Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 14 (1.6.1891)
- Date
- 1891-06-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Ehrentage war die Wohnung des Jubilars in der Hollogasse vom frühen Morgen an von Gratulanten belagert. Die erste der gratulirenden Corporationen war der Vorstand der israel. Cultusgemeinde, deren Präsident, Reichstags - Abgeordneter Moriz Wahrmann, Herrn Dr. Kohn in warmempfundener Rede die Gefühle der Mitglieder der Gemeinde verdolmetschte. Der Gefeierte dankte in bewegten Worten für die ihm zutheil gewordene Auszeichnung. Nach dieser aus 50 Mitgliedern bestehenden Deputation erschienen die Deputationen des israel. Handwerker- und Ackerbauvereins, unter Führung des Reichstags-Abgeordneten Dr. Armin N e u m a n n, der Chewra Kadischa, geführt vom Präsidenten Karl R e u ß, des israel. Taubstummen- Instituts, unter Führung des Herrn Samuel Deutsch, des israel. Kuaben-Waisenhauses, geführt von Herrn Jakob Deutsch und des israel. Mädchen-Waisenhauses, unter Führung der Vize-Präsidentin Frau Anton Herzl. Bald darauf kamen die Abgesandten der israel. Lehrer - Präparandie, geführt von Prof. Stern, die Deputation des Rabbiner-Seminars, unter Führung des Directors Dr. Bloch, der Lehrkörper des Knaben- Waisenhauses, unter Führung des Directors Csajäghy, die Vertretung der Ofner israel. Gemeinde, geführt vom Ober- Rabbiner Dr. Goldberger, die ausgetretenen Zöglinge des israel. Knaben-Waisenhauses — 80 an der Zahl — in deren Namen Dr. Herbst den Jubilar beglückwünschte, u. v. A. Arma-SzerdaHeky, 24. Mai. Oberrabbiner Aron Aßod hielt gestern im Tempel in Anwesenheit zahlreicher Gemeinde- Mitglieder eine tiefergreisende Rede zu Gunsten der unglücklich verfolgten russischen Juden. Der Eindruck, den diese Rede auf die Zuhörer machte, war ein so großer, dass alle Gemeindemitglieder beschlossen, mit einer Geldspende dazu beizutragen, das Los der hart bedrängteu und heimatlosen Glaubensbrüder einigermaßen zu lindern. — Der Präsident der Nyiregyhazaer isr. Gemeinde hat einen Aufruf zu Sammlungen für die russischen Juden veröffentlicht; der erste Spender war der Szabolcser Obergespan Källay, der diesem Zwecke 50 fl. widmete. Köln. Die ״Köln. Zeitung." meldet aus Petersburg: Herr White, der Abgesandte des Baron Moritz Hirsch, welcher mit der russischen Regierung in Betreff der Ansiedlung moskowitischer Inden in Argentinien unterhandeln wollte, wurde weder von Pobiedonoszev, noch von irgend einer anderen Amtsperson empfangen. Imme, 18. Mai. Auf Anregung mehrerer hiesiger Firmen wurde gestern hier eine Sammlung zu Gunsten der nothleidenden Juden auf Korfu eingeleitet, welche bis nun 5500 Francs ergeben hat. Anderselben haben sich alle Classen der Bevölkerung betheiligt. priest, 20. Mai. Mit der am 15. d. erfolgten Ankunft des neuen Präfecten und mit den eingetroffenen Truppenverstärkungen ist auf Korfu Ruhe eingetreten. Die Israeliten haben die Synagogen wieder geöffnet und ihre Läden wieder aufgesperrt. Letztere sind vorläufig von je zwei Soldaten bewacht. Fünfzig Griechen, welche sich aufwieglerisch geberdeten, wurden verhaftet. Dessenungeachtet dauert die Flucht der Juden fort. Weitere 500 wollen diese Woche Korfu verlassen, obwohl die Behörden ihnen die Versicherung geben, dass die Ordnung aufrechterhalten bleiben werde. Es heißt, dass die türkische Regierung sich den Emigranten gegenüber sehr entgegenkommend zeige, um sie zu veranlassen, sich auf türkischem Gebiete niederzulassen. Der in Korfu ansässige griechische Advocat und Richter Bensi hat sich durch sein Eintreten für die Israeliten besonders hervorgethan. Der italienische Consul ist Freitag angekommen und hat sich sofort energisch der italienischen Unterthanen angenommen. Das französische Kriegsschiff ״Baudin" und ein englisches Kriegsfahrzeug liegen ,vor Korfu vor Anker. Arrest, 26. Mai. Der Special - Correspondent der römischen ״Tribuna" meldet aus Corfu: Die Verfolgung gegen die Urheber der Judenhetzen erfolgt in energischer Weise. Fünf Hauptschuldige dürften zum Tode verurtheil! werden, 37 Andere dürften schwere Kerkerstrafen erhalten. Mehrere