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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-06-01 · Heft 14 (1.6.1891) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 14 (1.6.1891)
Date
1891-06-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 eine Correspondenz, welche die demnächst in den eidg. Rathen znr Behandlung kommende Schächtfrage so schlan berechnend mit Cultussreiheit und Toleranz in Zusammenhang setzt, dass sich sogar die Redaction des genannten Blattes leichtgläubig ins Garn ziehen lässt.-Die Absicht ist deutlich, man will einerseits den Ultramontanen Angst machen, unter Vorgabe, es handle sich um einen Angriff ans die Cult ns frei heit, dem sie zu wehren der Consequenz wegen, vor Allem Ursache hätten; anderseits will man die Freisinnigen ködern, indem man ihnen das Gespenst des Antisemitismus und der Intoleranz an die Wand malt. . Nun aber handelt es sich bei der ganzen Angelegenheit einzig um die Frage der Menschlichkeit. Nirgends in der ganzen Welt wird das Schlachten als Religionssache angesehen. Ebenso ist man allgemein darüber einig, dass das Schlachten der Thiere ohne vorherige Betäubung eine Thierquälerei ist, welche unsere Sittlichkeitsgefühle verletzen. Diese vorherige Betäubung aber allgemein einzuführen, ist gar nicht möglich, so lange nach dem Glaubensbekenntnis Ausnahmen gestattet werden. Darum müssen sich die Thierschutzvereine der Sache annehmen und sie dürfen nicht die Lösung in der fortschreitenden Zeit finden, weil unterdessen massenhafte Quälereien unbestraft fortbestehen. Mit Antisemitismus hat die ganze Bewegung gegen das Schächten gar nichts zu thun. Eine große.Zahl von Israeliten und selbst Rabbiner sind gegen das Schächten.*) Aber freilich könnte es die Halsstarrigkeit der orthodoxen Rabbiner dazu bringen, dass beim Appell an das Volk, zu dem die Thierschutzvereine greifen müssen, wenn sie oben kein Gehör finden, Unliebsames in die Agitation gezogen würde. Die Thierschutzvereine selbst brauchen gar keine Hetze, sie können sich einfach begnügen, an einzelnen Orten zeigen zn lassen, wie das Schächten neben dem Schlachten mit vorgehender Betäubung in der Praxis vor sich geht, die Schächtfrage wird vom Volke dann gewiss im Sinne der Gerechtigkeit und Menschlichkeit entschieden werden. Wahre Religiosität ist mit Humanität identisch, wir können es daher nicht glauben, dass diejenige Partei, welche die Religion allem Anderen voranstellt, auch nur einen Augenblick die Hand dazu geben würde, inhumane Schlachtmaßregeln mit der Ohrenbeichte und der Messe in eine Linie zu stellen, ja sie sogar als Glaubenssätze zu sauctioniren. Einen größeren Hohn auf die Religion könnte es nicht geben. Wahre Toleranz ist identisch mit Humanität, und darum würde die freisinnige Partei ihre Grundsätze geradezu verleugnen, wenn sie Ritualvorschriften gelten ließe, an die sich einzig nur die Verachtung Andersgläubiger und das Bestreben, sich nicht geschäftlich, wohl aber gesellschaftlich von ihnen als einer unreinen Kaste abzuschließen, anzuklammern. Tausende von Israeliten nehmen keinen Anstoß, ungeschächtes Fleisch zu essen, der Bund selbst verabreicht seinen jüdischen Soldaten solches, er muß also wohl selbst fühlen, dass die jüdische Religion deswegen nicht in Gefahr kommt und keine Mägen frage ist, zu der sie fanatische Rabbiner zum Spott der ganzen Welt erniedrigen wollen."