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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-07-11 · Heft 18 (11.7.1891) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 18 (11.7.1891)
Date
1891-07-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Lass jeder Vater seinen Kindern selbst den Religionsunterricht; ertheilt hatte, nun kam es aber ost vor, dass die Verwaisten ohne jeden Unterricht, ohne Kenntnis der Religionslehre answuchsen, daher die Anordnung getroffen wurde, dass in Jerusalem öffentliche Kinderschulen creirt worden sind. Durch diese löbliche, zweckentsprechende Anordnung war aber nur für die Bewohner Jerusalems gesorgt, während jene der Landgemeinden, die nicht ihre Kinder nach der Hauptstadt schicken konnten, um die Schule zu besuchen, diese Wohlthat entbehren mussten. Es wurden daher in jedem Bezirke Kinderlehrer angestellt; da aber auch dies nicht mehr genügte, ordnete der Hohepriester Josua b. Gamla an, dass in jeder Stadt Volksschulen gegründet und tüchtige Jugendbildner angestellt werden. (Lada datra 21 *). Einer besonderen Prosperität erfreuten sich die Kinderschulen gegen Ende des zweiten Staatslebens, wie auch nach' Zerstörung des zweiten Tempels. Die hervorragendsten Lehrer Israels der damaligen Zeiten waren von der Ueberzeugnng durchdrungen, dass das geistige ideale Judenthum, nachdem es seiner nationalen Selbstständigkeit verlustig geworden, nur durch die Kenntnis der Thora unverwüstliche und unzerstörbare Lebenskraft erhalten kann. ״Wenn ihr die Juden vernichten wollt", so soll der Weise Eunomos aus Gadra den Feinden Israels zngerufen haben, ״so müsset ihr vor Allem ihre Schulen zerstören, denn solange ihre Kinder in denselben in der Religion unterrichtet und für höhere Ideale und göttliche Dinge begeistert werden, ist keine Macht auf Erden im Stande, sie zu erschüttern." (Midr. rabba. 1. M. Absch. 65). Kurze Zeit vor der Zerstörung des zweiten Tempels standen sich innerhalb Jerusalems zwei Parteien schroff gegenüber; während die eine, Sikorier genannt, bereit war, den Krieg gegen die Römer bis aufs Aeußerste zu führen, sehnte sich die andere nach dem Frieden. Zu der letzteren gehörte auch der berühmte Lehrer R. Jochanan b. Saccai. Einst ließ er den Führer jener Zelotenpartei, Namens Ben Batiach, mit dem er verwandt war, zu sich kommen, um ihn auf die vergeblichen Anstrengungen und nutzlosen Mühen seiner Parteigänger aufmerksam zu machen. ״Hab' doch Mitleid mit dem Tempel und dem Wenigen, was vom Hungertod verschont geblieben ist," ries der Fromme wehmuthsvoll aus. ״Ich sehe wohl ein," entgegnete ihm der Sikoräerhäuptling, dass unsere Anstrengungen nicht nur vergeblich, sondern auch thöricht und verderblich seien, allein ich besitze nicht die Kraft, die Wüthenden zu beschwichtigen und zu besänftigen". R. Jochanan fasste daher den Entschluss, wozu ihm besonders der beregte Sikoräerhäuptling rieth, Jerusalem zu verlassen und ins feindliche Lager überzugeheu, um wenigstens Vespasian persönlich um Schonung und Nachsicht bitten zu können. ״Wie aber hinüberkommen, wenn die wüthenden Sikoräer strenge Wache halten," rief R. Jochanan besorgt aus? ״Als Leiche in einem Sarge lasse Dich zur Stadt hinaustragen," entgegnete ihm Ben Batiach. R. Jochanan, der diesen wohlmeinenden Rath für acceptabel fand, ließ sich von seinen Schülern R. Josua und G. Elieser in der Abendzeit in einem Sarge durch die Stadt hinaustragen. Beim Stadtthore, wo die Sikoräer Wache hielten, angelangt, wollten jene fanatischen Zeloten Anstand nehmen, die Leiche ungeöffnet passiren zu lassen. Allein B. Batiach, der sich ebenfalls dem Leichenzuge angeschlossen hatte, rief ihnen warnend zu: ״Versündigt euch ja *) Sem Zeitgenosse Josephus Flavins berichtet: ״Bei uns ' muß jedes Kind lesen lernen, daher wird man kaum jüdische Knaben finden, denen das Lesen einer Schriftsprache ftemd wäre, daher gibt es so viele jüdische arme Väter, die kein Opfer scheuen, so es gilt, ihren Kindern Unterricht ertheilen zu lassen." (Apol. II. 25). nicht an der Hülle des von ganz Israel hochverehrten und nunmehr tiesbetrauertcn frommen Lehrers!