Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 18 (11.7.1891)
- Date
- 1891-07-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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J,t Der Krebsschaden der modernen Zustände ist der Häng so vieler Menschen nach Genuss ohne Schweiß, nach Glück ohne Verdienst, nach Ernte ohne Aussaat. Solche Anschauungen verwerfen wir als Religionslehrer. ״Ki beemunoh hem osim.“ ״Wir wollen mit Treue und Redlichkeit an dem heiligen Werke arbeiten." Uebelstände sind nicht mit einem Male aus der Welt zu schaffen, zu Allem gehört Ordnung, Ruhe und Zeit, aber der Anfang muß doch endlich gemacht werden. Wohl wissen wir, dass man nicht an einem und demselben Tage säen und ernten kann, denn, was sich in kurzer Zeit zur Höhe und Reife entwickelt, das hat nur eine kurze Lebensdauer, aber das Samenkörn möchten wir gelegt wissen. Ich Lin am Schlüsse, obzwar ich noch viel Wahres an den Tag legen könnte. Mögen aber diese schlichten Worte dazu beitragen, dem Cultusbeaiyten seine sociale und pecuniäre Stellung verbessern zu helfen; möge aber auch manch bitteres, aber wahres Wort, welches aus bedrängter Brust sich emporräng, nicht verletzend wirken! Ich klage nicht diePersoneu an, s01td-ern nur dietraurigen u uh a ltb aren Verhältniße und Zustände innerhalb unserer Gemeinden. Möge Licht und Wahrheit, Heil und Segen, Frieden und Freude Israel beglücken und erhöhen. Das walte Gott! Seid gerecht! Berlin, im Juli. ״Ich bin neutral zwischen Rom und Genf; in meinem Staate mag Jeder auf seine Fatzon selig werden" — mit diesem Aitsspruche verkündete einst Preußens König, der alte Fritz, seinem Volke, dass fortan in seinem Lande Toleranz geübt werden« sollte. Er wollte keine Neligionsstreitigkeiten, wollte keinen Hader und Zank zwischen den Gliedern der verschiedenen Bekenutniße, wollte nicht, dass auch nur der geringste seiner Unterthanen seines Glaubens wegen verfolgt, belästigt oder geschmäht werde, und er verstand es, seinem Witten, soweit seine Macht reichte, Geltung zu verschaffen. Hätte damals ein׳ fanatischer Priester oder sonst ein Hetzapostel sich beikommen lassen, im Lande umher zu reisen, gegen Andersgläubige und Andersdenkende die Leidenschäften aufzustacheln und Hass und Zwietracht unter das Volk zu säen, sicherlich wäre, wenn nicht der Krückstock, so doch ein königliches Donnerwetter dareingefahren und hätte dem eines Cnlturvolkes unwürdigen Treibern bald ein Ende gemacht. Aber Solcherlei wäre damals auch gar nicht vorgekommen, und warum nicht? Ganz einfach, weil der.König es nicht wollte und deutlich zu verstehen geben hatte, dass er es nicht dulden wollte. Unter dem Scepter der aufgeklärten, toleranten Fürsten des Fridericianischen Zeitalters konnten endlich auch die Juden aus ihrer geistigen Abgeschiedenheit, Verwahrlosung und Bedrückung heraustreten, sie durften sich die allgemeine Geistesbildung aneignen und eilten in erstaunlich kurzer Zeit den andern Völkern, aus einem Wege nach, zu dessen Zurücktegung diese Jahrhunderte gebraucht hatten. Sie wurden Menschen unter Menschen, wurden als solche betrachtet und geachtet, und so lebten sie denn alle in Eintracht neben einander,, nicht nur die Lutheraner, Reformirten und Katholiken, sondern auch die Christen und die Juden, und länger als ein Jahrhundert wohnten sie neben einander, sich tragend,. sich duldend in Frieden und wohl auch in Freundschaft. Die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte freilich gab auch der große König den Juden nicht; die Verhältniße lagen einmal so, dass es nicht gieng, war doch die sociale und politische Entwickelung des Volkes noch nicht einmal so gereift, um die armseligen, gedrückten, sclavisch behandelten und sclavisch gesonnenen christlichen Bauern zu gleichberechtigten Gliedern des Staates zu machen. Erst, um ' die Mitte dieses Jahrhunderts, als das Princip der Menschengleichheit für das Staatswesen allgemeine Anerkennung fand, wurden die Juden in jeder Beziehung den anderen Unterthanen formell gleichgestellt, und wer wollte ihnen verdenken, dass sie fortan von ihren Rechten als Bürger und Staatsbürger Gebrauch machten! Hatten sie doch dieselben sich dadurch ehrlich verdient, j •׳f:, .