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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-06-21 · Heft 16 (21.6.1891) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 16 (21.6.1891)
Date
1891-06-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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gefunden, weder für sich noch für die musikalifche Richtung, die er für den Gottesdienst anstrebte. Ihm war das Amt des Cantors übertragen, damit die obere Leitung des musikalischen Gottesdienstes in die Hand gegeben, und dieses Recht lies; er sich auch nicht nehmen. Die Grundbedingung bleibt ja für ein Amt immer die Fähigkeit, nächst ihr aber die Energie, mit der man der eigenen Intention auch praktisch zum Ausdruck verhilft. Aus Klugheit und um sicherer zum Ziele zu kommen, wird mau allerdings gut thun, zwischen dem Hergebrachten in der Gemeinde und dem neu Einzuführenden keinen zu scharfen Gegenfatz plötzlich zu schaffen. Zuerst lässt man eine Taube aus dem eigenen Bau Herausstiegen. Kommt sie wieder zurück und hält in dem Schnabel ein Oel- oder Lorbeerblatt der Anerkennung, dann kennt man ja die Strömung der Kritik. So versucht man es allmählich weiter, bis mau schließlich unverzagt die Arche öffnen und den Fuß au's Land setzen kann. Wer es zu früh thut, geht in der Strömung unter. Die Kritik in der Gemeinde ist eine reißende Strömung, die immer eine Gefahr für denjenigen ist, der sich ihr überantworten must. Der Rabbiner bleibt in gar vielen Gemeinden von ihr auch nicht unbehelligt; der Cantor ist ihr aber zu allermeist ausgesetzt, weil er im Cultus auch zu allermeist wirksam ist. Einer unserer vortrefflichsten Cantoren entging der Kritik am Roschhaschono immer persönlich dadurch, indem er von einem versteckten Seitenpsörtchen aus feinen Weg von der Synagoge nach Hause nahm. Er war ein Meister allerersten Ranges und war in der Gemeinde wie unter den musikalischen Capacitäten der Stadt H. als solcher bekannt. Nichtsdestoweniger zahlte dieser nachher so gefeierte Meister im Anfänge seiner Wirksamkeit eine unfreiwillige Gabe von 10 Mark, weil er die Ausführung eines Kaddisch verweigerte, dessen Melodie absolut der Dudelsack-Musik angehörte. Die Autorität des Camors genügte damals noch nicht, um eine Weigerung für berechtigt anzusehen, und deshalb wurde von ״Amtswegen" 10 Mark Reugeld gefordert. Als die Herren dann aber mit ihrem Cantor stolzierten und ihn ״ihr Juwel" nannten, da zog derselbe Cantor es eben vor, am Roschhaschono auf Lobesspendungen zu verzichten. Dem letzteren Beispiele ließen sich noch viele hiuzusügen, um die ergötzlichen Seiten unserer Kritik mit Wonne zu betrachten. Jndess, es möge unser Wahlspruch sein: ״Wir singen die Kritik nieder" und behalten das Bewusstsein, dass manche Leistung die Kritik überdauert hat, und zwar im guten wie im bösen Sinne. _ R Meir aus Rattzenburg und sein Schüler Ascheri. Eine biographische Skizze von Dr. M. H.Friedländer Rabbiner in Pisek.*) (Schluß.) Nach dem Tode R. Meir Notheuburg's galt als erste rabbinjsche Autorität sein Schüler Ascheri, N. Ascheri ben Jechiel (geb. 1250), gewöhnlich ״Rosch" genannt. Durch seine höchst gediegenen talmudischen Schriften hatte er sich einen unfterblichen Ruhm erworben. Als jedoch bald nach dem Tode seines großen Lehrers, R. Meir Rothenburg, die Juden Deutschlands noch weit größeren Verfolgungen und Bedrückungen, als zur Zeit der Kreuzzüge Preis gegeben waren, sah sich R. Ascher ben Jechiel, von dem der Kaiser das Lösegeld, das die Juden für R. Meir Rothenburg hätten zahlen sollen, verlangte, weil er dafür Bürgschaft geleistet hatte, geuöthigt, die Heimat zu verlassen und' mit seinen 8 Söhnen und Enkeln auszuwandern. Anfangs hatte er die Absicht, Savoyen zum Schauplatze seiner