen eines Meyerbeer, Halevy, Mendelssohn gewarnt. Wer Moses Mendelssohn zum Großvater hatte, kann höchstens ein Philosoph, aber noch lange kein Musiker sein. Der internationale Kunstmakler hat seine Schaubude nur für die Sommcrsaison hergerichtet, und da dieselbe natürlich nicht massiv gebaut ist, obwohl es in derselben recht massiv hergeht, meint man schon etwas allgemein, dass alle Drachen, Zwerge und sonstige Kunstmittel in Bälde nur noch kurze Zeit sichtbar sein werden, um nach einer neuen Welt auszuwandern, die man zu entdecken mit Eintritt nasser Witterung beginnen wird. Zur Ueberführung der schon recht verfallenen Schaubude haben sich Möbelwagenbesitzer aller Länder gemeldet, da ganze Völker bereit sind, die Kosten zu tragen, um nur so schnell wie möglich den musialischen Spectakel und das wüste Geschrei unendlicher Melodien weit fort aus dem Lande zu haben. O, die Ihr nicht glaubt, dass Juden musikalische Bettler sind, bedenkt doch nur, dass Meyerbeer selbst das ״Bettlerlied" im ״Propheten" schrieb, um Euch seine musikalische Armuth zu klagen. Trotzdem hast Du mehr Glück, als der arme ״wähnende" Ho—jo—to—ho. Du wurdest. Meyerbeer, selbst verherrlicht, als Du mit ״Robert" gar den ״Teufel" schufst, der arme Ho—jo—to—ho wird immer mehr verlassen, obwohl er leibhaftige Götter schuf. Wir bedauern Dich, armer Ho—jo—to—ho. Aber Du allein, Du allein hast Dir das Geschäft verdorben! Warum ließest Du, als Du die Taschen voll hattest׳ und gerechten Ruhm, außerdem noch einen ״Ring" verloosen?! Einen Ring, der aus vier Theilen besteht, einen Ring, der so schwer ist, dass derjenige, der ihn trägt, ״o, weh" schrei'n muß, einen Ring, der keine Faeon hat, einen ״Ring", der bei vielen Pfandleihern als Versatzstück gar nicht angenommen wird. Vielleicht nur dann erst, wenn man ihn umschmilzt? Siehst Du, Ho—jo—to—ho, wegen des Postscriptums an die Juden musstest Du jedenfalls noch mehr Druckkosten bezahlen, die Welt glaubt'sDir doch nicht.-Selbst in der germanischen Stadt Berlin hat Meyerbeer einen Ehrensitz; alles an seinem Thron ist echtes Gold. Nicht solches Gold, mit dem Du Deinen ״Ring" geschmiedet hast, Ho—jo—to—ho. Echt, echt! In Musterausführungen bringt die Oper in Berlin immer noch die Hugenotten. Rothmühl singt die Cavatine mit strömendstcr Gefühlswärme, mit vollendeter Kehlfertigkeit. — Ho—jo—to—ho, hast Du denn nicht auch behauptet, der Gesang der Juden hätte immer etwas näselndes? Irren ist menschlich; Du hieltest Dich aber für göttlich, deshalb muß man Dir Deinen Jrrthum wohl übel nehmen. Nur die Italiener versteh'» gute Gypsfiguren zu formen; Dir, Ho—jo - to—ho, sind die germanischen Gypsfiguren nicht gelungen. Sie bröckeln ab. In einem kleinen Theaterhaushalt muß der Capellmeister sogar recht tüchtige Stücke abbrechen. Warum hast Du denn nicht wie Meyerbeer auch die zweite Hälfte Deines Lebens nur in Marmor ausgehauen., sprang er unter Deinen Händen? Jedenfalls wurde Dir der Arm lahm, und da wolltest Du die Kraft durch den Mund ersetzen und schriest hinaus: ״Die Juden haben keine Musik." Die Juden haben wohl doch Musik, sogar soviel, dass sie Deine Hauptstütze sein können, auch wenn sie ״Levy" heißen und in München musikalische Almosen sammeln. Es gibt ja sehr viel, diebei Lebzeiten betteln gehen; wenn sie sterben aber Neichthum hinterlasien. Ob Ho—jo—to—ho mit seinem Postscriptum auf dem Marktschreierzettel auch die Juden für solche ״musikalische Bettler" hielt? Die Zeit wird es lehren, oder hat es schon gelehrt. Kleine Chronik. Wien. Wie wir in voriger Nummer gemeldet, hat der Experte Wimmer aus Floridsdorf in der am 2. Juli stattgefundenen Enquete zur Feststellung eines Musterstatutes für die israelitischen LandgemLinden in Niederösterreich sein Votum dahin abgegeben, dass dem Cantor im jüdischen Cultussystem keine eminente Bedeutung zukomme, und die Mehrzahl der Vertreter der Landgemeinden schloss sich dieser vollkommen irrigen Anschauung an. Der Vorstand des österr.-ungar. Cantoren- Vereines, konnte nun eine solche, das Ansehen und die Interessen des Cantorenstandes schädigende Aeußernng nicht unerwidert lassen und sah sich darum veranlasst, eine diesbezügliche Eingabe an das Ministerium des Innern und das Cultusministerium zu richten. Zur Ueberreichung derselben wurde eine' Audienz bei Se. Excellenz dem Herrn Ministerpräsidenten sowie auch bei Se. Excellenz dem Herrn Cultusminister angesucht, welche beiderseits in huldvollster Weise bewilligt wurde. Freitag, den 17. d. M., ward dem Präsidium des Cantoren-Vereines, und zwar dem Präses,. Obercantor I. Singer, und den beiden Stellvertretern, Obercantor I. Bauer und einer. Obercantor L. Stern, die hohe Ehre zu Theil, von dem Ministerpräsidenten, Graf Taaffe empfangen zu werden. Obercantor Singer hielt bei Ueberreichung der Eingabe folgende Ansprache: ״Euere Excellenz! Der österr. Ungar. Cantoren Verein, als dessen Vertreter wir uns vorzusiellen die hohe Ehre haben, hat die Aufgabe, die Interessen der Cantoren in Oesterreich-Ungarn wahrzunehmen. Gelegentlich der Regelung der jüdischen Gemeindeaugelegenheiten in Oesterreich erlaubten wir uns, sowohl an die hohen Statthaltereien als auch an die hervorragendsten Gemeinden Oesterreichs das berechtigte Ansuchen zu stellen, die Verhältniße der jüdischen Cantoren, als eminente Factoren des Gottesdienstes, endlich doch