Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 15 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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, r — ..-;s.: Der von der Wiener Cultusgemeinde vorgelegte neue Statuten-Entwurf fand mit ganz wenigen geringfügigen AbLnderungen allseitige /Billigung. Dieser Entwurf enhält eingehende Bestimmungen über die ׳ Verpflichtungen der . Cultusgemeinde. hmstchtlich des Gottesdienstes,, der Erhaltung ihrer religiösen Einrichtungen, der Wege des ׳ Religions-Unterrichtes,, der Förderung von Anstalten für Unterrichtszwecke, für Arme, für . Witwen-und Waisen, für Krankenpflege und Altersversorgung.׳ Die Verwaltung wird besorgt von einem 24gliedrigen Eultusvorstande, welcher sich in sechs Sectiynen theilt. Die sechs Sections-Obmänuer bilden das Vertreter-Collegium.- Zwei der; Sections-Obmanner fungircn auch als Vice-Präsidenten. An der Spitze der Gemeinde steht der von dem Vorstande zu-erwählende Präsident. Alle diese Functionäre verwalten ihr. Aust als Ehrenamt urientgeltlich. Die Angestellten der Gemeinde, find: 1. Die-Cultusb eamten : Rabbiner, Prediger -und - Caritoren. / . 2. Die Verwaltungsbeamten. ־ Für die Gemeinde-Rabbiner werden in der Regel Universitäts-Studien und der' Nachweis theologischer Befähigung verlangt. ' ׳ Die ökonomischen Ersorderniße der Cultusgemeinde werden, insoweit die Einnahmen aus dem Gemeindevermögen und den Gemeinde-Anstalten nicht hinreichen, durch die Cultusstener ausgebracht. Das Minimum der -letzteren ist 10 fl., das Maximum 5000 fl. jährlich. Die Repartirung aus die einzelnen GemeindemitgliÄrer nach Maßgabe ihres Vermögens und Einkommens erfolgt, durch eine von dem Cultusvorstande zu nominirende Schatzungs-Commission, gegen deren Ausspruch die Berufung an den Vorstand ergriffen Wörden kann.; r Von Seite der Statthalterei wurde angeregt, dass die Matrikensührung zwar in Einer Hand vereinigt sei, dass aber in mehreren Bezirken Anmeldestellen eingesetzt werden. Endlich wurde der 1. Januar 1892 als der Tag, an welchem die vereinigte Wiener Jsraeliten-Gemeinde rechtlich zu bestehen beginnen solle, in Aussicht genommen. Nach dem Ergebniße dieser Enquete ist somit die Bildung der vereinigten Wiener Cultusgemeinde eine seststehene Thatsache, die wir im Interesse des. Judenthums freudig begrüßen. Jedoch noch ein weiteres, fpeciell für den Cantorenstand erfreuliches Moment hat sich aus den in der niederösterreichischen Statthalterei gepflogenen Berathungen ergeben, indem nämlich in dem vorgelegten Statuten-Entwurfe den Cantoren die ihnen gebührende Stellung als Cultusbeamte,. an der Seite der Rabbiner und Prediger, eingeräumt wurde. Diese Errungenschaft können wir auf die vom Vorstande des österreichisch - ungarischen Cantoren-Vereines eingeleiteten Schritte zurückzuführen und darum dürfen wir auch mit der öffentlichen Anerkennung seiner diesbezüglichen Bestrebungen nicht zurückhalten. Hoffentlich werden auch die übrigen Gemeinden dem Beispiele der größten jüdischen Cultusgemeinde folgen und dem Cantorenstande die ihm gebührende Würdigung und Berücksichtigung zu Theil werden lassen. R. Meir aus Rothenburg und sein Schüler Ascheri. Eine biographische Skrzzevon Dr. M. H. Friedländer/ Rabbiner in Pisek. Eine der hervorragendsten rabbinischen Autoritäten des 13. Jahrhunderts in Deutschland war R. Meir aus Rothenburg, der 1230 das Licht der Welt erblickt hatte. Meir studirte frühzeitig schon, wie es damals allgernein üblich war, ausschließlich den Talmud und dessen einschlägige Commentarien./ Sein Hauptlehrer war R. Samuel b. Salomo, Sir Morel, aus