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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-07-01 · Heft 17 (1.7.1891) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 17 (1.7.1891)
Date
1891-07-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische Central-Organ n - Zeitung Pränumerations-Preis. Kür ßanloreu und ßultusveamte in Hesterreich-Ztngarn Ganzjährig.fl. 4 — Halbjährig.fl. 2.— Kür Cantoren und ßuttusSeamte im Ausland Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel. Kür private und Institute Ganzjährig.fl. 6.— für dir Interessen der Cantoren! und Cultusbeamten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercautor Jacob Bauer. Wedaction und Administration Wien II. Novaragasse Nr. 27. Znsera te werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. Abonnements- und JnsertionLbe» träge sind in Wie» zahlbar. Nr. 17 Wltn, 1. Juli 1891. 11. Lahrgang. Der V Mieter in -er Synagoge. In der letzten Nummer der ״österr. ungar. Cantoren- Zeitung" haben wir eine bemerkenswerthe Kundgebung über düs Cantorenthum von einem außerhalb der Fachkreise stehenden Manne veröffentlicht, und heute sind wir abermals in der Lage, auf eine dasselbe Thema behandelnde Äußerung hinzuweisen. In beiden Fällen sind es Männer von bedeutender Intelligenz und hervorragender socialer Stellung, die durch ihre Erziehung und die Erinnerungen an das Elternhaus mit dem jüdischen Gemeindeleben eng verknüpft sind. Und doch wie grundverschieden ist Beider Urtheil! Freilich der Erste ist der Sohn eines Cantors, der Zweite der Sprößling einer Rabbinerfamilie. Der Autor, dem wir mm heute unsere Aufmerksamkeit zuwende», ist der Rechtsanwalt Dr. Lehmann, der in der ״Allg. Ztg. des Indenthums" unter dem Titel ״Briefe an einen Freund", seine Reiseeindrücke mittheilt und hiebei zu folgenden Reflexionen sich veranlasst sieht: ״Als wir diesen Sommer durch den schönen Badeort M. fuhren, fiel uns das prächtige Gebäude an der Bahnhofstraße auf. Meine Vermuthung, dass das eine Synagoge sei, täuschte mich nicht. Wir besichtigten sie und fanden ein dem stattlichen Äußern würdig entsprechendes Innere. Nur eine Frage nach dem Rabbiner erhielt eine verneinende Antwort seitens der Führerin. Die Gemeinde habe wohl einen sehr schön singenden Vorbeter, oder wie das feiner klingt: Cantor, aber keinen Rabbiner, keinen Prediger! Die Predigten halten ab und zu Rabbiner aus Nachbargemeinden, oder als Badegäste hier verweilende ab. Du warst über diese Auskunft nicht sehr erbaut, und ich musste Dir recht geben. Es ist eine eigentümliche Erscheinung, nicht blos vereinzelt in jenem Badeort wahrnehmbar, dass unsere Glaubensgenossen, namentlich so weit sie sich der strengereu Richtung zuneigen, weit mehr Werth legen auf einen guten Vorbeter, als auf einen tüchtigen Prediger, da ihnen der Gesang, der sogenannte ״Nigen“, weit mehr am Herzen liegt, als die. geistige Labe und Erhebung, welche die Predigt bieten soll und bieten kann. Ein Chasen, der die alten, ja zum Theil tiefergreifenden> wenn auch schwerlich auf eigenem Boden erwachsenen Melodien, so eine Nu88afk6du8obe vom Jomkippur, ein Kolnidre, einen Unsane Tokef, ergreifend vorträgt, das ist ihr Mann, der rührt zu Thränen. Es ist der Erwägung wohl Werth, wie das so gekommen und ob das auch gut und fortzuerhalten ist. Die Geschichte der Chasanim ist wohl noch nicht geschrieben. Ich denke mir die Entwickelung so: Der Chasen — Scheliach Zibbur — Abgesandter, Vertreter der Gemeinde, bildete sich im Mittelalter gewissermaßen als konstitutionelles, demokratisches Glied aus, im Gegensätze zu dem mehr aristokratischen Element des Rabbiners. Dieser, zugleich der Richter — denn auch das bürgerliche Recht der Juden unterlag im Mittelalter der rabbinischen Gerichtsbarkeit — der Träger der jüdischen Gottesgelehrtheit, der Leiter einer talmudischen Schule, um so höher angesehen, je mehr Jünger und aus je größerer Entfernung an seinen Unterrichtsvorträgen sich betheiligten, hatte eine Wirksamkeit, die zwar dem schlichten Gemeindemitglied, dem ״gemeinen Mann", dem Am Haarez imponirte, aber ihm fern stand, ihn kalt ließ. Weit mehr erfasste ihn der Vorbeter. Der war ihm an Bildung näher, den hörte er täglich zweimal, dessen Gesang, fröhlich an frohen, ergreifend an ernsten Tagen, packte ihn im Innersten, und so ward — zu einer Zeit, in der es Predigten in unserem Sinne nicht gab, höchstens, zweidreimal im Jahre V6ra86bab'8, witzige geistreiche, nur für den talmudischen Feinschmecker verständliche Erklärungen dunkler Bibelsprüche u. dgl. m. — der Vorbeter der volkäthümliche Mann, der Mittelpunkt der Synagoge. Ich glaube, das lässt sich nicht blos in der Liturgie, sondern auch in unserer Litteratur Nachweisen. Der ״Sehatzmatz•‘ — der Vorbeter und Religionslehrerer — schlug den Rabbiner aus dem Felde; viele unserer, im Mittelalter erst, zum guten Theile aus der katholischen Kirche״ in die Synagoge und in die jüdische Volkslebensweise eingeschmuggelten asketischen Bräuche, Wunderlegenden — z. B. die Sage von der Entstehung des Uusane Tokef, wie sie in unfern alten Machsorim noch zn lesen ist — verdanken Vorbetern ihre Entstehung und Verbreitung. Die vielhundertjährige Stagnation im Cultus und Ritus der deutschen Juden ist aus sie zurückzuführen. Im Gegensatz zu den — offenbar von ihren Rabbinern, ihren Chachamim günstig beeinflussten portugisischen Juden, mit ihrer Wertable-

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