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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-06-11 · Heft 15 (11.6.1891) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 15 (11.6.1891)
Date
1891-06-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Hilfe bedürfen, als Thee, Kaffee und Vrod zur Stelle. war und eine freundliche Schenkin aus großen Kesseln die dargereichten Tassen füllte. Das Werk der Menschenliebe vollzog, was die Bildung noch nicht vollbracht, es vereinigte Menschen mit Menschen und fragte nicht nach Stamm und. Art. Drüben am Strand der Newa sitzt ein Mann in einem herrlichen Palast; Gott hat ihm das Scepter verliehen über Hunderte Millionen, auf dass er'sie glücklich mache, das ist feine innerste Ueberzeugung; dabei sieht er nicht, was in seinem großen. Reiche geschieht, weiß er i'icht, wie Tausende bluten, um Hundertett ein Leben voll Genuss zu bereiten. Oder glaubt er wirklich den Ohrenbläsern,, welche ihm sagen, dass es Gott gefällig sei, Menschenleben und Menschenglück zu zerstören, weil diese Menschen den heiligen Geist, der über den Welten waltet, in anderer Form verehren? Die bescheidenen Frauen und Männer, die draußen das Werk der Menschenliebe üben, sie könnten ihm besser als seine Rathgeber sagen, wie leicht es ist, Glück zu schaffen, wenn man die Macht dazu Lut, und wie fluchwürdig der Mißbrauch einer Gewalt, der es so leicht wäre Segen zu spenden. Raphael Löwenfeld. Kleine Chronik. Wien (Verein zur Abwehr des Antisemitismu s.) Der in voriger Nummer signalisirte Aufruf, welcher von den hervorragendsten Männern Oesterreichs gefertigt ist, hat folgenden Wortlaut.. ״Der Antisemitismus ist eine tiefbeklage'nswerthe Verirrung. Sein inneres Wesen ist der vollkommene Gegensatz und das gänzliche Aufgeben der Gerechtigfest und Humanität. Seine äußere Bethätigung ist das Zerrbild alles Edle» und Guten. Seine Folgen sind die moralische Ver-. Milderung und Verrohung. Unsere jüdischen Mitbürger, uns gleich in Allem, was dem Menschen eigen ist, unsere Mitarbeiter an den großen Aufgaben der Menschheit, sind den empörendsten Beschimpfungen, ja selbst Gewaltthätigkeiten ausgesetzt. Man ficht ihre gesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung an, und Unfrieden und Verbitterung, Hass und Neid in unser öffentliches Leben( Unbefriedigende wirthschaftliche Verhältuiße werden nicht auf ihren inneren Grund geprüft, sondern zum Ausgangspunkt einer leidenschaftlichen und ungerechten Agitation genommen. Eine Anzahl von Männern und Frauen verschiedener Lebensstellungen ist zusammengetreten, um ihre Stimme gegen diese gehässige und in ihren Ausschreitungen geradezu unmenschliche Bewegung zu erheben, um an den klaren Sinn und das gute Herz unseres Volkes zu appelliren und nach Kräften beizutragen zur Wieder- Herstellung des Friedens und der Eintracht in unserer Bevölkerung. Es handelt sich nicht um einen Act der Politik, es handelt sich nicht darum, auf die gefährlichen Consequenzen hinzuweisen, welche die Weiterentwicklung dieser Bewegung für Staat und Gesellschaft ergeben muß. Ausschließlich und allein Humanität und Gerechtigkeit sind es, welche in Betracht kommen und welche uns bestimmen, gegen den Antisemitismus Stellung zu nehmen. Zu diesem Zwecke ist die Bilrung eines ״Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" in Aussicht genommen. Diesem Vereine beizutreten fordern wir alle Diejenigen auf, welche wie wir denken und empfinden." Die Constituirung des Vereines fand Montag den 1. Juni im Hotel ״Kaiserhof" statt. Auf Einladung des vorbereitenden Comites, welches aus den Herren Rudolph Graf Hoyos, Friedrich Baron Leitenberger, Arthur Baron Suttner, Hoftath Profeffor Nothnagel, Dr. Eduard Uhl und Dr. v. Kißling bestand, hatten sich zahlreiche Mitglieder eiugefunden. In der Versammlung waren alle Berufsclaffen vertreten, man sah Professoren, Aerzte, Advocateu, Künstler, Beamte, Kaufleute und Gewerbetreibende. Es hatten sich unter Anderen eingefunden.׳ Graf Edmund Zichy, die Professoren Biüroth und Krafft-Ebing, Bildhauer Victor Tilgner, Opernfanget׳ Felice Mancio, Maler Seelos, die Reichraths-Abgeordneten Superintendent Dr. Hasse׳ und Wrabetz, die Gemeinderathe Noske, Dr. Zimmermann, Frauenberger, Djörup, Seiler und Janotta. Dr. Ferdinand Kronawetter; auch zwei Damen waren anwesend, Baronin Suttner und die Postbeamtin Frau Marie -Albach. Baron Leitenberger eröffnete die Versammlung mir einer Ansprache, in welcher er unter Anderm sagte: ״Wir wollen mit Hingebung und Aufopferung arbeiten, um hie Geselle schaft von der verpestenden Krankheit des.