Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 14 (1.6.1891)
- Date
- 1891-06-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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e unverschuldeten Elends nach Corfu gesendet. Leider ist für die nächste Zukunft an eine Besserung der Verhältnisse nicht zu denken, selbst wenn die Regwrung die volle Ruhe wieder hergestellt hat. Genaue und unparteiische Kenner der dortigen Zustände meinen, dass der Hass sich zu tief in die Seele des Volkes eingeftessen habe, um sobald wieder das wohlwollende Nebeneinander aufleben zu lasten. Kleine Chronik. Wim. (Verein zur Abwehr des Antisemitismus). Den Begründern dieses Vereins in Wien sind zahlreiche Zustimmungsschreiben in den letzten Tagen zugegangen; der Verein will in Schrift und Wort seine Ziele verfolgen und auch durch die Verbreitung populärer Flugschriften für die Aufklärung der Masten thätig sein. Der Aufruf zum Beitritte ist soeben erschienen und wird Ln nächster Nr. veröffentlicht werden. Beitrittserkärungen sind aus allen Gegenden der Monarchie eingelaufen, und in allen gesellschaftlichen Kreisen wird die Bildung des Vereines freudig begrüßt und eitrigst gefördert. Bekanntlich wurden in der am 14. Mai stattgehabten Vorbesprechung in die provisorische Leitung des Vereines berufen die Herren: Rudolph Graf Hoyos, Baron Leitenberger, Baron Gundaker Suttner, Hofrath Nothnagel, Gemeinderath Dr. Uhl und Dr. v. Kißling. Wim. Die beiden Vorsteher der türkischen Israeliten- Gemeinde in Wien, Herr Marcus M. Rnsto und Herr Liceo Adutt, wurden jüngst von dem neuernannten türkischen Botschafter in einstündiger Audienz empfangen. Se. Excellenz informirte sich sehr eingehend über die Verhältniße der türkischen Gemeinde und versprach, deren Interessen nach jeder Richtung hin fördern zu wollen. Schließlich stellte der Botschafter für nächste Zeit einen Tempelbesuch in Aussicht. Moskau. Die Wasserheilanstalt des kaiserlichen Rathes Dr. Fried mann in Gainfahrn bei Vöslau, welche das ganze Jahr hindurch geöffnet ist, erfreut sich jetzt zu Beginn der Sommersaison eines großen Zuspruches. Von allen Weltgegenden strömen Pattenten herbei, um in diesem vortrefflich geleiteten Etablissement, das mit allem möglichen Comfort ausgestattet und von prächtigen Gartcnanlagen umgeben ist, Heilung zu sinden. Kaiserlicher Rath Dr. Friedmann genießt jedoch nicht nur als Arzt einen wohlbegründeten Ruf, sondern ist auch als Philanthrop weit und breit bekannt. Die Gemeinde Gainfahrn verdankt ihm sowohl, als auch seiner biederen Gattin eine ganze Reihe humanitärer Institutionen und hat auch schon zu wiederholten Malen ihrer dankbaren Gesinnung Ausdruck geliehen. Dass der Antisemitismus, der im benachbarten Baden so große Orgien feierte, in Gainfahrn niemals Eingang fand, ist zum großen Theile dem allseits anerkannten, großartigen Wirken dieses wackeren Ehepaares zu danken. Die geehrten Leser unseres Blattes, namentlich im Auslande, seien hieniit auf die Wasser- Heilanstalt in Gainfahrn aufmerksam gemacht, indem wir ihnen selbe bestens anempfehlen. Wrag, 7. Mai. Ein wahrhaft imposanter Leichenzug bewegte sich heute durch die Straßen Prags, um am neuen isr. Friedhofe einen Mann zu beerdigen, der durch nahezu fünfzig Jahre das Ehrenamt eines Scheliacb Zibbur an der hiesigen Pinkas- und Zigeunersynagoge ausübte. Angelus Popper war eine sehr beliebte und hochgeachtete Persönlichkeit in unserer Gemeinde, eine Zierde der Prager Cantoren; das bewies auch der colostale Menschenandraug bei dem heutigen Begräbniße. Nach der im israel. Badhofe vorgenommenen rituellen Waschung trugen die Cantoren der Prager Synagogen, das Joscliew besesser recitirend, ihren verklärten Collegen unter die Kanzel, welche unser rasch beliebt gewordene, ehrwürdige Herr Oberrabbiner Dr. N. Ehrenfeld bestiegen hatte. -Nach der einleitenden Bemerkung, dass obwohl in diesem Monate nach jüdischen Traditionen kein הספד gehalten werde, er doch diesem besonderen Trauerfalle gegenüber — eine Ausnahme wallen lassen müsse, weil es einem Mann gelte, um den die ganze Gemeinde traure, schilderte der Meisterredner in großen Zügen das Leben des Verewigten, welches auf drei Dingen basirte .