Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-07-01 · Heft 17 (1.7.1891) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 17 (1.7.1891)
Date
1891-07-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3453207-3453224--3188-3457517
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2■ gung auf eine edle, einfache, würdige Necitation der Gebete! ohne Singsang, haben die deutschen Juden von den aus Polen eingewanderten Chasanim mit Sängern und Bass allerlei Liebhabereien angenommen, an denen wir heute noch zu leiden haben. Es ist ja vieles besser geworden, Dank vorzüglich den Bemühungen und Bestrebungen eines Sulzer, eines Lewandowski, Dank der Einsührung von Chor und Orgel, Dank vor Allem den Predigten unserer Rabbiner. Seit aus der Schule von Mannheimer, Salamon, Philippson, Sachs, Joel, Jellinek u. A. Prediger erwuchsen, welche Rednergabe mit Gedankenklarheit, anmnthende Form mit belehrendem, erhebendem, sittlich forderndem Inhalt zu durchdringen wussten, seitdem sollte auch für die Synagoge das die Hauptsache sein, was es für die proteftantische Kirche längst ist.׳ die Predigt. Es sollte — aber es ist nicht. Die alte Chasanim-Verehrung spuckt noch fort, ein schöner lecko daudi, ein ergreifend gesungener kazauni karass aulom wirkt heute noch nachhaltiger in Vieler Ohren, als die trefflichste Predigt. Jä) will nun der Kunst des Gesanges, der Macht der Töne ihre Berechtigung für den Gottesdienst keineswegs absprecheu. Sie gehören ins Gotteshaus, voll berechtigt, gleichberechtigt, aber nicht allein berechtigt. Aber der Hauptton muß ruhen auf dem geistigen, nicht auf dem sinnlichen Element, also auf der Predigt. Wird das erkannt und betont, tritt der Prediger mehr in den Mittel- Punkt des gottesdienstlichen Lebens, werden von ihm — wie in den neueren Gebetbüchern vorgeschlagen — wichtige Gebete, natürlich nicht singend, sondern einfach, würdevoll vorgetragen, dann erst ist der Anfang gemacht, uuserm Gottesdienst eine volksihümliche, weihevolle, den Geist erhebende und klärende Richtung zu geben. Das eigentliche Mittelalter unseres liturgischen Gottesdienstes liegt in den Chasanim; Gesang und Lied ist Sache der Gemeinde, bez. des Chores. Der Vorbeter muß au'ch wirklich vorbeten, d. h. so Vorträgen, dass man ihm auch ohne Buch nachhören, bez. nachsprechen kann. Darum sollte man heutzutage bei der Wahl eines Vorbeters — wenn mann überhaupt neben dem Rabbiner einen braucht — mehr darauf achten, dass er gut Vorträgen, als darauf, dass er gut singen kann. Wenn auch dann nicht mehr, wie es in unfern Tagen vorkam, der Vorbeter- Posten zur Sineeure für abgehende oder zur Vorbereitung für werdende Theaterfänger dient, so wird doch jedenfalls die Würde des Gotteshauses gewinnen, je näher der Vorbcter dem Religiouslehrer, dem Rabbiner angrenzt." Soweit die Ausführungen des Herrn Dr. Lehmann, deren eingehende Behandlung wir uns für eine der nächsten Nummern Vorbehalten. Die wichtigsten Institutionen des Iudenthnms nach der Bibel, dem Talmud und den Aussprüchen der Weisen in Israel. Dargestellt von Dr. M. H. Fried länd er, Bez. - Rabbiner in Pisek. Kirrte iterrd es. Der schönste, herrlichste und erhabenste Beruf, den der höhere Ideale erstrebende Mensch wählen soll, um sein sich vorgestecktes Ziel erreichen zu können, ist unstreitig der eines Volkslehrers und Volksführers. Welch' ein süßes Bewusstsein, Ln die Kreise der menschlichen Gesellschaft mir donnernder Stimme hinein rufen zu können: ״Es werde Licht!" Welch' eilt süßes, entzückendes und beglückendes Bewusstsein, die Menschen für das Höhere und Erhabene, für das Gute und Treffliche, für das Große, Ideale und wahrhaft Göttliche