Wirksamkeit und Thätigkeit zu wählen, weil die dortigen Gemeinden seine eminente Gelehrsamkeit zu schätzen und zu würdigen wussten, allein, als er erfuhr, dass der Herzog von Savoyen mit dem deutschen Kaiser in Verbindung stehe, so hatte er gegründete Ursache, zu befürchten, ausgeliefert zu werden. Er ging daher über Südfrankreich, wo er überall ehrfurchtsvoll empfangen wurde, nach Spanien und wurde in Toledo, der größten und ehrwürdigsten Gemeinde des Landes, mit Acclamation zum Rabbiner ernannt. Wie sein großer Lehrer R. Meir Rothenburg, gehörte *) Berichtigung. Im ersten Artikel, Nr. 15 ״Cantoren-Ztg." S. 2, rechte Spalte, Zeile 21 von unten soll es heißen statt ״anmutsvoll" richtig: ״w e h m u t s v o l l". Zwei Familien. Eine galizische Erzählung von S. Horowitz. (Nachdruck verboten.) (5. Fortsetzung.) Ich habe mich wirklich überzeugt, dass sie das Lob, ustt welchem überall von ihr gesprochen wird, noch übertrifft. Da! war ich neulich bei Herrn Moritz Golder, ein seiner, reicher/ ja steinreicher Mann. Er soll zwar nicht von besonders voruehmer Herkunft sein, aber was thut's, dafür ist er ein überaus wohlthätiger Mensch. Wo es gilt, etwas Gutes zu stiften, ist er der Erste. Als ich also neulich dort war, lenkte Jemand das Gespräch auf Ihre Familie. Sie hätten hören sollen, mit welcher Hochachtung Alles und besonders Frau Hinde, nebenbei bemerkt eine sehr gebildete Frau, von Ihnen und von Ihrer Tochter sprach." Als R. Feiwel den Namen Golder vernahm, ward er aufmerksam und sein Gesicht verdüsterte sich. Das Männlein, einmal in Redefluß gerathen, ließ sich nicht abschrecken und ftchr fort: ״Ich konnte es der Frau Hinde vom Gesichte herunterlesen, dass eine Verbindung der beiden Familieu sie glücklich machen würde, ließ sie doch wie absichtlich die Bemerkung fallen, dass wenn sich für ihren Sohn eine derartige Partie darböte, sie mit dem größten Vergnügen die Hälfte ihres Vermögens hergeben, ja, sogar die Eltern ihrer zukünftigen Schwiegertochter versorgen würde." R. Meilech brach jäh ab, denn R. Feiwel war von feinem i Sitze aufgesprungen, seine Augen funkelten, und sein ganzer! Körper bebte vor Aufregung. Er fuchtelte mit seiner Rechten in der Luft, dass Meilech sich zusammenkauerte. R. Feiwel rang nach Athem und seine Lippen hauchten die abgebrochenen Sätze: ״Also, das war der Zweck Eures Besuches, falscher Heuchler, Ihr wähntet mich mit dem Reichtum dieser Golder bleu-- den zu können? Genügt es denn nicht diesen Leuten, dass sie das Erbgut meiner Familie an sich reißen? Glauben sie gar, dass der Mammon soviel Macht über mich besitzt, dass ich gar meine Tochter opfern werde? Sie messen Jeden mit dem Maßstabe ihrer Gesinnung. Gehet und saget denen, die Euch hergeschickt haben, sie hätten sich die Mühe sparen können. Sagt ihnen, dass sie wohl meine irdischen Güter an sich bringen können, dass mein Adel aber unveräußerlich sei. Nie werde ich meine Tochter des schnöden Geldes wegen zu einer Partie überreden, welche ihr nicht entspricht, nab sollten wir deshalb an den Bettelstab kommen. Macht Euch also sofort auf den Weg, um von Eurer Sendung Rapport zu erstatten!" Er wandte ihm verächtlich den Rücken, und Meilech ließ sich das nicht zweimal sagen. Mit einem Satze war er bei der Thüre, froh, so leichten Kaufes davon zu kommen, rannte die Stiege hinunter und schöpfte erst Athem, als er Althaus' Gehöft im Rücken hatte. Er verzichtete auf den ihm in Aussicht gestellten Wagen und x6r x6ä68 trat er betrübt seinen Heimweg an. VH. Frau Henriette erwartete mit Ungeduld die Rückkehr ihres! Delegirten. Sie konnte sich einer gewissen Unrnhe nicht erwehreu, so dass sie sogar nicht die gewöhnliche Sorgfalt auf ihre Toilette verwendete.

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