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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-07-11 · Heft 18 (11.7.1891) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 18 (11.7.1891)
Date
1891-07-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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haben den Handel und das Geld in den Händen, sie beherrschen die Börse, sie wuchern, schachern, betrügen, saugen die Christen aus, kurz sie bereichern sich mit allen erlaubten und unerlaubten' Mitteln. Das sind so die landläufigsten Beschuldigungen. Wie steht's in Wahrheit damit? . ' Es ist richtig, dass verhältnismäßig viele Juden Geschäftsleute sind, cs ist aber auch ganz natürlich,, denn wenn ihnen Jahrhunderte hindurch die Zünfte verschlossen. blieben, die Er- Werbung von Grund und Boden verboten uud lediglich Handel zu treiben und Geldgeschäfte zu machen erlaubt wurde, so musste sich in ihnen ein gewisser Handelssinn, ein kaufmännisches Talent ausbilden und von Geschlecht aus Geschlecht vererben. Es wäre darum ein Naturwunder, wenn eine, große Zahl von ihnen nicht vorzugsweise Kaufleute wären und zwar, bei der dem Stamme eigenen Intelligenz, tüchtige Kaufleute, mit denen zu concurrireu nicht Jedem, der ohne gediegene kaufmännische Ausbildung ein Geschäft oder Geschäftchen zu gründen, wagt, so ohne Weiteres Möglich ist. Anstatt nun aber, wenn ein christlicher Geschäftsmann nicht so gut , vorwärts kommt, wie sein jüdischer Concurrent, die Ursache zunächst da zu suchen, wo sie in den meisten Fällen liegen-dürfte, ist der Concurrenzneid sofort mit der Beschuldigung bei der Hand, der Jude sei unredlich in seinem Geschäfte. Gewiss gibt es unter den Juden auch schlechte Elemente, die durch .Wucher und Betrug sich bereichern, aber seid gerecht! gibt cs die nicht unter den Christen auch? Ist jeder christliche Geschäftsmanu etwa reell? Sieht das, was im Bochumer Steuerproceß ans Tageslicht gefördert wird, dem Betrug nicht so ähnlich wie ein Ei dem andern? Und die massenhaften Unterschlagungen, von welchem man in unserer Zeit hört, von wem werden sie begangen? Sind die untreuen Eassirer und Rendanten meistens Juden oder Christen? Redlichkeit und Unredlichkeit wird wohl auf beiden Seiten gleichmäßig vertheilt fein, aber es ist leider so, wenn der Schulze oder der Müller sich eines Vergehens schuldig gemacht hat, dann heißt es; das ist der Schulze, das ist der Müller gewesen; kommt jedoch der Maier , und der Levy mit den Staatsgesetzen in Konflikt, dann heißt es gleich: Natürlich wieder ein Jude! Bezüglich der Juden pflegt man vom Eiuzelueu auf Alle zu schließen, bezüglich der Christen fällt das Niemandem ein, und so kommt es denn, dass man, wenn ein Jude gewuchert oder betrogen hat, alle Juden des Wuchers und des Betruges beschuldigt; was der Eiuzelne begangen, wird dem ganzen Stamme zur Last gelegt, und das ist nicht gerecht! Die reich gewordenen Juden haben sich ' ihren Reichthum wahrlich ebenso wenig durch betrügerische Manipulationen erworben, wie die reich gewordenen Christen. Der Jude, der mit seinem Packen von Dorf zu Dorf zieht, legt seinen täglichen Verdienst selten in Bier, Branntwein oder. Cigarren an, dazu hat er sich die Groschen zu sauer verdienen müssen. Um ein Geringes läuft er sich müde, sx ist nüchtern, thätig und sparsam, uud würden manche Christen, die nicht vorwärts kommen können, an ihm sich ein Beispiel nehmen, sie kämen eben so schnell auf einen grünen Zweig wie er. Unter den lebenstreuen Figuren, die Reuter in feiner ״Stromtid" gezeichnet hat, befindet sich auch eine brave Judenseele, der Moses, und solcher braver, ehrlicher, musterhafter Juden hat es viele gegeben und gibt es noch viele, wie kann man da den ganzen Stamm schmähen und drücken wollen, schmähen und drücken wegen der schlechten Elemente, die ja doch jedes Volk,-jeder Stand hat! Das ist ungerecht. Man wirft den Juden ferner vor, sie drängen sich hinein in alle möglichen Stellungen, in den Stand