Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 19 (21.7.1891)
- Date
- 1891-07-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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es zur Ruhe gieng, andachtsvoll sprechen, damit es bald von der erhabenen Gottesidee durchdrungen und in allen- Verhältnißen seines Lebens den Verlockungen und V erführungen der. Welt zu trotzen im Stande sei. Sobald das Kind schulpflichtig geworden, war es beiden deutschen Juden üblich, dass der Vater es am Wochenfeste, dem Tage der einstigen göttlichen Offenbarung am Sinai, bei Ta- Hesanbruch in die Schule gebracht, wo er es seinem geistigen Vater, der es belehren, unterrichten und unterweisen sollte, übergeben hatte. Nachdem der Knabe dem Lehrer ans den Schoos; gesetzt wurde, liest man ihn die Worte nachsprechen: ״Das Gesetz hat uns geboten Moses", ״das Gesetz sei mein Geschäft." ״Er (Gott) rief Moses." Aus dem Honigkuchen — dergleichen an diesem Feste auch die Erwachsenen aßen — den Einige nur von den Händen einer Jungfrau bereiten ließen, standen die Verse Jesaia 50, 4, 5. ״Gott, der Herr hat mir eine Zunge für Lehrlinge gegeben, dass ich den Müden und Matten zu starken wisse ui dem Worte; er erweckt ja am Morgen, erweckt mir das Ohr wie Lehrlinge zu horchen; Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet, und ich sträube mich nicht." Aus der Schale eines gcl ste.1 Eies sta.lden die Worte aus Eze׳ chiel 3, 3: ״Er sprach zu mir: Menschensohn, nähre Deinen Bauch und Deüien Leib fülle mit dieser Rolle, die ich Dir gebe. Ich aß und sie war in einem Munde wie Honig so süß." Beide Bibelstellen musste der Knabe dem Lehrer Wort für Wort nachsp Zechen, worauf er Kuchen und Ei zum Essen bekam; man t-!sprach sich .von dieser Speise, dass sie dem Kinde Fassungskraft veileih. (Zunz z. Gefch. u. Lit. 168.) ■־■ Was die Schulzeit betrifft, so hatte man in der talmudifchen Zeit durchaus nicht über Ueberbürdung zu klagen Ursache. Nach Jalkut 1, 38 dauerte in der Regel die Schulzeit täglich 5 Stunden. Vom 17. Tamus bis zum 9. Ab, in den sogenannten ״drei Wochen", wurde der Unterricht täglich auf 4 Stunden beschränkt. Tie eigentlichen Ferientage waren die Rüsttage zu Cabbath und den Festlagen. Am Sabbath wurde blos das bereits Gelernte wiederholt, Neues wurde jedoch nicht vorgetragen. Betreffs der Lehrmethode hatte man dem Ausspruche Salomo's gemäß: ״Leite den Knaben nach seiner Weise, er weicht dann von der Lehre nicht, selbst wenn er alt geworden" (Sprüche 22, 6), die Geistesgaben und Fähigkeiten eines jeden Kindes zu berücksichtigen empfohlen. Der Mensch lerne jene Gegenstände, für die er sich besonders intereffirt. (Aboda Sara 19.) Fermer wurde dem Lehrer empfohlen, sich beim Unterrichte kurz zu fassen, gründlich und rationell vorzugehen. Stets bringe man dem Schüler d.e Lehre auf die kürzeste Weise bei. (Pes. 3). Der Lehrer fei vorsichtig bei seinem Vortrage, denn hat sich einmal ein Fehler Lei einem Kinde erngenistet, so ist er nicht wieder herauszubringen. (B. Ba-ra 23.) Alles was er vorträgt, soll er gründlich erklären, damit die Schule den Grund des Gelehrten kennt. (Grub. 54.) Auch betreffs des Lehrplanes finden wir Vorschriften und weise Anordnungen im Talmud. ״Ergreifst Du viel, so hast Du nichts ergriffen, hast Du aber wenig gefasst, so hast Du etwas gefasst." ״Heute wenig und morgen wieder etwas, bis Alles erlernt ist." (Jalkut Jcs. ZU.) ״Wenn der Mensch die Thora in großen Portionen erlernt, wird sie weniger, wer aber langsam einsammelt, Lei dem nimmt sie zu." (Abod. Sara 19.) (Fortsetzung folgt.) Der Chorgesang in unseren Synagogen. Schon seit Jahren macht sich in unseren Gemeinden immer mehr das Bestreben