Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 15 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 harmlose Mann, der gestern gar nicht gewusst hat, dass er mich nicht lieben dürfte, zur Bestie wird, weil man ihm in's Ohr geflüstert, dass ich nicht sein Bruder sein darf? O, wer sie gesehen hat, die Schaaren bleicher Männer und schwankender Frauen, wie sie bekümmert um ihre Küchlein mit dem Ausdruck der Hoffnungslosigkeit die dunkle Treppe des Bahnsteigs herabkamen — der musste daran verzweifen, dass die beglückende L eh r e d er B r u d e r l i e b e je die ganze Menschheit erfassen könnte, ... Der Bahnhof Charlottenburg ist der letzte Ausläufer der großen Berliner Stadtbahnlinie. Er liegt aus einem ziemlich hohen Damme und gewährt einen freundlichen Rundblick über die hübsche, in Grün gebettete Stadt, über saftige Wiesen und eine weit hinreichende Häuserreihe, die am Ende des Gesichtskreises mit dem Meer der Bauteil der Reichshauptstadt zusammen-, fließt. Täglich bringen vier bis sechs Züge an die sechshundert Auswanderer hierher. Aus allen Gegenden Rußlands, auf allen Wegen kommen sie; die größere Zahl über Eydtkuhnen und Alexandrowo-Thorn, kleinere Trupps auf dem südlichsten Wege von Sosnowice - Kattowitz und auf dem nördlichsten von Tauroggen. Der Zug hält. Scheu und furchtsam steigen einige Männer mit großen, schweren Bündeln aus dem Wagen; sie schauen sich um und wissen nicht, was sie beginnen sollen. Die Sprache des Schaffners ist ihnen fremd, den Zuspruch des Menschenfreundlichen Beamten verstehen sie nur halb, aber Eines wissen sie schon: in Berlin soll ihnen geholfen werden. Mit förmlicher Andacht sprechen sie den Namen der Reichshauptstadt aus, denn die ersten Auswanderer, die der russischen Bedrängnis entflohen, haben ihnen schon geschrieben, wie man hier Menschliebe zu üben versteht. Es ist ihr Glück, dass sie unsere Menschenliebe nur aus den Briefen ihrer Brüder kennen, hätten sie in Eydtkühnen manche unserer Zeitungen gelesen, die Hoffnung hätte sinken müssen. Allmälig yat sie der Zuspruch Wohlwollender die Treppe hinab geleitet. An zwanzig Tischen haben sie Platz gefunden, mit Kisten und Kasten. Hundert Hände sind bereit, den Unglücklichen zu dienen. Die gestern Diener waren, schlimmer noch, die von der Hand des rohen Grenzwächters hin- und hergestoßen wurden, bis sie ihm den letzten Groschen gaben, um nur herauszukommen aus dem Lande des Jammers und die Luft der Freiheit zu athmen — sie fühlen jetzt ein Glück, das sie nie gekannt haben: von fremden Menschen Gutes zu empfangen, denen sie nie werden danken können, die den Dank nicht heischen. Oben am ersten Tische waltet des Schaffneramts ein freundlich blickender Mann und eine reizende junge Frau. Die Hand, die sonst die Feder zu führen gewohnt ist, reicht gefüllte Taffen, und gierig langen zehn Hände nach dem dampfenden Kaffee und der erfrischenden Milch. Die Dame widmet sich den Kindern, die mit tausend Handküssen danken. Wahrlich, sie verdient den Dank! Verstünden ihre Glaubensbrüver im heiligen Rußlands das Evangelium des großen Menschheitslehrers wie sie, sie müssten vor Zerknirschung zusammenbrechen bei dem Anblick des Jammers, den sie geschaffen haben. Denn das erste ist wahres Christenthum, dem Menschenbruder zu helfen, ohne ihn zu fragen: woher stammst Du und was glaubst Du? Ganz unten, wo die Oeffnung des Stadtbahnbogens ein Helles Licht in die halbdunkle, lange Halle einlässt, sitzt zusammengekauert ein graubärtiger Mann. Seine Umgebung bezeigt ihm besondere Achtung, und ein junger Mann ist liebevoll um ihn besorgt. Es ist sein Sohn. Er war Arzt in dem kleinen Städtchen des Wilnaer Gouvernements, aus dem der Vater zu flüchten gezwungen war. Nicht die Schergen der Regierung hatten ihm den bescheidenen Platz in dem letzten Häuschen der Stadt gewehrt, die Noth hatte ihn davongetrieben. Der Rabbiner fand keine Schüler mehr in den blutigen Tagen der Verfolgung, und der gute Sohn wollte den greisen Vater nicht verlassen auf dem weiten Wege über den Ocean. Es war ein gebildeter junger Mann von bester Lebensart, der bescheiden und gewandt, zugleich in drei Sprachen über die Noth seiner Stammesgenossen berichtete. Und tragisch war der Schmerz, mit dem er