Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-06-11 · Heft 15 (11.6.1891) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 15 (11.6.1891)
Date
1891-06-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1304829-3453207-3453222--3171-3457498
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Verlegenheit -7— von den Juden so oft unerschwingliche 'Opfer verlangte, und sie mannigfachen Bedrückungen und Verfolgungen preisgeben ließ, um dadurch ein Lösegeld von ihnen erpressen zu können, hatte Ursache zu befürchten, dass dem Beispiele R. Meirs, des angesehensten Rabbiner Deutschlandssehr viele Juden des. Deutschen Reiches folgen und die Heimat verlassen würdenwodurch natürlich seine Einnahmsquellen hätten versiegen müssen, daher ließ er R. Meir verhaften und wollte ihm die Auswanderung durchaus nicht gestatten. Nichtsdestoweniger wurde der fromme Rabbi im Thurm zu Ensisheim sehr milde und rücksichts voll behandelt. Er durfte Besuche empfangen, Schüler belehren, Vorträge halten und alle an ihn gerichteten Anfragen sowohl mündlich als schriftlich beantworten. Auch aus Tos. Jom tob in Mischna 3 in Oholot ist klar und deutlich zu entnehmen, dass R. Meir im Thurme sich seinen. Studien ungestört hingeben durfte. Die diesbezügliche Stelle lautet: Umozoti kach rLemal10ra1ntt awol katal al 86 dochekj uleachar seman bihejoto tafus bemigdol Ensusheim chosor bo etc“. Die Deutschen Juden aber fühlten sich sehr gekränkt und beschämt, dass die erste rabbinische Autorität im Thurme zu Ensisheim als Gefangener sein Dasein fristen müsse. Sie appellirten daher an den Kaiser, als er sich 1288 in der Rheingegend befand und boten ihm für die Freilasfung ihres geistlichen Oberhauptes die Summe von 20.000 Mark Silbers an, zu welchem annehmbaren Geschäfte der Kaiser sich einverstanden erklärte, allein R. Meir wollte auf diese Weise seine Freiheit nicht erlangen, weil er, und zwar mit Recht, der Befürchtung Raum geben zu müssen glaubte, dass dieses Beispiel nachtheilige Folgen für die Juden haben könnte, da man' öfters Rabbiner verhaften und als Geisel im Kerker schmachten lassen würde, um für deren Freilassung Geld erpressen zu können. Im Jahre 1293 verschied R. Meir im Thurme zu Ensisheim, und Rudolfs Nachfolger waren grausam genug, seine Leiche vierzehn Jahre lang unbeerdigt zu lassen. Süßkind Alexander Wimpfen, einem wahrhaft frommen, kinderlosen Manne in Frankfurt gelang es jedoch im Jahre 1307 durch ein riesig hohes Lösegeld die Leiche dieses großen Rabbi loszukaufen und sie auf dem Friedhose der jüdischen Gemeinde zu Worms feierlichst beerdigen zu lassen. Wimpfen jedoch hatte den Wunsch ausgesprachen, dass für das große Opfer, das er für die Befreiung der Leiche R. Meirs gebracht, seine Leiche einst neben dem Grabe dieses frommen Märtyrers beigesetzt worden möge, welchem gerechten Verlangen die Wormser Gemeinde auch bereitwilligst nachgekommen ist._(Schluss folgt). Das Colonisatisnsprsject -es Daran Hirsch. Zur Richtigstellung der verschiedenen Mittheilungen über die Absicht des Herrn Baron Hirsch, in Argentinien Ansiedlungen für die aus Rußland flüchtenden Glaubensgenossen zu gründen, diene nachfolgende, der ״Vossischen Zeitung" zugegangene Darstellung: ״Londoner Zeitungen berichten, Baron Hirsch denke daran, in ״Canad a, Südamerika, Australien oder Afrika" weite Landstrecken zur Gründung jüdischer Colonien zu erwerben und diesem Zwecke vorläufig 75 Millionen Francs zuzuwenden; auch hätten sich ihm andere jüdische Großcapitalisten angeschlossen, um sich an dem gewaltigen Unternehmen zu betheiligen. Fast jede einzelne dieser Angaben ist falsch. Baron Hirsch hat niemals an ״Canada, Australien oder Afrika" gedacht, sondern von vornherein