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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-07-11 · Heft 18 (11.7.1891) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 18 (11.7.1891)
Date
1891-07-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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dass sie in der rechtlosen. Zeit verhältnismäßig mehr' Abgaben hätten zahlen müssen, als irgend ein vollberechtigter Bürger./ Wenden wir nun den Blick zur Gegenwart! Judenaustreibungen in Russland, Judenverfolgungen in Korsu, wüste, antisemitische Tumulte bei den Wahlen zum Reichsräth in Oesterreich, und in Deutschland von alledem etwas Aehnliches. Auch hier treibt der Antisemitismus recht hässliche Blüthen. Er wirst seine Schatten hinein in alle Verhältniße des socialen und politischen Lebens. Zurückdrängung und Fernhaltung des jüdischen Elementes ist das Losungswort, das vielfach für Vereine, Festlichkeiten, Gesellschaften und ganze Stünde ausgegeben wird. Man schmäht, verdächtigt und verläumdet die jüdischen Mitbürger in Bildern, Worten und Thaten, und hetzt auf sie in Zeitungen und Flugblättern, auf Rednertribünen, in öffentlichen Localen, ja selbst auf offener Straße. Woher das Alles? Auf glaube ns feindliche Grunde lässt sich die Judenfrage schwerlich zurückführen, denn wenn irgendwo, so ist man heutzutage gleichgiltig in Glaubenssacheu. Worauf aber denn? Besteht etwa zwischen dem jüdischen Volksstamme und anderen Nationalitäten ein unüberbrückbarer Gegensatz, oder ist jener in menschlicher Beziehung von geringerem Werthe? Angenommens beides wäre der Fall, dann dürfte doch ein friedliches Zusammenleben nicht unmöglich sein, dann hätte doch kein Staat und kein Volk das Recht, die Juden zu verfolgen und zu uuterdrücken; denn nicht das Wesen der Nationalität bestimmt das Verhalten der Menschen gegen einander, sondern die Moral, und da die Staaten Europas sich ״christlich" nennen, da die Nationalrussen, Nationaldeutschen u. s. w. sich zum Christenthume bekennen, zu jener Religion, die sich angeblich auf die Liebe gründet, so ist sie für die christliche Moral maßgebend und diese gebietet, den Menschen ihre Fehler zu vergeben, mit den Feinden uns zu versöhnen, Jedem, wer es auch sei, mit Wohlwollen zu begegnen, Jeden, der ein menschliches Antlitz trägt, als Bruder zu betrachten. Diese christliche Gesinnung-muß also der Gesetzgebuug christlicher Staaten zu Grunde liegen, und wenn das beispielsweise gegenwärtig in Russland nicht der Fall ist, so hat der russische Staat aufgehört, ein christlicher zu sein. Aber der Antisemitismus kann jene Ursachen auch gar nicht haben, bei uns wenigstens nicht, darum nicht, weil der wahr- Haft gebildete und bessere Theil des deutschen Volkes sich au seinen Orgien nicht betheiligt, weil alle Edeldenkenden, vom geringsten Arbeiter bis zu den höchsten Kreisen, ihm fernstehen und auf sein Treiben mit größter Verachtung und größtem Abscheu herabblicken, und das nicht etwa, weil sie Christen und als solche duldsam sind, sondern weil sie in ihrem Verkehr mit den jüdischen Milbürgern nichts von einem unüberbrückbaren nationalen Gegensätze oder von einer menschlichen Minderwerthigkeit des jüdischen Stammes gemerkt haben. Wie hätten auch sonst deutsche Wissenschaft und deutsche Kunst an den Juden so viele begeisterte Jünger und Förderer finden können! Einen natürlichen Nacenhass zwischen Juden und Germanen gibt es nicht. Andere Factoren sind es, die jene Erscheinung gezeitigt haben, welche ein edler deutscher Fürst eine Schmach des neunzehnten Jahrhunderts nannte. Es ist zu bewundern, dass die Umgestaltung des Judenthums in den wenigen Jahrzehnten schon so große Fortschritte gemacht hat. Die Besten der Juden unterscheiden sich von den Besten der Nationaldeutschen durch nichts als durch den Glauben oder besser durch die Form des religiösen Bekenntnißes, und die spricht nicht mit bei der Werthschätzung der Menschen. Wenn