geltend, den Cultus durch Einführung von mehrstimmigen Chorgesängen zu veredeln. Sogar kleinere Gemeinden, denen nur wenige Gesangskräfte zu Gebote stehen, haben es sich zur Ausgabe gemacht, durch Errichtung von kleinen Knabenchören ihrem Gottesdienste eine höhere Weihe zu verleihen. Dass sich durch die Einführung' dieser Chorgesänge auch die Ansprüche, die eine Gemeinde an ihren Cantor, als Leiter des Chores, stellt, bedeutend erhöht haben, braucht hier nicht weiter betont zu werden, und so wollen wir uns auch heute der Behandlung folgenden Themas zuwenden: Welche Punkte hat der Leiter der Synagogenchöre bei dem Einüben derselben -hauptsächlich zu beachten und welche Chorgesänge sind zum Vortrag in unserem Gotteshause geeignet? Die kurze Antwort lautet: Der Cantor oder der Dirigent der Synagogenchöre hat sein Hauptaugenmerk auf den richtigen, deutlichen und ausdrucksvollen Vortrag der hebräischen Gesänge zu richten. Zur Nichtigkeit und Deutlichkeit des Vortrages gehört zunächst die richtige und deutliche Aussprache des hebräischen Textes. Gerade nach dieser Seite hin haben sich schon recht große Fehler bei unseren Chören eingeschlichen, und es erfordert jetzt schon große Geduld und Ausdauer von Seiten des Dirigenten, wenn er diese Mängel beseitigen will. Wie oft schon machte der Verfasser die Wahrnehmung, dass die Sänger statt ״Landau al er.ez w’schomojim“ ״Haudu“ oder statt ״M’saneclio“ ״Misaneclio“ sangen, ohne dass die Zuhörer merkten, dass gerade durch solche falsche Wortbildungen der Sinn der Gebetstücke bedeutend entstellt wird Der Dirigent. halte daher mit größter Strenge auf scharfe Ausprägung der Consonanten und auf deutliche Bildung der Vocale. Sehr zu empfehlen wäre, wenn der Dirigent, bevor er zur Einübung.der Gesänge schreitet, sich von jeder Stimmengattung den Text laut und deutlich vorlesen lassen würde. Zur Richtigkeit und Deutlichkeit des Vortragenden gehört aber auch, dass j״der Ton rein und deutlich gesungen wird, nicht zu hoch und nicht zu tief, dass man überhaupt das Tonstück so vorträgt, wie es der Coniponist durch Tempo und Vortrogszeichen angegeben hat, oder wie es sich aus dem Charakter des Stückes ergibt. Dass auch in dieser Beziehung unser Synagogenchor noch viel zu wünschen übrig lässt, ist jedem verständigen Dirigenten bekannt. Es wäre darum sehr rathsam, wenn der Dirigent jede Stimme mit der Violine einüben würde, damit sich die Töne dem Gehöre des Sängers fest einprägen. Größere Reinheit hoher Töne, welche stets zu tief gesungen werden, erreicht man auch dadurch, dass man dieselben um eine Schwebung zu hoch einübt. Sehr schwierige Stellen hingegen, wie Doppelschläge und andere Figuren, singe man selbst vor. Die 3. Eigenschaft eines guten Vortrages ist, wie schon oben bemerkt, der Ausdruck bei demselben. Derselbe wird Hauptsächlich dadurch erreicht, dass der Sänger ein genaues Verständnis der hebräischen Gebetstücke besitzt. Denn, wie ist es möglich, ein Gesangstück in dem Geiste und in der Gefühlsstimmung, worin es der Componist gesetzt hat, vorzutragen, wenn man den Text desselben nicht genau kennt? Der Cantor hat deshalb dahin zu wirken, dass nur solche Sänger zum Synagogenchor herangezogen werden, die auch ein Bischen jüdisches Wissen besitzen und darum auch befähigt sind, ihrem Vorträg ׳Gi.fühl und Ausdruck zu verleihen. Zur Erzielung eines ansdrnck'lvollen Vortrages ist ferner nothwendig, dass der Leiter des Chores' den Charakter des Tonstückes, d. h ׳. die Art und Weise der Auffassung und Darstellung des lben, genau kennt. Es genügt daher nicht, dass er. alle Vortragszeichen genau beachtet, sondern er hat auch seinen eigenen Geschmack und fein eigenes Gefühl zu Nathe zu ziehen.