Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 15 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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dem Aufenthalt in der südamerikanischen Republik. Er ist als alleiniger Leiter mit ausgedehntesten Vollmachten und entsprechender Verantwortlichkeit an die Spitze des großen Werkes gestellt. > Die finanzielle Seite des Unternehmens ist das Gebiet j des Barons Hirsch, um das Prof. Löwenthal sich nicht zu! kümmern hat. Dagegen ist es seine Sache, drüben das nöthige Land zu erwerben, es zur Ausnahme von Ansiedlern vorzubereiten und darauf die Colonien russischer Juden einzurichten. Zunächst schreitet er zum Ankäufe von 2000 Geviert-Leguas Land (eine argentinische Geviert-Legua misst 25 Geviert-Kilometer, also 2500 Geviert-Hektare oder etwa 10.000 Morgen), es handelt sich also um einen Landkauf von zwanzig Millionen Morgen. Von dem gekauften Lande wird zuerst ein kleiner Theil durch eine Anzahl ausgewählter russisch-jüdischer Arbeiter Ln Gemeinschaft mit geübten Eingeborenen urbar gemacht und bestellt. Die Argentinier und einige europäische Landwirthe dienen dabei den Juden als Lehrmeister in der Errichtung der Wohnhäuser und Wirthschastsgebäude und in allen Arbeiten des Ackerbaues und der Viehzucht. Erst wenn diese erste Gruppe von Juden die erforderliche Geschicklichkeit erlangt hat und sich ihrerseits zu Lehrmeistern eignet, werden weitere Scharen hinübergeholt, mit denen dasselbe Verfahren erneuert wird. Die Lehrgruppen, denen natürlich besondere Vortheile zugestanden werden, dringen als Pionniere immer weiter in die Wildnis vor und lasten urbar gemachtes Land hinter sich, aus dem jüdische Einwanderer sesshaft gemacht werden. Wie man sieht, kann nach diesem Plane die Hinüberleitung der russischen Juden nur ganz allmählich vor sich , gehen. Obschon Raum zur Unterbringung von anderthalb bis zwei Millionen Siedlern vorhanden ist, darf man nicht an einen malerischen Mastenauszug denken, der etwa unserem Welttheil in der nächsten Zeit die Wiederholung des Schauspiels bieten würde, welches im Pentateuch geschildert ist. Es wird nach Prof. Löwenthal's Annahme vier bis fünf Jahre dauern, bis er Einwanderer in großen Mengen aufnehmen und unterbringen kann. Auch ist das Werk nicht als ein riesiges Almosen gedacht, sondern hat eine gesunde Grundlage der Selbsterhaltung. Das Land wird den Juden nicht geschenkt. Sie müssen es bezahlen. Aber allerdings rechnet man ihnen blos die Selbstkosten und mäßige Verzinsung und stellt ihnen sehr lange Zahlungssristen, so dass sie, wenn sie sich als geeignet erweisen und sieißig sind, mit einem kleinen Theil des Ertrages ihres Bodens die Schuld tilgen können und dann freie Eigenthümer ihres Landes werden. Der Versuch, den Prof. Löwenthal unternimmt und zu welchem ihm Baron Hirsch die erforderlichen sehr bedeutenden Mittel zur Verfügung stellt, ist einer der großartigsten, die unsere Zeit gesehen hat. Sein Gelingen würde Hunderttausende, vielleicht Millionen Menschen aus tiefstem Elend erlösen und zu menschenwürdigem Dasein emporheben, Argentinien zu einem bevölkerten und infolge dessen reichen und mächtigen Lande machen rmd dem Antisemitismus sein großes Argument entwinden, dass die Juden blos schachern und wuchern, nicht aber neue Werthe schaffende, nützliche Arbeit leisten können. Zwei Bemerkungen sind am Schluffe dieser Mittheilung nicht überflüssig. Erstens sei angesichts der Hunderte von Anstellungsgesuchen, die fortwährend für ihn eingehen, festgestellt, daß Prof. Löwenthal alle Hilfskräfte und Mitarbeiter, deren er bedurfte, bereits gewählt hat und Anstellungen bei dem Werke zur Zeit überhaupt nicht mehr zu vergeben sind. Zweitens mögen die russischen Juden vor jeder Voreiligkeit dringend ge- -L — warnt werden. Augenblicklich ist für sie noch kein Platz in Argentinien. Es ist