-Antisemitismus befreien. Die Beitrittserlkrungen sind gleich; beim ersten. Schritte - so massenhafr eingelaufen, dass wir mit Freude einen Erfolg coustatiren können. Der Schriftführer Dr. Uhl verlas sodann: den Aufruf und den Entwurf, der Statuten.- Nach diesen-soll: der Zweck des Vereines die Bekämpfung -des Antisemitismus/V hauptsächlich durch Abhaltung öffentlicher Vorträge, Verbreitung! belehrender Schriften, eventuell durch Gründung eines eigenen׳! Vereiusorganes erreicht werden. Jede politische Thätigkeit des Vereines ist. ausgeschlossen. Mitglied des Vereines kann. Jeder- ( mann sein, der im Vollgenusfe seiner bürgerlichen Rechte sich! befindet. Nun schritt man zur Wahl des Vorstandes. Gewählt:׳ wurden als Ehrenpräsidenten: Edmund Gras Zichy, Baron,, Leite n b e r g e r, Hofrath Nothnagel; Präsident . Graf:: Rudolph Hoyos; erster Vicepräsident Baron Sutt n er, .׳: zweiter Vicepräsident Dr. Eduard Uhl; Schriftführer: Herr Gideon Gunst e, Major i. P., und Gemeinderath.-.August,: Janotta; Cassier Herr August Bai l i n g, ferner die Herren:: Professor Eduard S u e ß, Dr. K rona w e tt e r, Dr. v. K i ß- . ling (Linz), Ludwig H etsa y, Generalmajor a. D. Eduard v. - Mingazzi und Gemeinderath Dr. Zimmermann. Nach? v dem die Gewählten die Wahl anzunehmen erklärt hatten, sprach Hofrath Nothnagel folgende denkwürdige Worte: Es muß-- licht werden in den Herzen, es muß klar werben., in den Köpfen; das Gift, das an dem Marke des Vo lkes zeh rt, d i e Kr aukh eit, die unter un s herumschleicht, muß verschwinde n". Diese Worte wurden mit: stürmischem Beifall aufgenommen, und Hierauf die Sitzung geschlossen. Wien- Der gegenwärtig hier weilende Rabbiner und , Schriftsteller ans Galatz, Herr Israel M arguli es, hat sich . mit Fräulein Eugenie Kohn verlobt. Klosterneuburg. Das Resultat der kürzlich hier durch . den Cantor und Lehrer Herrn I. Aschkenes abgehalteuen - Religionsprufung muß als ein vollkommen zufriedenstellendes bezeichnet werden und fand demgemäß Herr Aschkenes bei den . zahl!eich anwesenden Eltern der Zöglinge, vollste Anerkennung. : Auchals Eantor hat sich derselbe als tüchtige Kraft bewährt, besonders an den verflossenen Feiertagen, indem er es verstand, , die Zuhörer zur Andacht und Erbauung zu führen. Austerkitz, 4. Juni. Gestern Nachmittags schlug der; Blitz während eines heftigen Gewitters in den hiesigen Tempel ein. Im obersten Giebel des Tempelgebäudes sind die beiden Gesetzestafeln in einem großen starken Sockel eingelegt.- Der Sockel, welcher 35 Centimeter stark ist, wurde von dem Blitz-: - strahl total abgeschlagen. Von hier nahm der Blitz seinen Weg in die Frauenabtheilung des Tempels, riss ein Stück Mauerwerk ab, streifte die Bundcslade, beschädigte den Vorhang und richtete im Gebäude bedeutenden Schaden an. Die Thorarollen in der Bundeslade wurden, jedoch nicht beschädigt. Wudapest. Der ungarische Cnltusminister hat kürzlich in einer Ehescheidungsangelegenheit folgende bemerkenswerthe Entscheidung getroffen : ״Das Gesuch der Gölniczbanyaer Insassin Amalie Baruch, in welchem sie bittet, den Szeps-Olaßier Rabbmer anzuweisen, dass dieser auf Grund der in Sachen der Scheidung einer mit Adolf Ziegler geschlossenen Ehe geschöpften rechtskräftigen richterlichen Urtheile, aber ohne die Übernahme des Scheidebriefes (Get) bei Schließung einer beabsichrigten neuen Ehe mitwirke, schicke ich mit der Bemerkung ztirück, dass ich die Bitte nicht zu gewähren befunden habe. Es ist zwar richtig, dass die zwischen Adolf Ziegler und Amalie Baruch bestandene Ehe durch die rechtskräftigen richterlichen Erkenntniße endgiltig gelöst ist und beide Ehegatten schon auf Grund der in Rechtskraft erwachsenen richterlichen Urtheile^das Recht haben, eine neue Ehe einzugehen. Die in den richterlichen Urtheilen enthaltene Verpflichtung, dass der Gatte seiner Frau binnen 8 Tagen. von jenem Tage gerechnet, an welchem das Urtheil in Rechtskraft erwächst, mit Intervention des competenten Rabbinats den Scheidebrief ausfolge, und. dass die Frau diesen Brief von ihrem Gatten übernehme, wird mit Rücksicht auf die Dogmen der mösaischeu Religion ausgesprochen, indem zugleich auch jene Modalitäten bestimmt werden,- die einzutreten haben, wenn der Mann seiner Frau den Scheidebrief nicht ausfolgt,.

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