Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 16 (21.6.1891)
- Date
- 1891-06-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Synagoge, denn durch diese haben wir unseren alten Gesang mit einer modernen Gewandung umgeben, und wenn die Harmonisiruug noch so antik systemisirt erscheint, wie Popper meint, so sind es doch nur Atome, welche aus der schlichten Volksweise hervorlugen׳.' Werden aber die ernstdeukenden Männer unseres Volksstammes, worunter natürlich auch die Leiter des Cultus, also die Vorstande zu verstehen sind, diesen Rückzug antreten wollen und den Functionär entweder allein oder mit Meschorerim vorbeten lassen, in ebensolcher Weise wie Reb Anschel Popper? Sie, die sonst einen Stolz darin sehen, den Gottesdienst auf diese Stufe gebracht zu haben? David Popper scheint auch sofort bei dem Nkederschreiben obiger Anschauung anderen Sinnes geworden zu sein, denn er fügt nachträglich hinzu: ״Mit dem Gesagten soll durchaus nicht ein Tadel ausgesprochen sein; meine Absicht und gegenwärtige Gemüthsstimmung entfernen mich gleicherweise von jedem Verdacht einer Polemik; zudem hat ja jede Zeit ihr eigenthüm-. liches Gepräge, und wir leben im Zeichen der Modernisirung." Wir sind mit dieser Ansicht vollkommen zufrieden, wissen wir ja, dass das Modernisiren jüdischer Melodien viel Unkraut zu Tage gefördert hat; aber von einem Entfernen von der heiligen Sache kann darum nicht die Rede sein, weil man ja gerave in cantoralen Kreisen zu dem Bewusstsein gekommen ist, dass die altliturgische Sache auf sein richtiges Niveau gebracht werden soll, und das was z. B. Lewandowski so meisterlich zu bearbeiten und in die alte Form zurückzuführen verstand, darf doch sicherlich nicht ein Entfernen von der heiligen Sache nennen. Wir stehen vor einem Räthsel und es dünkt mich fast, dass wir mit dem Modernisiren unserer antiken Piecen denselben Weg einschlagen, wie die Architekten und Möbeltischler, die ihre Objecte und Bauten der Zeit der Renaissance und Gothik entnehmen oder den altdeutschen Styl wieder aufleben lassen. I u n g b u n z l a u,. 15. Juni 1891. 6. 8. Die Kritik. (Ein Capitel aus unserem Berufsleben.) Von Gugcn Javrdsoh«, Cantor in Frankfurt a./M. Wie kann mau in seinem Amte alle Freuden des Daseins genießen, vorausgesetzt, dass ein Cantor überhaupt zum Dasein berechtigt ist? Hierüber im Nachfolgenden einige Winke: Zunächst bitte ich jene Herren um Entschuldigung, die sich als etwas anderes als ״Cantor" fühlen. Vor dem ״Obercantor" muß man sedenfas den größten Respect haben; der ״Cantor" gilt auch noch so etwas wie Respectsperson; der ״Vorbeter" und ״Vorsänger" möge seinen Respect suchen, wo er ihn findet. In der Regel ist sein Suchen aber vergebliche Mühe. Bis jetzt ist die Rangordnung unseres Standes eine viertheilige und in Bellamy's Buch über den ״Zukunftsstaat" ist auch noch keine Aenderung für unseren lieben Beruf vorgesehen, deshalb wollen wir ״alle guten Dinge" ״vier" sein lasten und uns in unsere jetzige Rangordnung finden. Historisch steht es wohl nicht fest, wer diese Rangordnung getroffen hat; trotzdem hat sie ihre Geschichte, und zwar eine Geschichte mit Capiteln, die sich nicht erfreulich lesen. Das Wort ״Titel" hat vor allen Dingen schon ein fatales Reimwort ״Mittel". In der Theorie, die vorweg immer noch das Beste ist, reimt sich ״Titel" und ״Mittel"; die Praxis opponirt aber gewöhnlich. Die Praxis hat schon Manchem die Laune verdorben; sie besitzt Va886-par-tout Lei Arm und Reich und ist eine aufdringliche Gevatterin. Mehr will ich von ihr nicht