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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-06-01 · Heft 14 (1.6.1891) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 14 (1.6.1891)
Date
1891-06-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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־4 zu sprechen wagten, in der steten Furcht, die grausame Hand von drüben könnte sie auch hier noch treffen. Als ich später mit einem der Schiffsofficiere über diese Thatsache sprach, meinte er, dass die Unglücklichen jetzt kaum wiederzuerkennen seien, so waren ste schon ausgethaut. Als sie an Bord kamen, trauten sie sich keinen Schritt zu thun, kein Wort zu sprechen; so gedrückte mnd elende Menschen hätte er noch nie gesehen. Hundertmal fragten sie die Leute der Bemannung — selbst als man schon unter Dampf war — ob ihnen nun nichts geschehen könne, ob sie jetzt sicher seien, ob man nicht nochmals in Griechenland anlegen würde, und erst nach tausend Versicherungen fanden sie ein wenig ihren Lebcnsmuth wieder. Um diesen Umstand erklärlich zu finden, muß man sich die Zustände vergegenwärtigen, unter welchen sie einer ganzen langen Monat geschmachtet haben. Die ״dreißigtägige T o d e s a n g st" ist keine Phrase. Seit dem 14. April waren sie auf obrigkeitlichen Befehl in ihre Häuser gebannt und keinen Moment sicher, dass der blindwüthige Volkshaufe Las wachehaltende Militär zu Boden werfe und in den Mitleidslosem Vernichtungswahne Alles, was im Judenviertel lebte, niedermetzle. Was an Israeliten verstreut in anderen Quartieren wohnte, stüchtete, durch offene Drohungen veranlasst, nach dem Judenquartier, den zwei vom Hafen nach dem Innern sich erstreckenden Straßen, der sogenannten Calle d'Oro venetianischen Angedenkens, in welcher jetzt nichts weniger denn Gold zu finden ist, und der sich anschließenden, Ebraica genannten Straße. Wohl waren in diesen und allen übrigen, von Juden bewohnten Straßen Militärs-Piquets, die Tag und Nacht Wache hielten und die auch in den ersten Tagen mit Energie einschritten, allein der griechische Soldat ist in Bezug auf Disciplin kein Muster, wie wir sie in unseren Soldaten kennen und bewundern; dazu kam, dass der ununterbrochene Dienst, in welchem sie ihre ganzen Kräfte zum Schutze des verachteten Juden aufbieten mussten, die Leute unwillig und verdrossen machte, und zuletzt war der Umstand nicht zu übersehen, dass sehr viele Corfioten in der Zwei Familien. Eine galizische Erzählung von S. Horowitz. (Nachdruck verboten.) (4. Fortsetzung.) In dieser Gemüthsverfaffung traf ihn der Besuch des Reb Meilech Gutweil, des Abgesandten der Frau Golder. R. Meilech war ein possierliches, kleines, 60jähriges stadtbekanntes Männlein. Er war überall wie zu Hause, der ungebetene Freund von Jung und Alt, eine wandernde Stadtchronik, eine echte Schmarotzerpflanze, die sich überall einzunisten wusste. Womit er sich eigentlich beschäftigte, wusste Niemand zu sagen, er war bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zur Hand, bot Jedem seine Dienste an, und ausgelacht und verhöhnt, wurde er zu solchen Missionen benützt, bei denen man riskiren konnte über die Treppe hinunterspedirt zu werden. Aber dieser spassige Kauz hatte doch Glück, denn durch sein possierliches Wesen gelang es ihm gewöhnlich, das über seinem Haupte schwebende Unheil zu beschwören. So war das Individuum beschaffen, welches von Frau Henriette auserkoren war, R. Feiwel bertreff ihres Herzens- Wunsches zu sondiren. Unserem, jedenfalls originellen Vermittler kann man aber das Zeugnis nicht versagen, dass er trotz seiner scheinbaren Einfalt seine exponierten Rollen mit Geschick spielte und sich größtentheils seiner Aufträge zur Zufriedenheit seiner Eommittenten entledigte. R. Meilech betrat in demüthiger Haltung und mit einem zuckersüßen '״Guten Morgen" das Zimmer, dabei aber