verständlich, dass sie sich dem Druck, unter dem sie stehen, möglichst rasch entziehen möchten. Sie müssen aber vorerst ihre Ungeduld beherrschen. Wenn drüben Alles zu ihrer Aufnahme bereit sein wird, dann wird mit der Hin- Überschaffung der jeweilig zulässigen Anzahl von Personen methodisch begonnen werden. Bis dahin aber haben sie ruhig auszuharren und wenn sie auf eigene Faust nach Argentinien reisen wollten, würde ihrer nur Enttäuschung, Elend, ja der Untergang harren." _- Am Werk -er Menschenliebe. (Momentbilder aus Charlottenburg.) ״Wofern ihr Thränen habt, bereitet euch sie. jetzo zu vergießen!" — Dieses Shakespearische Wort könnte man als Inschrift in das gewaltige Steinthor eingraben, das uns den Zugang zu den Stadtbahnbögen draußen in der schönen Nach- Karstadt Berlins öffnet. Ein amtliches Holzschild sagt dasselbe trockener in den zwei inhaltreichen Worten: ״Für Au s- Wanderer". Gibt es inhaltreichere Worte? Du hast Dir in einem Leben voll Arbeit und Entbehrungen ein Heim gegründet. War Deine Arbeit gesegnet, so hast Du Dir Haus und Hof erworben. Ein Weib, das Leid und Freud mit Dir theilt, wohnt an Deiner Seite und belebt Dir die Heimat zu einer Stätte des Glücks. Sie hat Dir Kinder geschenkt, ihre und Deine Ebenbilder, und all' Dein Mühen ist darauf gerichtet, den Kleinen die Sorgen fernzuhalten und sie für die Zukunft auszurüsten, damit sie den Kampf des Lebens leichter durchkämpfen, als es Dir gegönnt war. Du hast Freunde, Gleichgesinnte gefunden. Du bist ein Glied in einer Gesammtheit und fühlst Dich glücklich, es zu sein. Du hast eine Heimat! ... Da plötzlich zerstört das wüthende Element, was Du mühselig durch den Fleiß von Jahren und Jahrzehnten geschaffen. Wo Menschenhand gewaltet zur eigenen Freude und zum Segen der Gesammtheit, ward es; öd' und wüst. Heimatlos stehst Du da, und nur der eine Trost! ist Dir geblieben, Weib und Kind sind glücklich der furchtbaren Fluth entronnen und schaaren sich um Dich mit der stummen Frage: Was nun? Was nun? Nun, wo ein halbes Leben hinter Dir liegt, und die kampfgestählte Kraft der Jugendjahre erlahmt ist? — Jenseits des Ocean — haben es die Nachbarn nicht hundert Mal erzählt — liegt das große Goldland. Dahin, dahin! Du nimmst den Wanderstab zur Hand und gehst thränenlos! und gefasst. Allmählig erwacht auch die Hoffnung wieder. Denn wo der müde Fuß ein Stündchen Ruhe findet, warten Deiner fühlende Männer, um Dir zu helfen, und liebevolle Frauen, um Dein Weib tröstlich aufzurichten, und Dein Kind mit zarter Hand zu Pflegen. Und so gelangst Du an das große Meer. Wasser und Himmel. Tausend Zukunftsgedanken drängen sich in Deinem Hirn. Schon bauest Du drüben in der neuen Heimat Deine Stätte, schon hast Du Dich an den unglücklichen Bruder angeschlossen, den das gleiche Schicksal Dir zum Freunde gemacht hat, schon siehst Du. sehnenden Auges das Land, das Dich gastlich empfangen wird, schon ruht das Rad, dessen Schlag Dir Wochen hindurch freundlicher Ton des Trostes gewesen, schon hält Dein Schiff in dem belebten Hafen, fremde Klänge empfangen Dich — aber nicht, wie Du seit Wochen geträumt und gehofft, mit menschlichem Brudergruß, nein, mit der barschen Frage, die all die heiteren Bauten Deiner Phantasie mit Eins zertrümmert, wie das mitleidslose Element Dir Haus und Hof zerstört. Dort in dem Goldland können sie nur den brauchen, der etwas mitbringt. Und Du, was bringst Du mit?... Und wieder bist Du obdachlos, heimatlos! Tröste Dich mit den Tausenden, die im Kampfe mit den Mächten der Natur unterlegen sind. Kampf mit der Natur ist Menschenschicksal! Wie aber, wenn der Mensch, wenn mein Bruder mitleidlos ist, wie das Element? Wenn der Nachbar, mit dem ich gestern friedlich über hundert Dinge geplaudert, die wir gemeinsam lieben; heute sein Schwert gegen mich kehrt, weil.es auch Dinge gibt, die er anders ansieht als ich? Wenn der