verrathen, denn es ist immer gut, wenn man mit der ״Praxis" leidlich Freundschaft hält. Die ״Theorie" bellt aber beißt nicht, die kann ich ruhig necken.; Die Theorie ״Titel und Mittel" möchte ich deshalb nach Herzenslust an den Ohren zausen, weil sie oft mich zum Besten hält. Ja, wen hält sie nicht zun! Besten? Die Majorität entscheidet; deshalb lasse ich mir von denen nicht imponiren, die in puncto ״Titel und Mittel" mit mehreren Nullen rechnen. Eine große ׳Null haben wir aber alle, nämlich die Null der Kritik. Eine Fachkritik haben wir nicht, und was wir sonst an Kritik erfahren, ist im Werthe der Null gleich zu zählen. Unsere Rangordnung selbst ist eine Null mrd an sich eine Kritik. Die Art, wie man Angehörige unseres Berufes in den verschiedenen Gemeinden verschieden zu bezeichnen pflegt, ist eine Kritik. Der Herr ״Obercantor" ist dann derjenige, dem man eine hervorragende amtliche Stellung im Cultus zufpricht; der Herr ״Cantor" ist derjenige, den man zuweilen gern hört, aber nicht immer gern sieht; der ״Vorbeter" oder ״Vorsänger" endlich ist immer nur ein ״nothwendiges Uebel". ״Singe, wem Gesang gegeben!" Da wir uns nun in unserem Stande an dieser Devise zu halten haben, so wäre die internationale Bezeichnung ״Cantor" eigentlich diejenige, die wir uns ruhig gefallen lasten könnten. Mir ist, als erwiderten einige Stimmen: ״Wir müssten uns Alles gefallen lassen." — Nein! Wie komme ich nur so etwas zu hören? Ha, da fällt mir's ein! Früher habe ich es gehört. Wer weiß, wie lange das schon her ist. Der Titel ״Cantor" setzt voraus, dass man singen kann; denn ״Cantor" zu deutsch heißt ja ״Sänger". Das wissen wir ja auch alle; es wäre vielleicht recht gut, dass alle Mitglieder unserer Gemeinden vom lateinischen soviel prositirt hätten, um die Uebersetzung des Wortes ״Cantor" zu kennen. Damit gebe ich mich jedoch nicht zufrieden. Es verlohnte sich wohl auch der Mühe, nicht nur den Titel zu kennen, sondern den Cantor ebenfalls. Wenigstens den Cantor kennen zu lernen, wenn man sich das Privatvergnügen gönnen will, über ihn auch persönlich eine Kritik vom Stapel zu lassen. Der Heldentenor des Hoftheaters in Hannover, William Müller, sagte seinerzeit dem leider so früh abgernfenen Berggrün: ״Ich werde wohl viel besser bezahlt, aber dafür muß ich mir auch eine öffentliche Kritik gefallen lasten; die Leiden und Freuden der Kritik sind Ihnen erspart." Berggrün war zu vornehm, um den Kunstgenossen in die interne Kritik einer Gemeinde einzuweihen. Wer weiß, wie schnell jener Künstler mit der öffentlichen Kritik sich ausgesohnt hätte, wäre es ihm zu Ohren gekommen, aus welchen Elementen die Kritik des Cantors besteht, was für die Kritik des Cantors maßgebend ist, und wer sie übt. Wohl in keinem Stande wird das Sachgemäße so mit dem Persönlichem verwechselt, wie in dem nnsrkgen. Die Fähigkeit für den Beruf ist nicht immer die große Hauptsache. Leute, die es mit dem Sprichwort ״probieren geht über studieren" in der Wahl eines Berufes halten, bilden sich eine Singstimme ein, kaufen sich eine Stimmgabel, setzen sich einen Cylinderhut auf׳—- und sind dann Cantoren. Die größte Stelle ist dann immer grade gut genug. Nur ein Dummer geht immer den geraden Weg. Jene Herren sind aber über die Dummheit erhaben und wissen sich deshalb besser zu helfen. Sie müssen durch Raffinement das ausgleichen, was der durch Talent und Streben sich für das Fach auch wirklich eignende Cantor an Leistungsvermögen mehr zu bieten vermag. Mit dem Vorsatz viel zu reden, oder vielmehr viel ״einzureden", sucht..man auf jede mögliche