Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 19 (21.7.1891)
- Date
- 1891-07-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Er verfahre darum wie der Maler beim Austheilen seines Lichtes und Schattens. Die Hauptgedanken mußI er hervorheben, alles andere mehr oder weniger in den Schatten stellen, also weniger hervorheb er. Er mache es aber nicht, wie so mancher unbefähigte Dirigent, der jede Stelle, die mit piano bezeichnet ist, ganz leise und jede, die mit torto, mit voller Stimme singen lässt, sondern er halte in der Anwendung dieser Vortragszeichen richtig Maaß und Ziel ein, damit es ihm gewiss gelinge, wahre Andacht und Rührung in den Herzen seiner Zuhörer zu erwecken und zu beleben. Der Chorleiter sei aber auch darauf bedacht, dass seine Sänger nach und nach einen recht schönen und klangvollen Ton gewinnen. Er halte darum immer auf recht weites Oeffnen des Mundes. Solche Säuger, welche mit besonderen Unarten, wie Nasen-, Heul- oder Zahnton, behaftet sind, muß er oft einzeln vornehmen, damit dieselben ihre Gewohnheiten durch Oeffnen des Mundes und freieres Hervorströmen des Tones zu beseitigen lernen. Wir kommen nun zum zweiten Punkt unseres Themas, der da lautet: ״Welche Chorgesänge sind zum Vortrage in unserem Gotteshause geeignet?" Selbstverständlich nur solche, die'.'unsere heilige Sprache zum Text haben und die den Inhalt unserer Gebetstücke zum klaren Ausdruck bringen. Diejenigen Gesänge, deren Melodien den Inhalt des Textes nicht zum verständnisvollen Ausdruck bringen, sind zu verwerfen. _ Dahin gehören zunächst die Compositiouen, die einem fremden Cultus entlehnt sind, einem Cultus, der auf das Herz und Gemüth des betenden Juden keinen Eindruck ausübt. Ferner die musikalischen Erzeugniße, durch deren Vortrag oft ganze Wörter und Sätze wiederholt werden müssen. Ich erinnere da nur an einen ״Wajhi biiwaua", worin sich die Wörter ״Borucli schenosan tauro“ vielleicht 4 — 5 mal wiederholen, oder an einen ״Mieliomauclio“, too die Wörter 8611״ DU" auch 4 — 5 mal vom Chore gesungen werden. Zum Schlüsse erlaube mir noch die Cantoren und Leiter der Synagogenchöre daraus aufmerksam zu machen, dass nicht alle Gebete zum Vortrag für den Chor geeignet sind. So habe schon öfters in Synagogen eine ״K’duscha“, einen ,.Kaddisch“, ja sogar ״Gad’lu" vom Chor vortragen hören. Dass solche Gebetstücke, die speciell zum Vortrag für die Gemeinde oder für den Chasan verfasst worden sind, von dem Chore nicht gesungen werden können, wird jedem verständigen Israeliten einleuchten. Möchte daher auch hier das allbekannte Sprichwort beherzigt werden: ״Prüfet Alles und das Beste behaltet!" Musikalische Bettler. Feuilleton, von Eugen D a v > s o h n, Cantor in Frankfurt a. M. Eine der vielen Unwahrheiten, die von unberufener Seite unseren Glaubensgenossen hämisch nachgesagt werden, ist das merkwürdig sinnlose Urthcil, der Jude hätte keine Musik. Wir wären weit entfernt davon, solcher Bosheit zu widersprechen, allein, unsere Friedfertigkeit ist oft die Veranlassung, uns die Mühe nicht verdrießen zu lassen und unsere ungnädigen Kritiker eines Besseren zu belehren. Wceso das Urtheil entstand? Auf eine recht kleinliche Art. Diese Art der Beurtheilung hat wohl jeder schon an sich erfahren. Man hat seinen Fleiß, seine beste Absicht eingesetzt, um für irgend einen guten Zweck das Seinige zu leisten. Das Werk ist gethan, es findet Anklang. Bald kommt der, bald jener und sagt uns etwas Artiges; wir danken dem, der uns nach Maß, würdigt, finden sogar unter Umständen den Muth, ein Lob, .das unsere Leistung überschätzt, um einige Grade zu vermindern. Wir machen sogar die Beobachtung, dass wir von einigen nicht verstanden worden sind; aber siehe da; auch diese loben. Ob aus Bescheidenheit, Wohlwollen oder Artigkeit? Wir wissen es nicht und sind auch so bescheiden und fragen nicht, warum wir gelobt wurden. Ganz froh sollst Du aber, armer Mensch, doch nicht Deines Lebens werden und Dir ja nicht