über die geistige Noth seines Vaterlandes Rußland weinte. Die Thränen standen ihm in den Augen, als er mir sagte: ״Ihr deutschen Juden seid glückliche Menschen, Euch gestattet man, Eurem Vaterlande zu dienen. Die heiseren Stimmen, die Euer glückliches Land gern auf die Stufe Rußlands herunterschreien möchten, werden doch dald verstummen müssen vor dem allgemeinen Chor, der die hehre Religion der Gleichheit predigt. Wir aber, was können wir thun? Mit Mangel und Vorurtheil unter den Eigenen kämpfend, öffnen wir uns endlich den Weg, der zu Licht und Freiheit führt. Wir hoffen schon den finstern Bann gebrochen zu haben. Wir haben uns die Wissenschaft der Zeit angeeignet, wir sprechen die Sprache unserer orthodoxen Nachbarn, wir wirken neben und mit ihnen, wir lieben, was sie lieben, wir verehren, was ihre Verehrung ist, wir haben Freude unter ihnen, wir kämpfen um dieselben Ideale — und der Federstich eines ruhelosen Mannes genügt, um das Werk eines Jahrhunderts zunichte zu machen." In diesem Augenblicke trat ein anderer Herr an den Tisch heran und fragte nach den Geldbedürfnißen der Leute. Viele von ihnen besaßen Schiffahrtskarten, die ihnen die Verwandten aus Amerika, Opfer derselben Unduldsamkeit, herübergeschickt hatten; andere besaßen das Geld, um sie zu kaufen; die meisten aber waren mittellos, halb nackt in die Welt hinausgegangen. ״Was habt ihr Euch dabei gedacht?" fragte ich einen stämmigen Mann, der aus Charkow kam, ״als ihr ohne einen Rubel in der Tasche in die Fremde zogt?" ״Lieber Herr," sagte der Mann in seinem verstümmelten Deutsch, ״ich war Gerber zu Hause. Ich habe vierzig Rubel den Monat verdient, ich bin gesund und stark und war ein glücklicher Mann. Ich habe Frau und zwei Kinder, eine gute Frau, Gott erhalte sie, und kleine, liebe Kinder, sie sind dort geblieben und leben von der Barmherzigkeit. Aus Charkow hat man uns nach Polen zurückgefchickt in das Dorf, wo ich geboren bin, was soll ich da machen? Dort gibt es keine Gerbereien. Gott wird helfen, Hab' ich gedacht, Hab' mein Bettgewand verkauft, meinen Rock, nur um über die Grenze zu kommen, schlechter, Hab' ich gemeint, kann es nicht werden, hier sind gute Leute, die helfen uns nach Hamburg, von da hilft man uns nach Amerika, und wenn ich dann gespart habe, was die Reise kostet, dann lass' ich mein Weib und meine Kinderchen Nachkommen." .,Und wenn man Euch dort nicht aufnimmt? Ihr wisst doch, dass man die Leute zurückweist, die garnichts haben." ״Dann weiß ich nicht mehr, was ich anfange," sagte er in dumpfer Hoffnungslosigkeit. Von dem Hauptraume führt eine Holztreppe hinunter in einen kleineren Bogen. Auf den ersten Blick konnte man erkennen, dass die Männer und Frauen, die hier aus den Bänken saßen und um die Treppe herumstanden, einem anderen Stamme angehörten. Die jüdischen Flüchtlinge oben zeichneten sich durch Beweglichkeit und Lebhaftigkeit aus, die meisten von ihnen, hatten ein schwächliches Aussehen, ihr Typus, zwar kein rein semitischer, war doch kein durchaus von der Gefichtsprägung der anderen abweichender, so dass man sie als Stammesgenossen erkannte. In ihrem Jargon besitzen sie ein Verständigungsmittel in allen Theilen der Welt, wo man deutsch spricht und versteht. U n t e n aber herrscht größere Ruhe, größere Sicherheit, zeigten die Männer ein gesünderes Aeußere, die Frauen eine größere Passivität; und der Mangel eines Verständigungsmittels verurtheilte sie alle zu geduldigem Abwarten. Merkwürdiger Weise war eine organisirte Hilfe für die Leute unten, polnisch katholische Arbeiter, nicht zur Stelle. Weiß denn Berlin nichts von dem Durchzuge dieser Leute? Selbst diejenigen, welchen es nicht ganz an Geldmitteln fehlt, bedürfen der Unterstützung bei der Lösung ihrer Fahrkarten, bei dem Verkehr mit den Beamten, an dem Tische des Wartesaals, wo sie nicht wissen, wie sie um die nöthige Erfrischung zu bitten haben. Viele aber brauchen auch das Allernöthigste. Nach der 24stündigen Reise kommen Frauen und Kinder so ermüdet an, dass sie einen Trunk mit herzlichem Danke entgegen nehmen. Zum Glück ist das Hilfscomits, das oben waltet, nicht so engherzig, wie die, die all das Elend verschuldet haben. Kaum war es bekannt geworden, dass auch unten reisemüde Leute der /