Falaisa.' Mit ungewöhnlichen Geistesgaben und> seltenem Schärfsinne ausgestättet, gelang es dem jungen Meir, gar bald das große unermeßlich weite und tiefe Meer des Talmud mit geschickter Hand allein durchsegeln zu können. Auch R.: Jsak b. Moses, ״Or Serua", der das Rabbineramt in Wien bekleidet und das Werk ״Or Serua" (Lichtsaaten) verfasst hatte, war sein Lehrer. Sein Ruf verbreitete sich bald im ganzen Reiche, so, dass er zum Oberrabbiner, her Juden Deutschlands ernannt und in seinem Amte von der Regierung des Kaisers Rudolf bestätigt wurde. Von seinen Zeitgenossen wurden ihm, wie einst dem berühmten R. Gerschom, Raschi und anderen Autoritäten - die Ehrentitel ״Maor", ״Maor Hagadol" (Licht oder großes Licht) beigelegt. In den wichtigsten religiösen Angelegenheiten erbaten sich die deutschen Gemeinden seinen Rath Und seine Belehrung. Trotz, seiner immensen Gelehrsamkeit kam es ihm nie in den Sinn, sich zu überheben und . auf. minder , gelehrte, und. minder begabte Co liegen mit einer gewissen Geringschätzung zu blicken. Als einst die Wiener Gemeinde, in deren Mitte damals R. Abigdor b. Elia Koheu, ebenfalls eine talmudische Autorität ersten Ranges, das Rabbinat bekleidete, sich in einer wichtigen Angelegenheit an R. Meir wandte, antwortete er ihr unter Anderem: ״Ihr habt in-dem Kohen die Bundeslade und den Brustschild in eurer Mitte, wozu braucht ihr also bei mir erst anzufragen? (Rechtsgutachten des R. Meir Rothenburg Nr. 102). R. Meir zeichnete sich , nicht blos als vorzüglicher Talmudist sondern auch als sehr gediegener Hebraist vortheilhaft aus. ,Viele seiner religiösen Dichtungen fanden Aufnahme in der Liturgie. Besonders ergreifend ist sein Klagelied oder richtiger seine Zionide ״Schaale serufa", die er, als der Talmud 1244 in Paris auf Anordnung des bigotten Königs Ludwig IX, der sich hiezu von dem Dominikaner Heinrich und dem Convertiten Nikolaus Donin anregen und verleiten ließ, öffentlich dem Scheiterhaufen preisgegeben wurde, anmuthsvoll angestimmt hatte. (Vergl. M. H. Friedländer Populärwissenschaft. Vorträge S. 7 und Geschichtsbilder II. Theil S. 87). R. Meir hatte nicht blos in Rothenburg, sondern auch in Kostnitz, Worms und Mainz das Rabbineramt bekleidet. Allein die grausamen harten Verfolgungen und Bedrückungen, denen die Juden im Deutschen Reiche im 13. Jahrhundert ausgesetzt waren, veranlassten viele Glaubensgenossen, Deutschlands Gauen zu verlassen und nach dem Oriente auszuwandern*). Unter diesen Auswanderern befand sich auch R. Meir Rothenbürg, der nach Palästina zu gehen die Absicht hatte, weil sich dort die Glaubensbrüder unter einer milden Regierung freier bewegen durften. Als er jedoch in der Lombardei angelangt war, wurde er von einem Convertiten, der zufällig damals in Begleitung des Bischofs von Basel die Stadt passirte, erkannt und sofort auf Veranlassung des Bischofs von dem Hauptmann Meinhart von Görz in Haft^ genommen. Dieser lieferte ihn dann dem Kaiser Rudolf ans, der ihn am 4. Tamus 1286 Ln den Thurm von Enstsheim im Elsass bringen ließ. Kaiser Rudolf, der mehr aus Geldgier als aus Hartherzigkeit — denn er kam oft, da er vom Hause aus nicht reich gewesen, in Geld-. *) Auch in unserer Zeit, wo in. Rußland, dem Erez Gesera, derwünschten Reiche, der mittelalterliche" Barbarismus Orgien feiert, wo Menschen um ihres Glaubens willen am Hellen lichten Tage beraubt, geplündert, gemordet und ins grässlichste Unglück:gestürzt worden, zeigt sich der Orient milder, toleranter und humaner als die sogenannte ״große Nation", die dem moskowitischen Barbaren zu Liebe ihre glorreiche Vergangenheit verleugnet.