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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-06-21 · Heft 16 (21.6.1891) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 16 (21.6.1891)
Date
1891-06-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 Weise mit der Verwaltung einer Gemeinde, die einen Cantor- Posten zu vergeben har, persönliche Verbindung anzustreben. Aus einer ganz einfachen psychologischen Erklärung lässt sich die Thatsache herleiten, dass sehr Viele sich bereit finden, eine Einpsehlnng zu schreiben und mit innerem Wohlbehagen den Namen darunterzusetzen, weil diese wackeren Menschenfreunde nämlich für sich das Bewusstfein in Anspruch nehmen, eine besonders gute That damit vollbracht zu haben. Ein Stückchen Papier opfern, ist am Ende kein so großer Verlust, und das Bewusstsein der guten That bringt alle Bedenken zum Schweigen, ob das, was in dem Empfehlungsschreiben gesagt wurde, auch so erwiesen ist, dass man es einem Anderen als Wahrheit hinstellen kann. Menschenfreunden von diesem Kaliber haben wir es meist zu danken, dass Eindringlinge sich zu Cantorstellen hinaufschwindeln, denen man sonst nichts Bemerkenswertes nachsagen kann, als dass sie eben jenen Posten erreicht haben. Eine Concurrenz um einen größeren Posten soll der Prüfstein dafür sein, was unser Stand an leistungsfähigen Vertretern aufweisen kann. Da erscheinen aber in der Regel jene sattsam bekannten, sich als Cantoren bezeichnenden Herren auf dem Plane und verhelfen vorweg dem Grundsatz zum Recht: ״Überredungskunst ist die beste Kunst." Natürlich war dann der zungengewandte Candidat am Sonnabend nur durch ״Indisposition" am Entfalten seiner Mittel gehindert. Ein Mann von Würde behauptet es; ein zweiter ist immer schon da, der derselben Meinung ist; ein dritter nickt mit dem Kopfe, ein vierter sagt gar nichts. ״Wir versnchens mit dem Mann!" Mit dieser Kritik, die weder anerkennend noch tadelnd ist, kommt das Engagement zu Stande und siehe da — der Herr Candidat ist der große Mann.—Daheim, in einer kleinen Gemeinde sitzt ein fähiger, tüchtiger Cantor, der kärglich, oft in demüthigender Weise seinen Unterhalt erringen muß; daheim wariet er und hofft, dass seine Meldung von Erfolg sein wird, dass er eine Aufforderung zur Probe erhalten wird. Endlich bringt der Briefträger einen Brief mit dem erwünschten Poststempel. Merkwürdig, der Empfänger legt den solange erhofften Brief mit enttäuschter, resignierter Miene beiseite, weil es ein ״schwerer Brief" ist. Der Empfänger weiß nur zu gut, dass Zeugniße und Meldung den Weg wieder zurück gefunden haben, und dass eine kurze amtliche Mittheilung die Rücksendung der Zeugniße mit ״bereits erfolgter Besetzung der Stelle" rc. begründet. So gehen manchem braven, tüchtigen Collegen die Jahre hin, ohne dass er einen 'Wirkungskreis erlangte, zu dem er durchaus berechtigt wäre. Wohl Jedem in unserem geschätzten Leserkreise wird schon die Ueberraschung bereitet worden sein, in kleineren Gemeinden Cantoren zu hören, die in ihren Leistungen von Cantoren in großen Gemeinden sich durchaus unterschieden, aber in vortheil- Haftester Weise. Verschieden im Auftreten, ohne Praetensionen, nicht nur mit gutem Willen, sondern auch mit gutem Können füllen sie ihr Amt aus, und trotzdem kommen sie über kärgliche Verhältniße nicht hinaus. Können ist immer etwas Schönes, aber noch lange nicht das Schönste. Imponieren und trotzdem ״nichts können", dann liegt die Kunst. Pardon, ״Kunst" ist nicht correct. Albert Niemann sagte einst: ״Kunst kommt vom Können her". ״Nichts Können" und ״Kunst" ist also falsch. Aus solch' künstlichen Engagements gestaltet sich daher der musikalische Theil des Gottesdienstes in größeren Gemeinden oft in fragwürdigster Weise. Der Chor wandelt dann Pflichtmäßig