aus-; schließlich Argentinien und dessen Nachbarländer, also Uruguay, Paraguay und die südlichsten Provinzen von Brasilien, vielleicht allenfalls noch etwa Bolivien in's Auge gefasst. Ich bin nicht ermächtigt, den Betrag anzugeben, den Baron Hirsch für das Werk vorläufig ausgesetzt hat, doch darf ich sagen, dass er von 75 Millionen weit entfernt ist. Von einer ״Betheiligung an-' derer jüdischer Großcapitalisten" ist keinen Augenblick lang die Rede gewesen, vielmehr geht die Sache ganz allein von Baron Hirsch aus. Was bisher geschah und gegenwärtig im Wert ist, das ergibt sich aus der folgenden Darstellung. Die Leser der ״Voss. Ztg." erinnern sich wohl noch, dass Prof. Wilhelm Löwenthal, der Verfasser der ״Hygiene des Unterrichts rc., im Herbste 1889 auf Einladung der argentinischm Regierung nach Argentinien reiste und die klimatischen und hygienischen Verhältniße der Republik studirte. Auf dieser Reise hatte er auch Gelegenheit, Colonien russischer Juden zu sehen, welche argentinische Grundbesitzer auf ihren Ländereien gegründet hatten. Er fand diese Siedelungen nicht eben in blühendem Zustande, aber er erkannte, dass sie blos infolge der Nachlässigkeit und Ungeschicklichkeit der argentinischen Unternehmer nicht gediehen, und empfing im Ganzen den Eindruck, dass die russischen Juden im Gegensätze zu der allgemeinen Annähme, bei richtiger Behandlung ein geeignetes Menschenmaterial für Ackerbaucolonien abgeben würden. Er hatte, ehe er nach Argentinien ging, von den Leiden der Juden in Rußland und auch davon gelesen, dass Baron Hirsch viele Millionen für die Besserung ihres Loses verwenden wolle. Die Wahrnehmungen, die er in den jüdischen Colonien Argentiniens gemacht hatte, gaben ihm nun den Gedanken ein, dass Baron Hirsch seinen Zweck nicht besser erreichen könne, als in dem er die russischen Juden in Argentinien an siedle und zu Ackerbauern erziehe. Auf der Rückreise nach Europa arbeitete er einen ausführlichen Colonisationsplan aus und als er wieder in Paris eintraf, setzte er sich mit Baron Hirsch in Verbindung und legte ihm seinen Plan vor. Baron Hirsch nahm von der Arbeit Kenntnis, war von der Großartigkeit des Gesammtplans und der gleichzeitigen sorgfältigen Durcharbeitung aller Einzelheiten gepackt und entschloss sich rasch, den Versuch zu wagen und mit seiner Verwirklichung Professor Löwenthal zu betrauen, in welchem er einen Organisator ersten Ranges errieth. Nach einer Reihe von Berathungen beauftragte Baron Hirsch Prof. Löwenthal, nach Argentinien zurückzukehren, und das Gebiet zu wählen, auf dem die Ansiedlungen gegründet werden sollten. Er hatte vorerst noch keine endgiltigen Landkäufe vorzunehmen, sondern blos Angebote zu prüfen und sich vorbehaltlich der Genehmigung des Barons Hirsch Kaufrechte zu sichern. Er stand als Führer an der Spitze einer förmlichen Expedition, die außer dem untergeordneten Personal von Schreibern, Dienern u. s. w. einen belgifchen Oberst und einen englischen Ingenieur zu Mitgliedern zählte, welch' letzterer bereits in der Anlage von Massen-Colonien in Canada und Australien praktische Erfahrungen gesammelt hatte. Pros. Löwenthal verließ Europa zum zweiten Mal im October vorigen Jahres, begab sich ohne Zeitverlust in's Innere Argentiniens, bereifte die Gebiete, die er für das Unternehmen von vornherein in Aussicht genommen hatte, und traf am 27. März, mit allen erforderlichen Vorverträgen versehen, wieder in Paris ein. In neuen Berathungen mit Baron Hirsch wurde nun die letzte Hand an die Organisation des Werkes gelegt, und am 5. d. M. konnte Prof. Löwenthal sich in Bordeaux zum dritten Mal nach Argentinien einschiffen, diesmal zu dauern-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.