Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-07-21 · Heft 19 (21.7.1891) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 19 (21.7.1891)
Date
1891-07-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3453207-3453226--3206-3457537
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

sehr betrübten Gemüthes, betete zu Gott und weinte." Und wie dankt und lobpreiset sie dann Gott für den ihr geschenkten Sohn! ״Gott tobtet und belebt, führt zur Gruft und bringt wieder herauf; er macht arm und reich, erniedrigt und erhebt!" Der Psalmist besingt den Kindersegen in schöner, erhabener Weise: ״Siehe, eine Gabe Gottes sind Kinder, eine Belohnung ist die Leibesfrucht. .. Wie Pfeile in der Hand eines Helden, so sind die Kinder der Jugend." ״Heil dem Manne, der mit ihnen gefüllt hat seinen Köcher!״ ״Heil dem Gottesfürchtigen, der in Gottes Wegen wandelt." ״Heil Dir und wohl Dir! Denn Dein Weib wird ein fruchtbarer Weinstock im Innern Deines Hauses, Deine Kinder wie Oelbaumpflanzen rings um Deinen Tisch — Siehe! So wird gesegnet der Mann, der gottesfürchtig ist!" ״Es segne Dich der Ewige von Zion aus und schaue Kinder von Deinen Kindern!" מפי עוללים וינקים ״ ,יסדת עדder Säuglinge und Kinder Lallen befestiget Dein Reich, beschämt den Sünder und stürzt den Feind, der Rache schnaubt." Im Buche Jona wird uns erzählt, dass die große Stadt Ninive' von dem Untergange verschont wurde, weil darin mehr als 1200 Menschen sich befanden, die den Unterschied zwischen rechts und links nicht kennen, und wir erzählen diese Geschichte unserem lieben Gott und barmherzigen Menschenvater jeden Jom Kippur vor, damit er auch unserer Kinder wegen sich unser erbarmen und uns schonen soll. 1111b in der That beten wir ja wörtlich in den 40 Bußtagen: ״Unser Vater, unser König! Erbarme Dich unserer größeren und kleineren Kinder." ״Thue es umwillen der Brustgenährten, die nicht gesündigt, sowie umwillen der Säuglinge, die nichts verschuldet." Mit ganz besonderem Nachdruck aber machen unsere alten Weisen auf die Kinder der Nichtreichen aufmerksam; denn durch sie, lehren sie, verbreitet sich die Gotteslehre. Und so geht ein Zug der Sympathie für Kinder nicht nur durch, die heilige Schrift, sondern durch das gesammte jüdische Schriftthum, und das Judenthum athmct nur Liebe, Entgegenkommen, Zart- und Mitgefühl, Wohlwollen, Rücksicht, Schonung für die Kleinen. Von dem Judenthum übergieng, sowie alles Gute und Edle, diese Sympathie für die Kinder auf dessen Tochterreligion, das Christenthum, wo sie ebenfalls als die Grundsteine der Religion, auf denen das weitere Gebäude aufgeführt werden sollte, betrachtet und behandelt wurden, ganz besonders aber die Kinder der Nichtbegüterten. Darin äußert sich ja auch der große, allgemeine, durch'L Christenthum sich fortpflanzende Segen der mosaischen Religion, welche die Menschheit von ihrem leiblichen und geistigen Sklavendrucke befreit und alle als die Kinder eines himmlischen Vaters gleichgestellt hat. Denn in dem alten Heidenthume wurde das Recht des Kinderbesitzes nur der Kaste der Begüterten zuerkannt; materiell Schwache, also die von den Besitzenden Abhängenden, durften keinen Kindersegen aufweiseu, und zwar waren deren Kinder entweder als Sklaven das Eigenthum des Subsistenzgebers, oder falls sie arbeitsunfähig waren, verfielen sie der Barbarei, indem sie in Bergen und Schluchten ausgesetzt und der Gesellschaft entzogen wurden. Aber tiefer Schmerz und wehmüthige Empfindung bemächtigt sich des treuen jüdischen Glaubensbekenners, ja jedes wahren Menschenfreundes, wenn er wahruimmt, wie Israel nach dieser Richtung aus den Bahnen feiner erhabenen Religion getreten, wie es von dem veredelnden, beseligenden