״ Dieser Mahnruf genügte und der Conduct konnte anstandslos weiterziehen. Als N. Jochanan sich daun dem Feldherrn vorstellte, wurde er von ihm, dem er prophezeiht haben soll, dass er in Bälde römischer Kaiser werden wird (Gittin 56), aufs freundlichste empfangen. R. Jochanan, der wohl einsah, dass der Fall Jerusalems unverweidlich sei, stellte bescheiden die Bitte, man möge ihm gestatten, in Jabne (Jamnia) eine Schule zu gründen. Vespasian, der wohl kaum geahnt haben mochte, dass durch die Gründung einer harmlosen Schule in Jamnia das geistige ideale Indenthum aus seinen Trümmern sich erheben und mit verjüngter Kraft das Römerthum Jahrtausende überdauern werde, gewährte ohneweiters dem frommen Rabbi seinen Wunsch. (Gittin ikid.) Wie R. Jochanan b. Saccai ebenso hatte ungefähr ein Jahrhundert später ein anderer berühmter Lehrer Namens R. Chia sich um die Förderung des Jugendnnterrichtes unsterbliche Verdienste erworben. Er errichtete Volksschulen und sprach: ״Ich bin bestrebt alles aufzubieten, damit die Thora nicht in Vergessenheit geräth." (Jer. Meg. 15.) Ferner erzählt er: ״Ich baue Flachs an, spinne Garn, drehe Seile, verfertige Netze und fange damit Hirsche, deren Fleiß ich armen Waisen schenke und aus deren Häuten ich Pergament anfertige, um hierauf die Lehre zu schreiben!" Das heißt mit anderen Worten: er hat keine Mühe und kein Opfer gescheut, so es galt die Kenntniss der Thora zu verbreiten. Man nannte ihn in der That gleich Esra, den Wiederhersteller des Gesetzes. (Succa 20.) Er stand auch bei dem Patriarchen R. Jehuda I. . in großem Ansehen, er rief vor ihm aus: ״Aus der Ferne kam der Mann meines Rathes". (Menach. 88.) Schon der Umstand, dass R. Jehuda I. ihm die wichtigsten Missionen übertragen hatte, beweist zur Genüge, wie hoch er von ihm, geschätzt wurde. ״Einst, so heißt es, (Nosch. hasch. 25) sandte der PatriarchM. Jehuda ha Nassi den R. Chia nach En Tob, um dort den Neumond zu bestimmen und sagte zu ihm: Sende mir das Merkwort David melech Jisroel chai wekajom, eine Formel, die heute noch bei L1du86k 11a lewana gesprochen wird. Wahrscheinlich war Rabbi Jehuda I. diese Function in Sepporis selbst zu vollziehen, durch ein Verbot der Römer verhindert. (Vergl. M. H. Friedländer Geschichtsbilder I. Thl. S. 103.) Als R. Jehuda ID zum Patriarchen ernannt wurde, so wird im Talmud erzählt, war sein ganzes Streben dahin gerichtet, das Schulwesen, das damals sehr vernachlässigt war zu heben, zu fördern und neu zu beleben. Drei berühmte Lehrer, R. Ami, R. Assi und R. Chia, wurden zu Schul- Jnspectoren ernannt. Sie mussten auf Befehl des Patriarchen das Land bereisen, die Schulen inspiciren, von dem Fleiße und Leistungen der Lehrer und Schüler sich überzeugen und da, wo es an Schulen fehlte, solche in's Leben rufen. Da kamen sie in eine Stadt, in der es weder eine Bibelnoch eine Talmudschule, noch sonst irgend eine Lehranstalt gegeben, wo die Jugend in der Religionslehre unterrichtet worden wäre. Sie verfügten sich zur Repräsentanz der Gemeinde und forderten sie auf, ihnen die Stadtwächter ״Keture Karta“ vorzustellen. Sofort erschienen auf Anordnung der Gemeindevorsteher die Senatoren ״Lautors Larta/׳ und die bis an die Zähne bewaffneten Sicherheitsorgane. ״Das sind doch wohl nicht die Stadtwächter, sondern die Zerstörer der Stadt ״Charube Karta“, riefen die Schulinspectoren erstaunt aus. ״Wenn diese nicht die Stadtwächter sind, wer soll denn die Stadt bewachen?" — entgegneten die Gemeindevertreter. ״Die Jugendbildner und Jugenderzieher sind die eigentlichen

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