in den Bahnen des Cantors und macht trotz der Vierstimmigkeit keinen Anspruch, musikalisch seinen Platz besser zu behaupten, als der Wuudermann von Cantor mit einer Stimme oder keiner Stimme. Ein schlechter Canior, ein schlechter Chor ist nur in der Großstadt möglich, in einer größeren Gemeinde, in der nicht mehr dem Gebet, resp. dem Gottesdienst das ideale Interesse entgegengebracht wird und man mit dem Besuche des Gottesdienstes nur äußerlich eine Pflicht zu erfüllen glaubt. Für solche Andächtige wird der Cantor, dem es an Ignoranz nicht gebricht, vielleicht der Mann auf dem rechten Fleck sein. Als rühmens- Werth wird dann besonders hervorgehoben: ״Unser Cantor ist eins — zwei — drei — fertig. Der Gottesdiest muß rasch von Statten gehen!" Keiner der geschätzten Leser wird doch an der Wahrheit dieser Behauptung zweifeln? I! Wie in alle Stände hat die Unfähigkeit leider auch in unfern Stand Breschen geschlagen, und der Cantor, dem der Beruf nicht als bloßes Handwerk gilt, der Cantor, der es als seine Aufgabe betrachtet, die religiöse Seite seines Berufes möglichst mit dem ethischen Standpunkt der Zeit zu vereinigen, aus dem jüdischen traditionellen und der künstlerischen nationalen Musikform ein vollständig rein harmonisches Ganzes zu schaffen, dieser Cantor hat mit der Verständnislosigkeit innerhalb der Gemeinde oft einen biltern Kampf zu kämpfen. Wieist dann, wenn in der Gemeinde vorher für die würdige Gestaltung des Gottesdienstes, nichts gethan und dadurch nicht das Bedürfnis geweckt wurde, von dem Gottesdienste erhebende Eindrücke zu empfangen. ״Das Gute ringt sich durch", wird man einwenden. Ja, aber welcher Mühe, welcher Selbstverleugnung, welcher Duldsamkeit und Ausdauer bedarf es, um da aufzubauen, wo vorher alles beinahe verwüstet wurde. Es gibt Dummheit, die an Irrsinn grenzt; Leute, die ein Beleg für diese Behauptung sind, behaupten ja, Rembrandt wäre kein Meister gewesen, Schiller ein schlechter Dramendichter. In ähnlicher Weise hören wir Urtheile aus unserm Stand heraus: ״Lewandowski's Compositionen taugen nichts, Sulzer war gar kein Componift." Wir lachen, aber es ist ein bttteres Lachen; die Unfähigkeit macht sich breit; durch Hilfsmittel, gesellschaftliche Lüge und Gewandtheit wird das Verständnis für unfern Beruf im Publikum zurückgehalten, den Meistern bleiben die Partituren liegen, und Gemeinden, die im musikalischen Gottesdienst tonangebend sein sollten, stehen in dieser Beziehung auf einem Stand- Punkt, der für unfern Stand beschämend ist. Zum Glück haben wir zu den Mißverhältnißen zwischen Cantor und Gemeinde auch oft einen erfreulichen Gegensatz. Vor einiger Zeit durfte ich mich von dem letzteren erst wieder überzeugen. Bei einer Hochzeitsfeierlichkeit lernte ich einen Herrn aus der bairischen Stadt M. kennen. Während der ganzen Zeit, in der ich mich mit dem Herrn unterhielt, machte ich die Wahrnehmung, dass es nichr nur Courtoisie war, mit der ich behandelt wurde; es lag Respect, fast Ehrerbietung in der Art, in der mir begegnet wurde. Im Laufe des Gespräches erkundigte ich mich natürlich nach dem lieben Collegen K. in der betreffenden Stadt. Ja, jetzt hatte ich den Schlüssel für meine Wahrnehmung. Auf meine Erkundigung bekam ich eine Antwort, die voller Bewunderung von den vorzüglichen Leistungen des Collegen K. sprach und nach jeder Richtung hin auch den Charactereigenschaften des vortrefflichen Collegen im besten Sinne Anerkennung gab. Ich hatte also die Ehre, etwas von dem Eindrücke mitzuempfangen, den unser College durch sein Wirken in der Gemeinde M. gewissermaßen auch unserem Stande gesichert hatte. Wie mir bekannt, hatte der nun so als vortrefflich geschilderte College von Anfang an keineswegs diese Anerkennung

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