Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 17 (1.7.1891)
- Date
- 1891-07-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Ceelenkranke, der ihn lehren und sprechen hörte, war bald genesen." Wie Abraham als Stammvater, ebenso haben seine Nachkommen, hat Israel als Volk die göttliche Mission erhalten, den Völkern der Erde als Musterbild voranzuleuchten, der Lehrer der Völker zu sein. ״Welch' eine Anmaßung!" hören wir die Gegner des Judenthums entrüstet ausrufen. ״Juden wollen unsere Lehrer sein in Moral Tugend und Sittlichkeit, Juden wollen uns lehren, sittlich und moralisch leben?" Und doch ist es so! Und zwar aus dem einfachen Grunde, weil unsere Ahnen sich vor Jahrtausenden, zur Zeit als die Väter der Arier, der sich jetzt ostentativ nennenden Antisemiten, noch in den Urwäldern hausten und ein erbärmliches Dasein fristeten, für die Annahme der Thora, die jeden Neid, Elasten- und Nacenhass, jede Knechtschaft und Verfolgungsgier auf das Allerentschiedenste verpönt und nur allgemeine Menschenliebe und Humanität lehrt, bereitwilligst erklärt haben. Gingeschrumpft, verflacht und verkrüppelt wäre die Menschheit schon längst, wenn Israel gleich Edom, Jsmael und den anderen Völkerschaften damaliger Zeit die Annahme der Thora verweigert hätte. ״So ihr meine Stimme höret und meinen Bund beobachtet, sollet ihr mir ein besonderes Eigenthum von allen Völkern sein, denn mir gehört die ganze Erde." ״Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk." (2. M. 19). Ans diesen wenigen Worten erhellt ja klar und deutlich, dass Israel von der göttlichen Vorsehung berufen wurde/ als Priester, d. h. als Lehrer, den Völkern der Erde die erhabene Gottesidee durch Lehren und Handlungen zu veranschaulichen und sich überhaupt durch einen sittlich reinen Lebenswandel auszuzeichnen und als heiliges Volk in der Geschichte zu figuriren. Würde sich irgend ein anderer Volksstamm für die am Sinai geoffenbarte Thora begeistert haben, wäre Israel allein nicht von der göttlichen Vorsehung bevorzugt worden. ״Nicht, weil ihr zahlreicher als alle Völker seid, hatte der Ewige an euch Wohlgefallen gefunden und euch erwählt, denn ihr seid die Wenigen von allen Völkern, sondern blos weil der Ewige euch liebt und den Eid halten will, den er euren Eltern zugeschworen, hat er euch aus Egypten befreit." (5. M. 7). Das heißt mit anderen Worten: ״Wie euer Stammvater Abraham seid auch ihr berufen, als Träger der größten und erhabensten Idee in der Geschichte eine bedeutende Rolle zu spielen." Noch klarer und deutlicher finden wir diese Idee ausgedrückt in den Worten: ״Betrachtet sie wohl" — nämlich die Lehren und Vorschriften der Thora — ״und übet sie aus, denn dieses wird euere Weisheit und Vernunft sein bei den Völkern; wenn sie diese verschiedenen Gesetze hören, so werden sie ausrufen: diese große Nation ist nur weise und verständig und verdient daher als Culturvolk den anderen Nationen der Erde voranzuleuchten und als Lehre der Völker betrachtet und anerkannt zu werden." Um sich aber dieser hohen Aufgabe auf die glänzendste Weise entledigen zu können, musste-Israel zuvörderst in die Fremde ziehen, die Leidensschule durchmachen und die Prüfungen des Lebens bestehen. ״Wissen sollst du", lautete die göttliche Verheißung an Abraham, ״dass deine Nachkommen Fremdlinge sein werden in einem Lande, das nicht ihnen gehört, man wird sie dort dienstbar machen und bedrücken vierhundert Jahre u. s. w>, und sodann sollen sie ausziehen mit großem Vermögen", d. h. sowohl mit irdischen und zeitlichen Gütern