Geiste seiner heiligen Schrift sich entfernt und einer Abart heidnischer Unsitte und Grausamkeit sich nähert, indem es gegen den Kinderbesitz seiner angestellten oder anzüstellenden Cultusbeamten.mit den zu Gebote stehenden Mitteln zu-Felde zieht. Mit Jeremia möchte man klagen: ״Mein Auge vergeht vor Thränen, mein Inneres glüht vor Kummer ob dieses Verfalles meines Volkes." Bei näherer Betrachtung ist ja das Los dieser Bemitleidenswerthen noch schlimmer, als jenes der altheidnischen Sklaven. Denn die Kinder werden nicht zum Eigenthum der Subsistenzgeber, wodurch jene ihren Unterhalt gesichert hatten, sondern man erschwert oder versagt ihnen den Eintritt in die Gemeinde, und indem man die Ellern so existenzlos macht, setzt man wohl deren Kinder nicht in Höhlen und Schluchten aus, aber man gibt sie den Folgen dieser Existenzlosigkeit preis, deren günstigste der — Bettelstab ist. Man stelle sich einen solchen Familienvater vor oder versetze sich in das Gemüth eines solchen, durch seine Kinder aus der Wirksamkeit einer jüdischen Gemeinde Ausgewiesenen oder zur Wirksamkeit nicht Zugelassenen, und man wird diese gottlose That in ihrer ganzen Schwere empfinden. ״Lallend flehen solche Kinder ihre Mütter um Brot, krümmen wie Verwundete sich vor Hunger, der nicht gestillt werden kann." Man wähne ja nicht, dass vielleicht Uebertreibung hier mit im Spiele ist; man schaue nur die meisten Concurse an, wie im Vorhinein den mit Kindern Gesegneten durch die clasfische Stilisirung derselben jede Mitbewerbung indirect versagt wird. Oft sehr leistungsfähige, fromm spielende Gemeinden, wo noch täglich 2— 3mal Minjan gemacht wird, verlangen über die Familie sogar einen amtlichen Ausweis. Schreiber dieses hatte schon mehreremale Gelegenheit zu sehen, wie der Probecandidat, der in seinen Leistungen vollkommen entsprochen, nach Angabe seiner Familienzahl abgewiesen wurde, oder wie man dem mit Kindern Gesegneten alle möglichen Widerstände in den Weg legte, um sich seiner zu entledigen. Oder hat er sich in seiner bedrängten Lage einer Nothlüge bedient und 1—2 Kinder verschwiegen, so ist dies auch nicht selten ein Grund zu seiner Entlassung. Die Antisemitenführer erheben gegen Israel die Anklage, dass es sich zu stark vermehre; wie kommen aber jüdische Cultusgemeinden dazu, wie können sie sich so weit vergessen und sich so entwürdigen, um in ähnlicher Weise gegen die Cultüsbeamten aufzutreten? Die jüdischen Cultusgemeinden mit ihren Bethäusern sollen ja nichts Anderes sein, als. Anstalten der Humanität, der Gerechtigkeit und Frömmigkeit, Institutionen zur Heiligung der Gesinnungen und Förderung der wahren Menschenliebe, Quellen des Heils und der menschlichen Glückseligkeit. Durch derartige sodomische Anschläge aber werden sie zu Anstalten und Stätten herabgewürdigt, von denen Gott spricht: ״Ich habe nicht Wohlgefallen daran." Unsere alten Weisen lehren: ״Pharao machte den Anschlag nur gegen die Männlichen, Laban aber wollte Alles (Männliches, wie Weibliches) - vernichten." Und von Amalek berichtet uns die Thora: ״Der hat die Schwächlinge (die Wehrlosen) in Deinem Gefolge angegriffen." Auf welchem Standpunkte stehen nun solche jüdische Gemeinden, die den Functionären ihrer Kinder wegen die Aufnahme nicht gestatten oder erschweren? Wer ist schwächlicher und wehrloser, als existenzlose Kinder, auf denen kein anderer Makel haftet, als dass sie da sind? Pharao sagte: ״ ,נתהבמה לו פץ ירבהwir wollen ihnen mit Lift beikommen, sonst könnten sie sich noch vermehren." Nun, finden wir in den Concnrsen mit der Clausel: ״Kinderlosewerden bevorzugt", ״Ledige haben den Vorzug", ״Belege mit Fa-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.