forschende Blicke um sich werfend, wie um das Terrain zu rekognoscieren. Althaus, die ihm wohlbekannte Gestalt erblickend, Uniform steckten, die sich dem Einflüsse ihrer sie haranguirenden Landsleute nicht ganz entstehen konnten. Am härtesten litten und leiden noch immer die armen Handwerker und Tagarbeiter, die von dem Tageserlöse ihrer Handarbeit leben. Eine gute Hälfte.der corfiotischen Israeliten sind nämlich Handwerker, Hausirer, Lastträger rc., denen durch die Absperrung das tägliche Brot geradezu entzogen wurde. Viele hundert arme Jüdinnen fanden auch Erwerb dadurch, dass sie in die griechischen Häuser zur Verrichtung der groben Wirthschaftsarbeit, als Stiegenreiben, Fußbodenwaschen, Wäschewaschen rc., zugelassen wurden; und dass ihre Verrichtungen zur Zufriedenheit der Hausfrauen vollführten, beweisen die Klagen der verwöhnten Griechinnen, welche zu den verflossenen griechischen Ostern deren Hilfe entbehren mussten und gestanden, dass sie schlechter und theurer von ihren Glaubensschwestern bedient worden waren. So lebten die Meisten, die ihre kleine Wohnung hauptsächlich blos als Nachtlager zu betrachten gewohnt waren oft mit reichem Kindersegen geplagt, in einem wenige Schritte großen Zimmerchen, veräußerten, um dem Verhungern zu entgehen, Stück um Stück des armseligen Hausrathes, um bei dem alle Morgens die Straßen durchschreitenden griechischen Brotverkäufer ein Stück Brot und anderweitig noch eine Krume Käse erstehen zu — lassen, und zwar, indem sie dem zunächst befindlichen Soldaten das Geld gaben und ihn baten, das Nothdürftige zu beschaffen. Die Vermöglicheren halfen sich dadurch, dass sie griechische Diener gegen hohe Entlohnung aufnahmen und von diesen die Versorgung des Hauswesens vornehmen ließen. Welchen Gemüthszustand aber diese stete Angst, das Zusammengepferchtsein, die Verlängerung des unleidlichen Zustandes, ausbrechende Krankheiten, die plötzlichen Ausbrüche der Volkswuth bei den Eingeschlossenen hervorriefen, lässt sich leicht ermessen. Dazu kam, dass den Kranken keine oder sehr spärliche ärztliche Hilfe geleistet werden konnte, und dass die Todten oft mehrere Tage und Nächte lang unbeerdigt blieben, während gewöhnlich in den warmen Ländern die Leiche nach 12 Stunden bezwang seine Aufregung, den sonderbaren Gast mit Befremdung fixirend, als wollte er sagen, was hat denn der zwischen meinen vier Pfählen zu suchen. Unser Meilech mochte wohl diesen Jdeengang errathen haben, was ihn aber keineswegs irritirte. Er ließ sich aus einen Sessel nieder und begann: Sehen Sie, Reb Feiwele, ein Geschäft führt mich nach dieser Gegend, und ich konnte mir nicht das Vergnügen versagen, Ihnen meine Aufwartung zu machen, und ich freue mich, Sie zu Hause angetroffen zu haben. Sehen Sie, lieber dal du68 — Hausherr — in der Stadt wird dieses und jenes über Ihre theure Person gesprochen, natürlich", beeilte er sich hinzuzufügen, ״nur das Beste, wie wäre es denn anders möglich; sind Sie nicht ein echter kaue darjs — Aristokrat — von alter Herkunft, dass jeder es sich zur Ehre anrechnet, wenn ihm Gelegenheit gegeben wird, mit Ihnen in Berührung zu kommen. Ich, Meilech Gutweil, der ich doch überall ein- und ausgehe, kenne nun die Leute und weiß, dass kein Einziger von unfern Adeligen Ihnen an nobler Gesinnung gleichkommt. Und sehen Sie Reb Feiwele, als ich heute Früh meinen Weg nach dieser Gegend einschlug, da sagte ich mir gleich bei R. Feiwele musst Du vorsprechen, und so bin ich hier." Das kleine Männlein hielt inne und schielte nach seinem Gegenüber. Herr Althaus nickte statt jeder Antwort mit dem Kopse, und unser Gast fuhr fort. ״Als ich über die Felder ging, da rechnete ich an meinen Fingern, wieviel die Ihnen jährlich tragen mögen, und dachte bei mir, wie glücklich muß der Besitzer solch' eines schuldfreien Gutes sein."

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