viele Juden ihr nationales Gepräge noch an sich tragen, nun, sind sie deshalb verdammenswerth? Seid gerecht! Wir brauchen Niemandeil zu unserem Vertrauten, zu unserem Freunde zu machen, dessen Wesen uns nicht gefällt, aber achten müssen wir, wollen wir nicht selber den Anspruch auf Achtung verliereu, Jeden als Menschen, so lange er in seinem Thun und Handeln der Menschheit keine Schande macht. Tie Dinge, die der deutsche Antisemit gegen die Juden vorzubringen pflegt, um die Leidenschaften gegen sie aufzustacheln und zu beweisen, dass sie eine uns nicht ebenbürtige Rasse, und folglich in ihren Rechten beschränkt werden müssen, sind: Sie Stelle wie gebannt und wagte kaum zu athmen. Die Mutter schaute verwundert umher und konnte die stumme Scene nicht begreifen. Herr Althans fixirte abwechselnd seine Tochter und den jungen Golder und sein Gesicht nahm einen feierlichen Ansdrnck an. Er schritt auf seine Tochter zu und seine Stimme hatte einen weichen Klang, als er die Worte sprach: ״Herr Isidor Golder wirbt bei mir um Deine Hand und will den Bescheid aus Deinem Munde vernehmen." Regina's Gestalt wurde von Jsidor's Blicken wie elektrisch berührt, der junge Mann näherte sich seiner Angebeteten, statt aller Antwort reichte sie ihm die Hand und — ruhte in seinen Armen. Die Eltern breiteten ihre Hände segnend über das verschlungene Paar, der Mutter Augen schwammen in Freudenthränen, R. Feiwel konnte ebenfalls seine Rührung nicht beherrschen und ״Seid glücklich!" kam es über seine zuckenden Lippen. ׳ Durch's offene Fenster strömten die warmen Strahlen der Mittagssonne in's Gemach, R. Feiwel ließ die letzte Flasche alten Ungarweines aus dem Keller holen und trank auf's Wohl des Brautpaares. Im Hause des Herrn Moritz Golder konnte man sich Jsidor's lange Abwesenheit nicht erklären. Man wusste, dass er in aller Frühe die Wohnung verlassen habe, - und war ob seines langen Ausbleibens beinahe unruhig. Es . schlug eben drei Uhr, als die Thüre sich öffnete, und die im Salon versammelte Familie Golder starrte mit dem Ausdrucke des höchsten Erstaunens die Eintretenden an. In der Thüröffnuug erschien nämlich Isidor, seine nunmehrige Braut j am Arme führend, und das Ehepaar Althaüs schloß den Zug! Isidor stellte Frl. Regina als seine Verlobte vor und erba! sich den Segen seiner Eltern. Frau Henriette machte solch' ein i verdutztes Gesicht, dass sie einen komischen Anblick bot, Herr! Golder war von dieser unerwarteten Wendung nicht weniger j überrascht und Frl. Marie war gleichfalls sprachlos. Isidor! wiederholte seine Bitte, wie verlegen trat Herr Golder senior vor und einen Kuss auf Regina's Stirne hauchend hieß er sie als Tochter willkommen. Dadurch war das Eis gebrochen, Frau Henriette hielt es für gerathen, ihre Verdutztheit durch einen Redefluss zu maskiren und unter einem überschwänglichen Wortschwall umarmte sie Regina. Auch Marie schaute aus ihrer Erstarrung auf und fiel ihrer ehemaligen Collegin um den Hals. Als nun gar R. Feiwel Frau Henriette ^Na6dt6n«st6 ׳ titulirte, da schwand ihr Groll ob der gestrigen Zurücksetzung, und ohne sich diesen wunderbaren Scenenwechsel erklären zu können, begnügte sie sich in der Thatsache, nach deren Ursachen nicht weiter forschend. Inzwischen verbreitete sich die Nachricht von der Verlobung mit Blitzschnelligkeit in der Stadt und drang auch zut Meilech Gutweil. Er wollte Anfangs derselben keinen Glauben schenken, und um sich Gewissheit zu verschaffen, begab er sich an Ort und Stelle. Hier herrschte bereits eine rege Geschäftigkeit, denn es wurde bereits Vorbereitungen zur officiellen Verlobung getroffen. Er glanzte in's Zimmer, in welchem die Gesellschaft versammelt war, und blieb einen Moment stehen, wie die Situation zu übersehen. Mit einem lauten ״Masel tow“ schritt er gegen die Mitte des Saales und ״Glückaur!" widerhallte von allen Seiten, vom Klirren der Gläser begleitet.

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