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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-07-01 · Heft 17 (1.7.1891) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 17 (1.7.1891)
Date
1891-07-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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e chen-Unterstützungs-Verein, der Frauen Verein, das Bes-Hamidrasch, der Vorstand der türk. Gemein« e, das Schutzdamen-Comite, der Handlungsgehilfen-Kranken-Verein, das Taubstummeninstitut, das Blindeninstitut, der Handwerker - Unterstützungsverein, die jüdischen Religionslehrer. Und so ו eihte sich Deputation an Deputation, alle überreichten Adressen, Geschenke und richteren herzliche Worte an den Jubilar, der nimmer müde wurde, in geistreicher und trestender Weise zu erwidern. Auch Sonntag den 28. sprachen noch zahlreiche Gratulanten vor. Klein!- Chronik. Wien, 24. Juni. Im Abgeordnetenhause hat heute der Abgeordnete Gras Coronini eine viel bemerkte Rede gehalten, um sein Votum für die Bewilligung des Dispositionsfonds zu begründen, Namenlich die wuchtige und bei der socialen Stellung des Grafen Coronini gewiss bedeutsame Verurtheiluug der antisemitischen Bewegung hat die lebhafteste Zustimmung des Hauses gesunden. Mit Bezugnahme auf eine, Tags vorher vom Abgeordneten Schneider gehaltene antisemitische Brandrede, sagte Redner folgendes: Insbesondere unangenehm hat mich jene Rede berührt, welche wir am Schlüsse der gestrigen Sitzung gehört haben. An dieser Rede kann ich nicht vorübergehen, weil ich vermöge meiner persönlichen Verhältniße, die ich mir keineswegs zum Verdienste anrechue, in der Lage bin, über die Tendenzen, vor« roelchen diese Rede erfüllt war, ein unbefangenes Urtheil abzugeben. Ich selbst, jeder Zoll ein Arier, als Osficier gewohnt,! an dasjenige, was erlaubt oder unerlaubt, was ehrenhaft oder unehrenhaft ist, den allerstrengsten Maßstab zu legen (Sehr gut! links), ich selbst in gar keiner Verbindung mit den Leilangen von Geldinstituten oder von auf Erwerb gerichteten Unternehmungen, von der Wiener Presse wie mir das Haus das Zeugnis geben wird, keineswegs verwöhitt — da werden mir die Herren zugeben müssen, dass das Urtheil, welches ich jetzt mit kurzen Worten anssprechen werde, gewiss ein unbefangenes ist, dass dessen Aufrichtigkeit nicht im Mindesten in Zweifel gezogen werden kann — als getreuer Anhänger unserer Verfassung, welche allen Religions-Genossenschaften, allen Volksstammen in der Monarchie die vollste Geichberechtigung gewährt, als treuer Sohn Oesterreichs, welches ich mir nicht anders denken kann, wie nur als Hort und Heimstätte der weitgchendsten Toleranz (Beifall), und schließlich vor Allem als guter Christ, zu dessen vornehmsten Geboten das gehört, welches lautet: ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (Beifall links), muß ich die Tendenzen, von welchen die Rede erfüllt war, auf das Entschiedenste bedauern und verdammen. (Lebhafter Beifall) AodeuVach. 169 russische Juden kamen Donnerstag um 1/212 Uhr über Krakau am Bodenbacher Siaatsbahnhos an, um von hier über Hamburg nach Amerika auszuwandern. Einige Einigranten, die über Wien kamen, sollten sich ihnen hier anschließen. Die deutsche Regierung befürchtend, die Aus- Wanderer könnten sich in Deutschland niederlassen, verweigerte ihnen die Weiterreise durch Deutschland, obwohl die Emigranten im Besitze von Eisenbahnbillets bis Hamburg waren. Der Trans- Port der russischen Juden durch Oesterreich und Deutschland wurde durch die ״Alliance israelite" besorgt, und zu diesem Behufe war im Aufträge derselben Herr Jacob Saal aus Wien schon einige Stunden vorher hier eingetroffen; infolge der erwähnten Schwierigkeiten mussten die- Auswanderer in Bodenbach kampiren. Für die erste Nacht räumte Hr. Hotelier Grams gegen Entschädigung den Saal ein; da er diesen aber nicht länger überlassen wollte, mussten die Auswanderer erst in's Freie und dann in die Bodenbacher Turnhalle übersiedeln, die vom Turnrathe in humaner Weise für zwei Tage freigemacht wurde. Das Bild, das die aller Habseligkeiten beraubten Ausgewiesenen boten, war ein recht mitleiderregendes und die Mildthätigkeit machte sich denn auch in reichem Maße geltend. Im israelitischen Kultusvereine bildete sich ein Hilfscomite, das für die Verpflegung Sorge trug, und mehrere Frauen Bodenbachs sorgten in hilfreichster Weise für Wäsche und Kleider, deren die Auswanderer so dringend bedurften; in sehr anerkennens׳ werther Weise nahm Frau Architekt -Hübner an dem inildthä- ::gen