׳׳■ Zwei Familien. Eine galizische Erzählung von S. Horotvitz. (Schluss.) (Nachdruck verboten.) ״Als mein Vater nach jahrelanger Mühe und Arbeit ein hübsches Vermögen zusammenbrachte, und seine Kinder heranwuchsen, begann er ein sogenanntes großes Haus zu führen und wendete Alles an, um zur jüdischen haute volee gezählt zu werden. Dazu wurde er hauptsächlich von meiner Mutter angeeifert, denn das phlegmatische Naturell meines Vaters war eigentlich diesem Streberthum abhold. Das energische Temperament meiner Mutter hingegen wollte sich mit den bisherigen Erfolgen nicht begnügen und ihr Launen und Trachten war nur daraus gerichtet, die Pforte unserer Patricierhäuser für ihre Familie zu erschließen und der Vater, der daran gewöhnt ist, sich von ihr leiten zu lassen, führte ihre Dispositionen aus, sonst aber sich passiv verhaltend. Da fasste meine Mutter den Entschluss, durch eine Partie mit einer Tochter aus.hervorragendem Geschlechte, auch ihrer Familie den adeligen Nimbus zu verleihen, und dem Principe lhutdigend, ״der Zweck heiligt die Mittel", war sie in deren Wahl nicht scrupulös. Ich will hier nicht ihr Vorgehen rechtfertigen, denn meine Einwilligung hätte ich hiezu nicht gegeben. Anderseits aber bin ich der Meinung, dass Sie keinen Grund haben,׳ sich durch diesen Antrag verletzt zu fühlen.׳ Meine Mutter wollte nickt. Sie zu uns hinunterziehen, sondern sich zu Ihnen emporheben. Da sie Ihnen hiefür nichts anderes zu bieten hatte, stellte sie ihr Vermögen zur Verfügung, in der Meinung auf diesem Piedestale sich eher in höhere Sphären emporschwingen zu können. Die Form des Antrages verletzte Ihren Stolz und Sie wiesen denselben zurück. Nur komme ich nicht als der Sohn reicher Eltern, sondern als junger, unbemittelter Mensch, der aber Aussicht hat, nach Beendigung seiner Studien seinen eigenen Herd gründen zu können, Sie um die Hand Ihrer Tochter zu bitten. Wohl, bin ich mir bewusst, dass-ich ihr nicht ebenbürtig bin, aber ich besitze ihre Liebe und das dürfte Sie bewegen, sich über den Standesunterschied hinwegzusetzen. Ja, Herr Althaus, schauen Sie mich nichts so verwundert an; es gelang mir, die Zuneigung Frl. Negina's zu erwerben und ich schwöre Ihnen, dass es .die Aufgabe meines Lebens sein wird, Ihre Tochter glücklich zu machen. Herr Althaus, der Adel rechnet es sich zum Stolze an, immer für's Gemeinwohl opferwillig zu sein, nun, so bringen Sie jetzt auch Ihren Ahnenstolz zum Opfer, auf dass das Glück zweier Menschen erblühe. Treten Sie nicht feindselig zwischen zwei Liebende, und möge die Stimme des Gefühles den Rangesstolz zum Schweigen bringen." In leidenschaftlicher Erregung - war Isidor von seinem Sitze emporgeschncllt, auch R. Feiwel verließ seinen Sessel und der junge Mann schloß : ״Ich. bin. überzeugt, dass Sie über das Los. Ihres einzigen Kindes nicht entscheiden werden, ohne selbes befragt zu haben, und so erwarte ich Ihren Richtersprach." ' ' - Herr Älthaus musterte mit einem ernsten Blick den jungen Mann, ersuchte ihn, sich einen Moment zu.gedulden, und verließ das Zimmer. - Isidor stand da in der Mitte des Gemaches mit pochendem Herzen seine Rückkehr erwartend. Da öffnete sich die Thüre, und R. Feiwel erschien in Begleitung-seiner Frau und Tochter. Als .Frl. Regina ihren Heißgeliebten erblickte, entrang sich ein: Schrei der Neberraschung ihrer . Kehle und eine , . . - . :stammende Rothe übergoß ihr Gesicht. Isidor stand auf seiner r ׳