einbilden, glücklich zu werden, wenn es dem ״bösen Nachbar nicht gefällt." Großer Schiller, Du hast eben immer recht! Welcher der ״böse Nachbar" ist? Wir suchen ihn immer viel zu weit, verehrter Leser. Wir vermuthen oft nicht, dass wir ihm täglich freundschaftlich die Hand drücken, dass wir ihm rückhaltlos ein Wörtchen im Vertrauen sagen, dass wir ihm unter Umständen wohlthun. Da muß erst der bekannte Schaden eintreten, nach dem man klug wird, ja, dann wird man aber sehr klug und stellt tiefsinnige Betrachtungen an, wie man Jemand für den Freund halten konnte, in dem man nun einen Feind sieht. Immer ist ein böser Nachbar da, der Dir die Grimasse der Bosheit zukehrt, wenn Du freudig und vertrauend voll mit Theilnahme und Anhänglichkeit zu den Genossen Deines Lebens, Deiner Arbeit hältst. Der boshafte Mensch wartet immer mit seinem Urtheil. er lauert wie das Raubtbier aus die Stille der Nacht. Das tönende Lob srohgesi unter Menscheu ist dem Boshaften ein widerliches Geräusch; er wartet, bis die sroherregte Stimmung über eine mit Dank aufgenommene Leistung von dem Wechsel des Alltaglebens berührt wurde; dann findet er besser Gehör, dann findet er auch seinesgleichen, die mit Hass und niedrigster Gesinnung alles Bessere bekämpfen. Im materiellen Leben lässt sich der praktische Werth einer Einrichtung in viel kürzerer Zeit Nachweisen, als im geistigen Leben. Aus geistigem Gebiete ist nichts heilig; es gibt heute schwerhörige Professoren, die über Schiller's historische Dramen den Stab brechen und über das Judeuthum In unartikulirten Lauten sprechen, es gibt noch andere Kalhe'oerweise, die den Dichter der ״Aspasia", Robert Hamerling, für keinen Poeten erklären, ja Winkelblaascribenten, die über Lesstng's ״Natban" ihre Glossen schreiben. Armer Gutzkow, Ich stand in der diesjährigen Frühlingszeit schon oft an Deiner epheuumrankten Ruhestätte auf dem herrlich geschmückten Frank! urter Friedhof und gedachte der von Deinem poetischen Geist geschafser.eu, lebenswahren Figur des Rabbi Akiba. Seine Worte ״Es 'st schon Alles dagewesen" haben wohl ihre Wirkung überall erprobt. Ob es wohl von mir zu optimistisch ist, wenn ich annehme, dass selbst die Dümmlinge schon vor nicht näher zu bestimmender Zeit ihren höchsten Grad, vielleicht ״über die Bäume" hinaus, erreicht haben? Aus Mangel an Platz bei den Klugen, müssen die antisemitischen Trabanten der Frau Musica schon bei den Dummen ihr Heil suchen. Dort sind sie am besten ausgehoben und es glaubt ihnen jeder den Wunderglauben, der Jude stände nicht im active.c Musikdienst, sondern erreicht höchstens in der Reserve ei ne Rangstellung. Productives hätten die Juden in der Musik nicht geleistet höchstens in der Nachahmung und Anlehnung u.i berühmte Meister wären sie auch von der Gnadensonne oer musikalischen Welt beschienen worden. Viele der verehrten älteren Leser, die den Jubel miterlebt haben, der einem Meyerbeer entgegenscholl, dürfen sich rühmen, einer Zeilperiode noch angehört zu haben, da die Welk rein von musikalischem Antisemitismus wo . Die Jüngeren aber sind nicht so glücklich; sie haben den Siegeszug des musikalischen G-'walthelden an sich vorüberziehen gesehen, des Helden, der allen anderen Künsten zurief, ״Sonnen flehet stilst! Ihr großen Classiker und Romantiker der Litteratur, in der Welt ist ״Wahnsried", von ״wabender Lohe" umgeben bannt Wotan Euch zu ewigem Schlaf. ״Fort deutsche Jungfrau, m׳t den Thrären der Rührung über Louue.. s und Ferdinand's Geschick, Fphigenie's stolzer Versbau, der Du re u wie Marmor daßebu, stur zusammen unter den Gewa''׳ fchlägen meiner Aliueralioueu. Wotan der einäugige Cyclop xi.ti mir seinem Speer auch ,11 Euch', ihr lustigen Geiellen, die Ihr der Natur auflaue^ und auf einem zwanzig Centlmeter großen Bildchen mehr erzählt, als der ganze Abend ^iner Tetralüg e trotz Riesen, Drachen, und Zwerge vlausibel machen kann. Jene Welt, in der man leiden muß, um sie zu begreifen, jene Welt und ihre Wahrheit soll fortan Euch