Werke theil, sie sorgte ui^t nur für die augenblickliche Verpflegung, sondern regte auch^noch anderweitige Hilfe an. Die Erzählungen der Auswanderer, unter denen einige sehr intelligente — natürlich nach russischen Maßstab — sich befanden klingen dem civilisirten Europäer wie Märchen. Wer wird es auch bei uns begreifen, dass man z. B. einen: Menschen, der im Lande geboren, erzogen, dessen Eltern im Lande geboren und erzogen sind, ganz einfach bedeutet^ er habe binnen 24 Stunden mit seiner Familie abzureisen, trotzdem er Haus und Besitz hat, der sich nicht sofort veräußern lässt. An der Grenze nehmen die Gensdarmen noch alles das weg, was an Wertsuchen zu sehen ist, werfen es über die Grenze zurück und theilen dort behaglich, während die Auswanderer fortziehen. Trotzalldem, man sollte es nicht glauben, halten die Auswanderer so fest an ihren Sitten und Gebräuchen, dass sie eher hungern, als auch nur Butter oder gar Fleisch essen, das nicht koscher geschlachtet ist. Freitag und Samstag hielten sie einen gemeinsainen Gottesdienst in der städtischen Turnhalle ab. Keine Klage über das ״Väterchen" kommt über ihre Lippen; sie weisen im Gegentheil jedes harte Wort über den Zaren zurück und fügen sich resignirt in ihr Schicksal, das ihnen in Amerika eine neue Heimat anweist. Dort wollen sie, wie der Führer der Karawane, ein russischer Advokat, sagte, Ackerbau treiben. — Derselbe Advokat erzählte aus seinem Schicksale Einzelnes, das unglaublich klingt und doch wahr ist. Der Mann hat Gymnasium und Universität absolvirt, drei Jahre Advokatenpraxis und lebte in bescheidenen Verhaltnißen. Viermal wurde er sammt seiner 8 Köpfe starken Familie in den verschiedensten Gouvernements versandt und verlor dabei sein Haus und seine Habe. Endlich brachte er seine Frau und 5 Kinder, Dank der Hilfe eines Menschenfreundlichen Gouverneurs bei seinem Schwiegervater unter, er selbst wandert mit Z Kindern aus. Der Mann spricht außer russisch 4 Sprachen und verfügt über ein nicht gewöhnliches Wissen. — Auffallend an diesen streng orthodoxen Juden ist die Thatsache, dass bei vielen von ihnen der jüdische Typus nahezu ganz entschwunden ist; es gibt blonde Köpfe darunter, und einzelne Kinder zeigten sogar ein rosiges Gesichten in einer hellblonden Umrahmung trotz einen: Germanenkinde. Das Aussehen der Emigranten war — abgesehen von den Säuglingen, auf die die unglücklichen Mütter jede nur mögliche Sorgfalt verwenden — bei ihrem Eintreffen in Bodenbach ein recht klägliches. Der hiesige Aufenthalt hat ihnen entschieden wohlgethan, hier konnten sie sich wenigstens von den ausgestandenen Strapazen ein wenig erholen und für die weitere Reise neue Kräfte sammeln. Aodenöach, 26. Juni. 177 russischen Juden wurde gestern von der deutschen Grenzbehörde die Weiterreise nicht gestattet, weil sie keine Schiffskarten besaßen. Der israelitische Cultusverein und gesammte jüdische Bevölkerung wetteiferten in der Theilnahme für die Auswanderer. Die Brauerei-Verwaltung des Statthalters Graf Thun lieferte Stroh für Nachtlager, der Turnverein überließ auf Veranlassung des Bürgermeisters Perlick die Turnhalle, Christen u::d Juden brachten Geld, Kleider und Victualien. Heute kam Dr. Bendiener aus Prag, dann Herr Jacob Saal, Vertreter der israelitischen Allianz aus Wien. Man telegraphirte an die deutsche Botschaft in Wien und an das Central-Hilfscomits in Berlin. Abends lies eine Depesche des sächsischen Ministeriums ein: ״Die Weiterreise ist gestattet." Die Abreise erfolgt morgen Früh. Unter den Auswanderern sind viele Frauen und kleine Kinder, auch einige Kranke. Aobitschau ain 25. Juni 1891. Am 21. dieses begieng die hiesige isr. Cnltusgemeinde ein seltenes Fest, indem der hochherzige von: edelsten Geiste der Humanität geleitete Herr David Ritter v. Gut m a n n, die von ihm durch den allbekannten und berührnten Wiener Architekten Herrn Max Fleischer neu erbaute Friedhofshalle der Cultusgemeinde für die Chewra Kadischa übergeben ließ. Nach dein, in dem festlich beleuchteten Tempel abgehaltenen nmrr-Gottesdienste begab sich'die Schuljugend, und die große Versammlung im Zug geordnet nach der zu übergebenden neuen Halle, woselbst Herr Canto: I. Weiß den Psalm ״ מה אדם ותדעהו in ergreifender Weise vorlrug. Sr. Ehrwürden Herr Oberrabbiner Dr. Jacob aus Prerau hielt die Weihrede in gewohnter Meisterschaft. Der Oberverwalter Herr Kment übergab in Vertretung des Hochwohlg. Herrn David Ritter v. Gntmann diese Halle, und Herr

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