Polizisten wurden wegen Mangel an Energie zu je sechs Monaten verurtheilt. Der Staatsanwalt constatirte ausdrücklich den unheilvollen Einfluß des deutschen und österreichischen Antisemitismus auf den Pöbel. Bei tausend Juden sind bereits ausgewandert; ein Theil hat sich nach der Türkei gewendet. Athen, 17. Mai. Die Regierung hat einen Credit von 12,000 Francs zur Unterstützung der in Noth gerathenen Juden in Korfu bewilligt. Keinerlei weitere Ruhestörungen sind vorgekommen. Athen, 21. Mai. Der Großrabbiner von Korfu richtete an den Minister-Präsidenten Delyannis folgendes Telegramm: ״Die Israeliten Korfus drücken durch meine Vermittlung ihre lebhafte Dankbarkeit für die gesendete pecuniäre Hilfe aus, welche die humane Gesinnung der griechischen Regierung den nothleidenden Israeliten zur Verfügung gestellt hat. Gleichzeitig drücken dieselben auch ihre lebhafte Erkenntlichkeit für die seitens der Regierung ergriffenen Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ordnung aus, welche zweifellos das gewünschte Resultat haben werden." London. Die Jud en au streibungen aus Moskau haben auch in England den peinlichsten Eindruck hervorgerufen. Der grausamste Zug der neuen Judenhetze besteht wohl darin, dass das Edict gerade am Vorabende des orthodoxen und jüdischen Osterfestes in Kraft trat. Beim Osterfeste der Orthodoxen artet ohnehin religiöse Begeisterunng leicht in Fanatismus aus. Den Juden wurde das Osterfest ein bitteres Trauerfest. Polizisten und Gendarmen begannen um Mitternacht die Haussuchungen znm Zwecke der Passrevision. Diejenigen, welche das Wohnrecht für Moskau auf dem Passe vermerkt hatten, erhielten eine dreitägige Frist. Alle klebrigen wurden, Verbrechern gleich, aneinander gekettet nach dem Wohnorte ihrer Eltern, oft im Herzen Russlands, gesendet, wobei in vielen Fällen nichteingeschriebene Kinder von den Eltern getrennt wurden. Herzzerreißende Auftritte ereigneten sich in Menge. Viele flohen in die Wälder der Umgebung Moskaus, Andere verkauften ihre Möbel und sonstige Habseligkeiten um ein Spottgeld oder verbrannten sie. Rückständige Schulden wurden ihnen seitens der Christen natürlich nicht ausgezahlt. In den Synanogen wurden Gebete zu Gott gerichtet um Hilfe in der schrecklichen Bedrängnis. Die große Synagoge in Moskau wird zum Verkaufe ausgeboten und dürfte wahrscheinlich in der Folge eine tartarische Moschee werden. Die Petersburger Synagoge soll schon für mehrere hunderttausend Rubel verkauft sein. In der Geschäftswelt stockt alle Thätigkeit. Das Verschwinden der jüdischen Agenten und Unter-Agenten erschwert die Oster-Liquidation, welche neben der Messe in Nischnei-Nowgorod und Weihnachten die wichtigste Liquidation des Geschäftsjahres ist. Täglich werden Hunderte Wechseln vor dem Handelsgerichte protestirt. Moskau 17. Mai. Ein kaiserlicher Befehl, der vor dre Tagen hier einlief, verordnet, dass vorläufig die Behörden in ihrem grausamen Walten den Juden gegenüber innezuhalten und dass eine Commission zusammenzutreten habe, welche nochmals die Moskauer Judenfrage -prüfen und die weiteren Schritte zur Lösung derselben erörtern solle. Von einer Seite wird behauptet, dass dieser Stillstand in den Verfolgungen auf die Ablehnung der russischen Anleihe von Seiten des Hauses Rothschild zurückzuführen sei, indem der russische Finanzminister beim Czar Vorstellungen machte, dass durch den Rücktritt eines so bedeutenden Hauses von der geplanten finanziellen Operation der rusfische Credit in Europa arg geschädigt würde. Eine andere Version geht dahin, dass derselbe Beamte, (Jstomin, ein Werkzeug des fanatischen Procurators Pobiedonoszew) durch dessen Intriguen der frühere Gouverneur von Moskau, Fürst Dolgorukow, seines Amtes enthoben, und die grausame Verfolgung eingeleitet worden war, an die Synode über die Wirkung der Judenhetze berichtet hat, und die Folge war, dass der Czar Halt gebot. Ob diese Wendung eine Umkehr, oder blos einen Stillstand bedeutet, nach dem die Politik Pobiedonoszew's zu neuen Erfolgen schreiten wird, wagt Niemand hier zu entscheiden. Bei uns in Russland ist Alles möglich. _