begeistert, angeregt, angcfeuert, angeeifert und angespornt und sich hiedurch hohe unverwüstliche und unsterbliche Verdienste erworben zu haben. Wer aber das heilige und hochwichtige Amt eines Volkslehrers und Volkssührers bekleiden lvill, muß zuvörderst selbst makel- und tadellos dastehen. Einem Lehrer, der durch seine unwürdige und unstatthafte Haudlungs- und Verfahrungweise öffentlich Aergernis erregt, braucht man nicht, nach der Behauptung unserer Weisen, die einem Meister gebührende Achtung zu zollen: bemakom scbejesch chillul kasckem en ckolkin kowaud leraw. Wer Andern als Musterbild vorleuchten will, muß zuvörderst selbst als solches betrachtet, verehrt, gewürdigt und gefeiert werden. Er muß frühzeitig seinen Rücken unter der Last des prüfenden Schicksals beugen und das Joch der Entsagung und Entbehrung tragen lernen. Kacli ki dai-ko 801161 Tkora. (Sprüche der Väter 6. 4.). Frühzeitig schon muß er die Leidensschule durchmachen und die Härte und Bitterkeit des Wortes Freude und Noth empsinden, denn durch Noth, Sorge und Leiden lernt der Mensch nüchtern, mäßig, sparsam sein und fest und unerschütterlich auf Gott vertrauen. Alle die großen Männer der Vorzeit, die sich unsterbliche Verdienste um Israel erworben, die für die Lehre und Ehre Judenthums in Wort und Schrift ekngestanden, für die Freiheit Israels mit ihrem Herzblute gekämpft, und überhaupt das Judenthum nach Außen würdevoll repräsentirt und nach Innen gestärkt und gestählt haben, mussten zuvörderst in die Fremde ziehen und die schwersten Prüfungen des Lebens bestehen. Der Patriarch Abraham, der erste, der in seiner Zeit den Götzendienst, wie überhaupt den Göttercnltus auf das Entschiedenste verpönt und perhorrescirt und an das Dasein Gottes, des Einig Einzigen, fest und unerschütterlich geglaubt hatte, erhielt den göttlichen Auftrag, die göttliche Mission, diesen Glauben zu lehren und zu verbreiten. Dieser seiner hohen und erhabenen Aufgabe als Lehrer der Menschheit konnte er sich dann erst auf die eklatanteste Weise entledigen, nachdem er mannigfache schwere Prüfungen des Lebens glänzend bestanden. Im Talmud (B. Batra 16) heißt es: R. Simeon ben Jochai sagte: ״Abraham hatte an seinem Halse eine kostbare Perle hängen, jeder Kranke, der sie erblickte, genas sofort." Wenn irgend ein antisemitischer Talmudift oder ein sogenannter antisemitischer Professor der hebräischen und talmudischen Sprache diese Stelle in irgend einer gefälschten Uebersetzung liest, ruft er freudenvoll ans: ״Welche Albernheiten und Thorheiten enthält der von den Juden so hochverehrte Talmud! Der von aller Welt so hoch gefeierte Patriarch Abraham wird da als Zauberer und Schwarzkünstler dargestellt!" Und doch, welch' ein ein tiefer, welch' ein erhabener Sinn liegt dieser talmudischen Erzählung zu Grunde! Abraham war bekanntlicb der größte und vorzüglichste Redner seiner Zeit ״ki nowi kn". Durch die Macht seiner hinreißenden Beredtsamkeit, durch die wunderbare Kraft seiner ungewöhnlichen oratorischen Begabung gelang es ihm, die Menschen, die damals auf der niedrigsten Stufe . der Cultur und Bildung standen, für das Höhere, Ideale und wahrhaft Göttliche zu begeistern und zu erwärmen. Ueberall, wohin er kam, errichtete er sich eine Kanzel, hielt Vorträge, belehrte die Menschheit und suchte die von dem kalten frostigen, alles Heilige und Göttliche verheerendeifund zerstörenden, Jndifferentismus angekränkelten Leute, die ohne Gott, daher ohne Stütze und ohne Halt hin- und herschwankten, aufzürichten und von ihren Seelenqualen zu befreien. ״Eine kostbare Perle besaß Abraham ״bezaworau" in seiner Rednergabe, jeder

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.