als auch mit geistigen Schätzen und reichen Erfahrungen. Und so war es auch: von Mizraim führte der Weg zum Sinai. Dort angelangt hatte sich Israel mit edelster Begeisterung, mit einem Enthusiasmus sondergleichen für die Lösung der ihm zu Theil gewordenen Weltbeglückenden Aufgabe erklärt und einstimmig ausgerusen: ״Alles, was der Herr spricht, wollen wir beherzigen". ״Als Israel", sang der Psalmist, ״aus Egypten zog, das Hans Jakob aus dem Volke der Barbaren, da wurde Jehuda sein Heiligthum", ein höhere Ziele erstrebendes, Sittlichkeit, Moral, Tugend, Humanität, Nächstenliebe und Menschenverbrüderung lehrendes und verbreitendes Volk. Und dass das Judenthum stets redlich bemüht war, sich dieser seiner göttlichen Aufgabe auf die glänzendste Weise zu entledigen, beweist klar und deutlich der Umstand, dass es nach so vielen Jahrtausenden, trotz der grausamsten Verfolgungen und Bedrückungen, denen es preisgegeben war, trotz der Verdächtigungen und lügenhaften Verleumdungen, die gegen dasselbe geschleudert wurden und noch werden, heute noch aufrecht unter den Völkern dasteht, ungebeugt und ungebrochen, während jene Völkerschaften, die einst gleich Israel sich der schönsten Blüthe erfreuten, längst spurlos aus der Geschichte geschwunden sind. Ja, das sonst verfolgte, bedrückte, verleumdete, verbannte und verkannte Judenthum, diese alte ehrwürdige, schwer geprüfte Mutter, deren Töchter seit Jahrtausenden ihr jede Existenzberechtigung wie jede Lebensfähigkeit abzusprechen sich bemühen, steht heute noch voll Lebenskraft da, weil es zu allen Zeiten und unter allen Umständen für die Erhaltung der Verbreitung, der Kenntnis der Thora, der Förderung der Andacht und der Humanität gewidmete Institutionen, die gleichsam die Säulen Israels bilden, bereitwilligst die größten Opfer gebracht. Diese hier erwähnten Institutionen nach den Principien der Bibel und des Talmuds näher zu besprechen, soll die Aufgabe dieser Abhandlung sein. _ (Fortsetzung folgt.) Die ansgepresste Citrone. Wer kennt nicht das Schicksal und das Ende einer ausgepressten Citrone? — Nur insolange diese edle Südfrucht Saft und Mark besitzt, hat sie einen Werth. Sobald ihr aber der erfrischende Saft entnommen wird und sie marklos daliegt, wird die übrig gebliebene Schale und Hülle, ohne Rücksicht darauf, dass der Saft einst einen Labetrunk geboten, einfach über Bord geworfen. Dieses herbe Schicksal theilt jim Allgemeinen der jüdische Cantor der Gegenwart immer noch mit der Citrone. Nur insolange er im vollkräftigen Besitze seiner Stimme ist und die gehörige Agilität und Disponibilität in seinem Berufe kundgibt, kann er die Sympathien, aber in höchst seltenen Fällen die Anerkennung seiner Gemeinde sich erwerben, und im besten Falle, bei unwandelbarer Treue und eifriger Hingebung für seinen Berufsdieust ist er im Stande, diese Sympathie continuirlich zu pflegen, um sich in seiner bescheidenen Existenz aufrecht zu erhalten. Neigt aber der jüdische Cantor oder Vorbeter in einer Gemeinde dem Alter und in Folge seiner ununterbrochenen und anstrengenden Berufsdienste sogar einem Siechthume zu, beginnt das Haupt- und Barthaar zu bleichen; o, schnell schwindet dann die Gunst und die mit dem Herzblute erworbene Sympathie. Kein Gesetz ist da, das ihn dann vor der launigen Willkür und Machtvollkommenheit eines Gemeinde-Vorstandes schützt. Es ergeht ihm dann wie der Citrone, er wird einfach über Bord geworfen. Angesichts der bereits consolidirten Verhältniße, deren sich andere Gemeindebeamte, nämlich die Rabbiner und Lehrer, in