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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-07-01 · Heft 17 (1.7.1891) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 17 (1.7.1891)
Date
1891-07-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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fetb und vielen anderen Verehrern und Verehrerinnen. Die S i m o n f o n's ch e Töchterschule widinete eine kunstvoll gestickte Mappe. Um einem allzugroßen Andrange zu dem Samstag im Tempel in der Seitenstettengasse veranstalteten Festgottesdienste vorzubeugen, war der Einlass nur gegen Vorweis von Einladungskarten gestattet, und trotzdem war das Bethaus in allen Räumen überfüllt. Anwesend waren: Der gesammte Cultus- Vorstand, der Bethausvorstand, der Vorstand der türk. Israeliten-Gemeinde, vertreten durch den Präses Herrn Marcus M. Russo und den 1. Vorsteher Herrn Licco Adutt, Herr David Ritter v. Gut mann, Ober-Regisseur Adolph Witter v. S o n n e n t h a l, Regierungsrath Ritter v. K u h, Baron Stefan S ch e y, Reichsrathsabgeordneter Dr. B l o ch, Landesschulrath B a u m g a r t e n, Dr. Ludwig August v. Frank l, Rabbiner Dr. Schmiedl Prof. Po/litzer, Deputationen der Vororte- Gemeinde, Bethausvereine und anderer humanitärer Institute. Die rechtsseitige Loge war mit Blumenguirlanden decorirt und über dem Sitze des Jubilars eine Blumenkrone mit j)en Jnitialien A. I. angebracht. Dr. Jellinek wurde als ״Lrchelischi" feierlich zur Thora aufgerufen. Nach Verlesung des Abschnittes trug Obercantor Singer einen vM^jhm^ms diesem Anlasse gewidmeten ״Mischeberach" vor, dessen Abschrift er dem Jubilar in prachtvollem Einbande überreichte. Sämmtliche zur Thora Gerufenen widmeten namhafte für verschiedene Wohlthätigkeitsanstalten. Herr Landesschulrath Baum garten gab durch eine, wenn auch kleine Spende den lobenswerthen Impuls zur Gründung einer ״Jellinek-Stiftung", und Herr David Ritter v, Gut mann spendete hierauf dem gleichen Zivecke den Betrag von 1000 fl. Als Dr. Jellinek nach dem Einheben der Thora die Kanzel betrat, war die versammelte Gemeinde in gespanntester Erwartung. Der Jubilar hielt die Festrede über das Thema ״Religion ist Licht", schilderte seinen Lebenslauf, gedachte ehrend jener hervorragenden Männer, die an der Wiege der Gemeinde standen, sowie'seiner Vorgänger und Collegen im Amte und schloss mit Segenswünschen für den Kaiser, die Räthe der Krone, für das Oberhaupt der Stadt Wien und diese selbst, und schließlich für die versammelte Gemeinde. Bei dem beschränkten Raume ist es uns nicht gegönnt, die geistreichen Ausführungeu des gefeierten Kanzelredners in ihrer^Gänze wiederzugeben, doch wollen wir aus denselben zwei stellen, die der tiefen Glaubensinnigkeit und dem glühenden Patriotismus des Jubilars Ausdruck geben, reproduciren. Dieselben lauteten: ״ . . Die Bibel ist ein Buch des Lichtes, der einigeinzige Gott Israels ein Gott des Lichtes, das Judenthum eine Religion des Lichtes, das israelitische Volk ein Volk des Lichtes, seine Hoffnung der Sieg des Lichtes. Die Hoffnung des israelitischen Volkes ist der Sieg des Lichtes, des Lichtes über die Finsternis, der Wahrheit über die Lüge, der Freiheit über die Tyrannei, der Friedfertigkeit über die Gehässigkeit, der Eintracht über den Zwiespalt, der Völkereintracht über die Zersplitterung in Racen und Nationen. .Das Licht des göttlichen Segens möge im hellsten Glanze unserem erhabenen Monarchen Franz Joses I. leuchten, unter dessen glorreichem Scepter ich 34 Jahre in seiner Residenz das Judenthnm — diese Religion des Lichtes — frei und ungehindert gelehrt habe und unzählige Male Gelegenheit hatte, die patriotischen Gefühle meiner Glaubensbrüder immerfort zu beleben und ihrem Danke, ihrer Liebe und Treue öffentlich Ausdruck zu geben. Wir haben erst vor wenigen Tagen das Wort unseres Kaisers vernommen, dass seine Macht und die vaterländischen Gesetze die Gleichberechtigung der Juden verbürgen. Die Macht unseres Kaisers — eines großmüthigen Fürsten — welch' ein erhebendes Wort' Denn die Geschichte erzählt auch von fürstlicher Macht, welche in Tyrannei ausartet, Hunderttausende bedrängt, bedrückt, verfolgt, einer ungewissen Zukunft, der Noth und dem Elende preisgab; das ist keine habsburgische Macht, nicht die Macht unseres Kaisers, nicht die Macht Franz Josef des Ersten. Seine Macht ist schützend, schirmend, helfend, aufrichtend, Recht und Gerechtigkeit verbürgend, sie flößt Muth und Vertrauen