על התורה ועל העבודה ועל גמילות חסדים Nach dem Herrn Oberrabbiner bestieg Sr. Ehrw. Herr Dr. Tauber die Kanzel und hob in schwungvoller, ergreifender Rede die mannigfachen Vorzüge des Verblichenen hervor: Sein friedfertiges, bescheidenes Wesen, seinen verständigen, innigen Vortrag der Gebete, welcher ihm die Herzen seiner Zuhörer gewann, und die vielen anderen Tugenden, die dem Dahingegangenen eigen waren. — Nach Schluß der Trauerreden wurde der Sarg in den vierspännigen Leichenwagen gehoben, und nur langsam konnte sich derselbe durch das dichtgedrängte Spalier zu beiden Seiten, in den Straßen der Josefstadt fortbewegen. Hinter dem Leichenwagen schritten die tieftrauernden Söhne, Herr Prof. David Popper aus Budapest und Herr Wilhelm P o v p e r, Mitglied der k. k. Hofopernkapelle in Wien; diesen folgten in ihren Ornaten die Herren Oberrabiner Dr. Ehrenfeld, Rabbiner und Prediger Dr. Tauber, Rabbiner und Prediger Dr. Kisch und sämmtliche Rabbiner der Prager Gemeinde, nächst diesen gingen in ihren Ornaten die Cantoren der sämmtlichen Prager Synagogen als: Moor, W a l l e r ft e i n, Singer Gutmann, Teweles, Bachrach, Löwensohn, und noch viele Cantoren der Vorstädte und Vororte; ferner der Präses- Stellvertreter der Prager isr. Cultusgemeinde, Herr Dr. jux. B endin er, die Vorsteher der obgenannten Synagogen, Musik- Director Prof. Bennewitz, viele Musiker und eine unabseh- - bare Menschenmenge. Beim neuen böhmischen Museum bestiegen die Begleiter die bereitstehenden Wagen und fuhren auf den Friedhof. Daselbst angelangt, wurde die Leiche unter rituellen Gebeten aus dem Wagen gehoben und zu Grabe getragen. Als die Erdschollen dumpf dröhnend auf den Sarg fielen, ertönte ein lautes Schluchzen und tief bewegt sprach der Vorsteher der Pinkassynagoge, Herr I r m e n b a ch, das מנוכה גבוגה. Nach Verlesung des 16. Psalm verrichteten die Söhne des Verblichenen das Laäisob-Gebet, und mit diesem schloß die sehr würdige Trauerfeier. — Nun ruht er in Frieden, der uns Lehrer, Freund und Berather war, Angelus Popper wird aber nnvergessen sein, als Vorbild eines braven und wahrhaften 86116110611 Zibbur. — — תנצב״ה Mrag, 24. Mai. Das hier erscheinende czechische Antisemitenblatt wurde heute confiscirt, weil es im Leitartikel den angeblichen Mädchenmord in Corfu durch Juden als unbestreitbare Thatsache behandelte. Budapest, 25. Mai. Der hochverehrte und als Gelehrter überall geschätzte Prediger der Budapester israel. Cultusgemeinde, Rabbiner Dr. Samuel K o h n, war heute, anlässlich der fünfundzwanzigsten Jahreswende seines Wirkens in der Hauptstadt, Gegenstand der schmeichelhaftesten Ovationen. Eine imposante Zahl von Deputationen, Adressen, Ehrengeschenke aller Art und eine Menge von Stiftungen, welche aus diesem Anlässe gemacht wurden, gaben beredtes Zeugnis von der außerordentlichen Werthschätzung und den Sympathien, deren sich Herr Dr. Kohn in allen Kreisen erfreut. Am 25. Mai 1866 hatte Dr. Samuel Kohn in Budapest seine Probepredigt gehalten, und zwar in ungarischer Sprache. Ober-Rabbiner Dr. Meisel selbst hatte den jungen Prediger empfohlen, und nach Besiegung der mannigfachen Schwierigkeiten, welche das den Budapestern in den sechziger Jahren im Gotteshause noch nicht recht geläufige Idiom den Hörern bereitete, gelang es Dr. Kohn alsbald, die Zuneigung seiner Gemeinde zu erlangen. An seinem heutigen