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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-06-01 · Heft 14 (1.6.1891) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 14 (1.6.1891)
Date
1891-06-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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der Erde übergeben wird. Nur bei Nacht und unter militärischer Assistenz konnte man die Todten auf dem barbarisch verwüsteten Friedhofe beerdigen. Einige,Kinderleichen — die Kinder starben viel in Folge von Entbehrungen und hauptsächlich wegen Mangels an Luft und Bewegung, die für die südlichen, auf den Straßen aufwachsenden Kinder Lebensbedingungen sind — wurden, um sie vor Verwesung zu bewahren, bis zur Beerdigung mit — Meersand bedeckt, der eine conservirende Wirkung hat. All das Fenster durfte sich Niemand trauen, Steinwürfe und Drohungen scheuchten sofort Jeden zurück, und Abends durchzogen Volkshaufen die Straßen und sangen ״Canzonetten" mit Bezug auf das angebliche ״Blutopfer" — das ermordete Judenmädchen — welches die Veranlassung der corfiotischen Vesper geworden ist. Trotz der untrüglichen Beweise und amtlichen Bescheinigungen, dass die Ermordete ein Judenmädchen war — dasselbe wurde von ihrem Vater, einem Schneider, sehr oft zu Geschäftsgängen benützt und war daher vielfach bekannt, der behandenlde Arzt der Familie, ein griechischer Christ, agnoscirte das Mädchen, ebenso die unter französischem Schutze stehenden Nonnen, deren Schule die Kleine besucht hatte, was sogar vom französischen Consulate amtlich erhärtet wurde — trotz all' dieser Beweise wurde in böswilliger Absicht im Volke der Glaube wachgehalten, dass das Mädchen eine Christin gewesen und zu rituellen Zwecken geopfert worden sei, und in der ״Canzonetta" wurde Maria (das Volk hat ihr absichtlich diesen allerchristlichsten Namen gegeben) der Trost nachgerufen, dass ihr Tod nicht vergeblich gewesen sei, wenn sie auch auf dem Judenfriedhofe begraben liege. So wie man durch diese abendlichen Serenaden Sorge trug, die in ihrer Clausur verharrenden Israeliten von der Stimmung des Volkes in Kenntnis zu erhalten, so wurden ihnen andererseits fliegeilde Blätter zugemittelt, in deren einem es heißt: ״Wir können den Juden sagen, und sie wissen es ja, dass der Blocus anhalten und immerwährend fortdauern wird, dass sie vor Hunger verschmachten und kein Brot finden werden, Der kleine Gutweil warf einen spähenden Blick auf den j Hausherrn, der einen Seufzer unterdrückend mißmuthig vor sich! hinstarrte, die Plaudertasche zu allen Teufeln wünschend. R. Meilech setzte sein Gespräch, welches aus dem Stadium eines Monologes nicht treten zu wollen schien, fort. ״Da kamen mir auch verschiedene Gerüchte in den Sinn, was man in der Stadt hie und da munkelt, dass, nichts für ungut lieber dal blies, dass Sie gar rücksichtslose Gläubiger haben sollen, dass —״ er hielt inne, denn R. Feiwel machte eine zornige Handbewegung, dass der Erzähler auf einen Rückzug bedacht, nach der Thüre schielte, um sich denselben für alle Eventualitäten zu decken. Aber Althaus beherrschte sich und brach das eingetretene Stillschweigen. ״Ihr seid ein unverbesserlicher Schwätzer" sagte er, ״wie kommt Ihr dazu, Euch in meine Angelegenheiten zu mengen? Ich werde mir mit Gottes Hilfe allein helfen und verlange von Euch weder Rath noch Mitleid. Ich bin heute zwar nicht aufgelegt, Gäste zu empfangen, da Ihr aber meine Schwelle übertreten habet, seid mir willkommen, nur wünsche ich, dass Ihr das angeregte Thema nicht weiter berührt. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr bei uns zu Mittag bleiben, und dann in meinem Wagen zurück nach der Stadt fahren. Jetzt muß ich Euch auf eine halbe Stunde verlassen, da ich Manches zu verrichten habe, und er entfernte sich, R. Meilech im Zimmer zurücklassend. Dieser machte es sich bequem, zog seine Pfeife. nebst Tabakbeutel ans der Tasche, stopfte sich die erstere, zündete sie an und ließ mit Wollust dicke Rauchwolken emporsteigen. Sein Gesicht hatte jetzt einen listigen Ausdruck und er gesticulirte mit Kopf und Händen. ״Bah", meinte er, ״Du glaubst mich einzuschüchtern, aber M. Gutweil fürchtet sich dass ihre Körper verfaulen und sie ohne ärzliche Hilfe bleiben und dass sie noch mehr erleiden werden, als sie in Egypten erlitten haben." Der Fanatismus wurde durch die bildliche Darstellung des rituellen Kindermordes immer mehr von Neuem entfacht und, wie versichert wird, der erlahmende Eifer der gewaltthätigen Menge durch gelegentliche Geldgaben frisch geweckt. Die griechische Priesterschaft hat sich an dem Aufruhr nicht betheiligt. Das gegentheilige Gerücht entstand durch die Ver- Haftung dreier, niedere Kirchendienste verrichtender Personen, die ohne das Hinzuthun ihrer Vorgesetzten aus Privatpassion der Judenhetze nachgingen. Der Bischof ist ein bekannter Philanthrop und sehr tolerant, der den Ober-Rabbiner sogar während der Schreckenszeit besuchte, und der niedere Clerus ist im Gegensätze zu den fanatischen russischen Popen liberal. Dass die Bewegung solche Dimensionen erreichen konnte, liegt allein an den ungeeigneten Maßregeln der Behörden, welche die Tragweite der Thatsachen nicht zu würdigen verstanden und ungeeignete und verkehrte Mittel zur Abwehr anwendeten. Der oberste Staatsanwalt Karagya, der von Athen nach Corfn gesendet wurde, um die genauen Erhebungen über den Tod des kleinen Judenmädchens zu pflegen, ist bereits nach der Hauptstadt zurückgekehrt mit den untrüglichen Beweisen, dass das ermordete Mädchen Israelitin war. Von den Consulaten hat das der französischen Republik am energischesten die Interessen seiner Schutzbefohlenen gewahrt. Der französische Vice-Consul wurde desshalb auf offener Straße angegriffen und verwundet. Dagegen ließ das italienische Consulat, welches auf Corsu die meisten Schutzbefohlenen hat — auch der Rabbiner ist italienischer Unterthan — in seiner schützenden Thätigkeit viel zu wünschen übrig, da der Consul auf Urlaub war. Das Elend unter den mittellosen Juden von Corfu hat auch nach den Schilderungen griechischer Kaufleute von der Insel durch die dreißigtägige Abschließung einen verzweifelten Grad erreicht und rasche Hilfe thut noth. Das Triester Hilfscomite hat bereits 11.000 Francs gesammelt und zur Linderung des nicht. Ich werde mir Deine Mahlzeit gut schmecken lassen, aber dann wieder auf meine Sache zurückkommen. Schau' mir den stolzen ״Kapzen" an. Das will lieber darben, in zerrissener Jnbica einhergehen, als sich herbeilassen seine Tochter an einen Nichtjiches zu verheirathen." Der Kleine gerieth in eine solche Affection, dass ihm die Pfeife erlosch. Er machte mit seiner Lunge vergebliche Anstrengungen, die unter der Asche noch glimmenden Funken anzufachen, in welcher Beschäftigung er von R. Feiwel unterbrochen wurde, der ihn zum Mittagessen abholte. Es war drei Uhr Nachmittag und das bescheidene Diner beendet. Gutweil war in rosiger Laune und schnalzte mit der Zunge. Er schmauchte wieder mit Wohlbehagen seine Pfeife und suchte einen schicklichen Vorwand, um seine Visite verlängern zu können. Herr Althaus ließ seinen Gast gewähren, seinen Gedanken nachhängend. Der kleine Vermittler strengte sein Gehirn an, das Thema, welches ihm so sehr am Herzen lag, wieder aufnehmeu zu können. Er sixirte verstohlen den Hausherrn, rutschte verlegen auf seinem Stuhle, glättete den Bart, machte sich endlich Courage, und sein Gesicht zu einer Fratze verziehend, begann er mit einschmeichelnder Stimme: ״Bester R. Feiwelleben, ich kann Ihnen gar nicht ausdrücken, wie dankbar ich Ihnen dafür bin, dass Sie mir Gelegenheit boten, Ihre werthe Familie kennen zu lernen. Ihre Tochter ist wirklich eine Perle in Israel und wird jeden Mann beglücken. Sehen Sie, Herr Althaus, wie ich da sitze, zerbreche ich mir meinen armen Kopf, für Ihre Reiseleben eine gute Partie ausfindig zu machen. (Fortsetzung folgt.)

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