der Juristen, der. Mediziner u. s. w. Hineiudrängeu? Gibt es in Deutschland Aemter, Stellungen und Bcrnfszweige, die nur gewissen Classe und nicht allen Staatsbürgern geöffnet sind? Man möchte freilich gern das Privilegienwesen, das als unvereinbar mit'der Idee des-Rechtsstaates beseitigt ist, wieder aufleben lassen, mochte sür die Söhne der oberen Classen die vornehmern Ataatsämter und die vornehmeren Bernfszweige reserviren und . auf diesen ' Gebieten jede Concnrrcnz von unten und von Seiten der Inden Niederdrücken. Das macht der menschliche. Egoismus erklärlich, allein berechtigt ist ein solches Streben nicht. Den Platz nach Kunst und nicht nach Gunst, den Stand nach' dem Verstände! Nur wenn die Tüchtigkeit , allein über die Stellung des Ein׳ zelnen in der Gesellschaft entscheidet, steht es wohl im . Vaterlande, sonst nicht. Aber die Juden sollen ja gar nicht tüchtig sein, man macht ihnen den Vorwurf der ״Befangenheit" und verlangt darum, sie nicht zu Richtern, zu Schöffen, zu Geschworeuen 'zu ernennen. Wie viel an diesem Vorwurf ebenfalls auf Concurrenzneid zurückznführen ist, lässt sich schwer sagen, r!was sicherlich, und was noch fehlt, ist wiederum auf Rechnung des unberechtigten Schlusses vom Besonderen auf das Allgemeine zu setzen. Mai! wirft Allen die Schwächen Einzelner vor, natürlich bei den Juden, nicht bei den Christen. Dass ein Richter, ob Jude, ob Christ, befangen sei bei der Ausübung.seines Amtes, können wir uns nicht denken. Wir meinen, sie alle sprechen Recht nach bestem Wissen und Gewissen, so wie ihr Erd es gebietet. Weit eher, als bei einem Juden, könnte, man geneigt sein, bei einem Antisemitenhäuptlinge oder bei einem Hnrrah- Nationalen Befangenheit vorauszusetzen. Seid gerecht, Ihr Bürger in Stadt und Land! Vernrlheilt jede Schlechtigkeit, die Euch im Leben begegnet, aber vernrtheilt sie an dem, der sie begeht und nicht an Anderen! Seht in Jedem zuerst den Menschen und wendet Euch nicht von ihm ab, ohne ihn ans seinen menschlichen Werthgeprüft zu haben! Tadelt nicht den Splitter im Äuge Eurer Mitmenschen, es könnte leicht ein Balken in Euerem eigenen fein! Messet Alle mit gleichem Maße, die Christen und die Nichtchristen! Ihr sollt dem einzelnen Juden nichts Nachsehen, aber gerecht müsst Ihr dabei bleiben gegen die anderen. Kleine Chronik. WicN. Der Herr. Statthalter Graf K i e l m a n s e g g .hat in den Bezirksschulrath für das erweiterte Wiener Gemeindegebiet' für die Dauer von drei Jahren als Vertreter der israel. Neligions - Genossenschaft den Vorsteher . der israel. Culinsgemeinde Herrn k. k. Banrath Stiaßny berufen. Wien, 2. Juli. Gestern fand unter dem Vorsitze des Gemeinderathes Dr. Alfred Stern im Sitzungssaale der israel. .Cultusgemeinde Wien eine Enquöte statt, in welcher die Modalitäten berathen wurden, unter denen die Vereinigung der Cultusgemeinden der Vororte mit jener von Wien vor sich zu gehen habe. Seitens der Wiener Cultusgemeinde nahmen an der Enquote die Vorstandsmitglieder Dr. S t e r n, Dr. Stein, Dr. K o h n, kaiserl. Rath K l i n g e r, Ritter v. Golds ch m i d t und Architekt. F l e i s ch e r, seitens der Cultusgemeinde Sechshaus die Vorstandsmitglieder Taussig, Wilhelm P o l l a k, N e u f e l d und Dr. S ch m i e d l, seitens der Cultüsgemeinde für Hernals, O t t a k r i n g und N e ulerchenfeld die Vorstandsmitglieder, Präses Saloinon 910 s n e r und Dr. Wein e r theil, während die Delegirten für die Cultusgemeinde W ä h rin g ihr Fernbleiben entschuldigt hatten. Wie schon früher, erklärten sich sämmtliche Delegirte im Principe mit der von der Regierung gewünschten Vereinigung aller Cultusgemeiuden im neuen Wien einverstanden, doch giengen die Anschauungen bei einzelnen Fragen weit auseinander. Von den Delegirten der voiortlichen Cultnsgemeinden wurde die Meinung geltend gemacht, dass die Verwaltung. der vereinigten Cultusgemeinde k eine centralistifche sein solle, sondern dass die

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