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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-06-21 · Heft 16 (21.6.1891) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 16 (21.6.1891)
Date
1891-06-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Es gehört wohl heutzutage zu den Seltenheiten, dass sich außerhalb unserer Berufs-Sphäre eine maßgebende Stimme über Cantoren und deren Leistungen erhebt; heute, wo jedem Fortschritt freie Bahn wird, jeder Zweig am Baume der Cultur gepflegt wird, diese Pflege Anerkennung findet, und nur das Gebiet des liturgischen Gesanges nicht recht festen Boden gewinnt, weil Jndifferentismus die Kräfte lähmt. In einer solchen Zeit ist es für uns überraschend, wenn eine Autorität im Künstlerberufe sich ein Urtheil über den Gesang der modernen Cantoren zurechtlegt und dasselbe verkündet. Am Tage des Begräbnißes des jüngst dahingeschiedenen Prager Cantors Angelus Popper, oder gemeinhin R e b Anschel Popper, widmet ihm dessen Sohn David, der weltberühmte Cellokünstler, einenMachrnf im Prager Tagblatt unter dem Titel: ״Etwas über meinen gottseligen V a t er." Im ersten Theile dieses von kindlicher Liebe überfließenden Artikels ist es der gute Sohn, der den theueren, vielgeliebten Vater, den Stolz seines Lebens, wie er sagt, beweint; im zweiten ist es der pietätvolle Kunstkritiker, der in liebevoller Erinnerung der hehren Töne gedenkt, die sein Vater im Lob- und Dankeslied zu dem Gotte Israels emporsandte; und in diesem zweiten Theile zieht er eine Parallele zwischen dem einfach erhabenen Gesänge seines Vaters, der abseits von allem Modernen in traditioneller Weise seine Melodien schuf, und dem in Kunstübungen ausgewachsenen Fachgenossen. Er sagt:' ״In die gottesdienstlichen Kunstübungen unserer Zeit hat sich im Allgemeinen ein fremder, der Sache durchaus fernliegender Zug eingeschlichen; wohlmeinende, aber nicht durchwegs vom. besten Geschmack geleitete ״Reformation" hat den ehrwürdigen, vielfach altersgrauen, aber immer mächtig ergreifenden und einfachen Weisen eines durch Jahrtausende grausam verfolgten Volkes eine Gewandung zugemuthet, aus deren modernem Faltenwurf oft nur mit angestrengter Mühe Atome der durch die Tradition geheiligten schlichten Volksweisen zu erkennen sind. Indem sie nun solcherweise sich vom Wesentlichen des religiösen Tempelgesanges immer mehr entfernt haben, sind sie demselben wahrlich nahegetreten, bedenklich nahe, und es unterliegt keinem Zweifel, dass hierin Abhilfe geschaffen wird, ein Läuterungsproceß angebahnt werden muß, zu dem sich alle Ernstdenkenden und dazu Befähigten dieses intelligenten Volksstammes vereinigen sollten." Das sind Worte, welche in cantoralen Kreisen höchste Aufmerksamkeit verdienen. Und auch für andere Kreise, welche sonst dem Gottesdienste nahestehen, wäre diese Aufforderung, wenn sie selbe lesen, ein Stachel, der sie aus dem Schlafe aufrüttelte, ״damit es Licht werde in den Köpfen", wo jetzt noch dunkle Gleichgiltigkeit herrscht. Was jedoch das Wirken des alten Popper selbst betrifft, so müsste man eben dasselbe gekannt haben, um den überschwänglichen Bericht seines Sohnes zu bestätigen. Vielen Fachgenossen ist es wol bekannt, dass Reb Anschel Popper ein ausgezeichneter Baal tefilla, ja wie es hieß, der beste in Prag gewesen sein soll; aber eben nur das, nämlich ein trefflicher Vorbeter, ob aber auch ein Vorsänger bleibe dahingestellt. Ich hatte das Glück, ihn wol in hohem Alter vor wenigen Jahren zu hören, und konnte von letzter Eigenschaft nur kaum einen rechten Begriff bekommen; es müsste eben sein, dass das hohe Greisenalter jeden Gesangston bereits verwischt hatte. Wer aber schon eine Schaar ergrauter Chasanim gehört hat, die in einem ebenso hohen Alter ihrem Dienste vorstanden, der entdeckte noch immer in den Resten dieser Stimme den stimmgewaltigen Vorsänger. Nicht zu leugnen ist es, dass Reb Anschel Popper der verkörperte traditionelle Prager Nigun war, dass man in ihm den obersten Richter über alle Befähigung jüdischer Melodienbildung anerkannte. Wie vielen Cantoren der orthodoxen Pinkassynagoge ist es trotz aller ihrer trefflichen Eigenschaften schwer geworden, dem für sie so sterilen Boden, der mit Anschel Popper's Melodien förmlich bepflastert war, Herr zu werden, und zu alldem waren diese Melodien in Prag als mustergiltig anerkannt und wurden vom Vorstande unbedingt verlangt. David Popper sagt viel Richtiges, wenn er vorschlägt, dass ein Läuterungsprocess angebahnt werden muß von den Ernstdenkenden und Befähigten dieses intelligenten Volksstammes damit die moderne Kunstübung weiche und die altersgraue Weise wieder zu ihrem Rechte käme. Aber welcher Umsturz stünde bevor? Vorerst müsste natürlich die Orgel aus der

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