Allen ein, welche von dem kaiserlichen Scepter der Gerechtigkeit regiert werden, ihn preise ich am heutigen Tage, am Schlüsse meines siebenzigsten Lebensjahres, ihn segne ich aus den Tiefen eines treuen, dankbaren, patriotischen Herzens." Nach der Predigt wurde vom Obercantor Singer unter Assistenz des Chorpersonales der Sulzer'sche Psalm ״borchu es adonaj“ stimmungs- und wirkungsvoll zum Vortrag gebracht. Hieran schloss sich das gewöhnliche Mussaf-Gebet. Um 11 Uhr Vormittags fanden die Gratulationen im Sitzungssaale der Cultnsgemeinde statt, woselbst auch die zahlreichen Blumenspenden, Geschenke, Widmungen und Adressen auflagen. Ober-Regisseur Ritter v. Sonnenthal machte den Anfang mit einer herzlichen Ansprache, die von dem Jubilar in einer geistreichen, die Vereinbarkeit einer hohen socialen Stellung mit dem Festhalten am Judenthume kennzeichnenden Erwiderung beantwortet wurde. Hierauf folgte der Cultusvorstand, geführt vom Herrn Hildburghäusser, der Bethausvorstand, die Beamten der Gemeinde, geführt vom Rabbiner Dr. Güdemann, Herr David Ritter v. Gutmann namens der Alliance, des Waisen- Hauses und des Armenvereines, die Chewra Kadischa, der Mädgriffen aus, und im Begriffe, den entscheidenden schritt zu unternehmen, klopften seine Pulse mächtig. Im letzten Moment überstel ihn eine Bangigkeit, und muthlos ließ er sein Haupt sinken. Er trat an's Fenster, öffnete bei! Flügel, und die kühle Morgenluft erfrischte sein infolge der Schlaflosigkeit abgespanntes Gesicht. In den Straßen war es noch öde, hie und da widerhallten die Schritte eines vereinzelten, an sein mühseliges Tagwerk sich begebenden Passanten. Isidor sog in vollen Zügen die Morgenluft ein und seine Unentschlossenheit wich. Er machte schnell Toilette und verließ, von den Hausgenossen unbemerkt, die Wohnung. Er wollte sich unverzüglich auf R. Feiwel's Gut begeben, berechnete aber, dass er dort in allzufrüher Morgenstunde eintresfen würde, und so musste er seine Ungeduld ein wenig bemeistern. Er trat in ein bereits offenes Cafe und verbrachte dort eine Stunde, zerstreut die Mocca schlürfend und ein Zeitungsblatt lesend. Endlich schlug es auf der Stadtuhr neun Uhr. Isidor verließ das Local, bestieg den ersten besten Fiaker, und oas Vehikel setzte sich in Bewegung. Als das Gespann vor dem Gehöfte anlangte, stand R. Feiwel am Fenster, seine Morgenpfeife rauchend. Er sah den Wagen vor dem Portale halten, und wähnend, dass derselbe eine Amtsperson aus der Stadt bringe, verdüsterten sich seine Züge. Er stieg die Treppe hinunter und stand dem jungen Golder gegenüber. Jetzt drückte sein Gesicht das größte Befremden aus. Nach dem gestrigen Gespräche mit dem kleinen Meilech konnte er es nicht begreifen, was dieser Besuch zu bedeuten habe. j Ein paar Minuten standen sich Beide sprachlos gegen-! über, denn auch Isidor war von der auf dem Gesichte seines! Gegenübers sich ausprägenden Ueberraschung frappirt. Endlich! brach er das Schweigen und ersuchte Herrn ׳Allhaus um eine i Unterredung. Schweigend machte dieser eine einladende Hand-! bewegung, sie stiegen die Stufe hinauf und betraten das Zimmer, j Herr Alt Haus stellte seine Pfeife auf die hiezu bestimmte Eta-! gere und bot Isidor einen Platz an. j Der junge Mann war von diesem ernsten Empfange wie! ans dem Concepte gebracht und suchte nach passenden Worten, l um das Gespräch einzuleiten. Der Hausherr beobachtete weiter! ein beinahe feierliches Schweigen, seine Stirne war gerunzelt,! und wie fragend musterte er den unerwarteten Gast. Seine! Verlegenheit niederkämpfend brach Isidor die peinliche Stille, j /,Herr Althaus, ich komme in einer Angelegenheit, die! für mich eine Lebensfrage ist und von Ihrem Ausspruche hängt! meine Zukunft ab. Daher bitte ich Sie, mich geduldig an- I hören zu wollen, und ehe Sie mir eine Antwort ertheilen, die j über mein Schicksal entscheiden wird, jedes ״für" und ״wider"! genau zu erwägen. Von Ihrem bewährten Charakter erwarte j ich, dass Sie sich von einer momentanen Annvallung oder ver- > letztem Gefühle nicht werden beeinflussen lassen, sondern Ihr j Verdikt leidenschafllos und objectiv fassen werden. Ich beginne:! Sie kennen meine Familie u!׳.d die Vergangenheit meines , Vaters ist Ihnen ebenfalls nicht fremd. Sie werden es be-! greiflich finden, dass Jeder^die Eitelkeit besitzt, etwas gelten zu ' wollen und zur. besseren.Desellschaft gezählt zu werden.! (Schluss folgt.)

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