**) Die Iudenhrhr in Csrfu. Triest, 20. Mai. Dank dem energischen Einschreiten der fremden Regierungen, namentlich des französischen Vertreters, ist endlich wieder Ruhe in Corfu hergestellt. Doch die ausgestandeneu Qualen veranlassten viele Juden zur Allswanderung, und fast unglaublich sind die Berichte, die mau aus dem Munde dieser Leute erhält. Der hiesige Correspondent der ״N. Fr. Presse" erzählt darüber Folgendes: *) Wir glauben kaum, dass in ganz Europa ein einziger Rabbiner ist, der sich gegen das Schächten ausgesprochen hat. **) Dass sich indifferente Israeliten und der schweizerische Bund üb er jüdische Satzungen hinwegsetzen, kann doch für die Gesammtheit des Judenthums kein Grund sein,ihrem leichtfertigen Beispiele zu folgen. Als Sonntag gegen 1 Uhr Mittags die roth-weiße Schachbrettflagge ans dem Leuchtthurm signalisirte, dass der Eildampfer Konstantinopel-Triest, der Freitag den 15. d. in Corfu eingelaufen war, in Sicht sei, fuhr ich ihm in einer Barke entgegen, um die etwa am Bord befindlichen Flüchtlinge von Eorfu zu sehen. Es war der Dampfer ״Vorwärts". Ich konnte zugleich mit den sanitätsbehördlichen Organen den Bordbetreten und fragte den zuerst mir begegnenden Steward, ob Passagiere von Corfu an Bord seien. Er bejahte es; als ich aber die erste Cajüte betreten wollte, wies er nach rückwärts l ״Die müssen Sie rückwärts suchen, es sind Passagiere zweiter und dritter Elaste!" Ich schritt also nach dem Achtertheil, und ohne weiter fragen zu müssen, hatte ich sie bald gefunden. Mitten unter den Ueberbleibseln von Hausrath saßen säugende Mütter, deren Züge zu deutlich von vierwöchentlicher Todesfurcht, von Hunger und Elend sprachen, als dass viel Erkundigungen nothwendig gewesen wären, woher sie kämen. Dennoch fragte ich: ״Von Corfu?" Ein scheues Ausblicken, ein mattes Nicken mit dem Kopse war die Antwort. An die zwanzig Weiber, Kinder, nur wenige Männer, meistens Greise hatten die Reise nach Triest gemacht. Dies war nnr ein geringer Bruchtheil Jener, welche die Flucht von der ungastlichen Insel ergriffen. Die englischen, italienischen und französischen Dampfer entführten in den letzten vierzehn Tagen an 600 Israeliten von Corfu nach allen Theilen der Levante und des Orients. ״Entführten" ist der richtige Ausdruck, denn aus dem Judenquartier werden die Armen unter starker militärischer Bedeckung zum Hafen geführt, und selbst auf die Uebersuhrboote muß die bewaffnete Hand ihren Schutz ausdehuen, was aber nicht hindert, dass ihnen laute Schmähworte nachgerufen und große Steine nachgeschleudert werden. Auf dem ״Vorwärts" hatten sich 120 Israeliten aus Corfu eingeschifft; etwa 100 gingen bis Brindisi, um von dort mit dem nächsten Lloyddampfer die Reise nach Alexandrien zu unternehmen, während der Rest nach Triest kam. Mir siel das verhältnismäßig günstige Aussehen der Kinder aus, und als ich meine Verwunderung darüber aussprach, da erzählten mir die Mütter mit Thränen der Dankbarkeit in den Augen, wie wohlwollend und gütig ihnen die Mannschaft aus dem Lloyd- Kämpfer, vom Capitäu bis zum letzten Küchenjungen herab, entgegengekommen war. Den Kindern trugen Alle Leckerbissen zu. Die Deckpassagiere, welche die größte Ermäßigung für die Fahrt erhalten hatten, wurden unentgeltlich und reichlich verpflegt und die weitgehendsten Rücksichten aus die Unglücklichen genommen, was nach den Schreckenstagen, die sie durchgemacht, ihr Vertrauen auf die Menschen wieder einigermaßen ausrichtete. Ich machte bei den ersten Fragen, die ich an die Flüchtlinge richtete, eine sonderbare Erfahrung. ״Ihr kommt von Corfn?" — ״Ja." — ״Nun, wie sieht es dort aus?" — ״Oh, ganz gut, es ist Alles ruhig!" — ״Nun, und habt Ihr viel durchgemacht? Erzählt doch!" — Aus diese Aufforderung antworteten sie, mich mit prüfendem Blick musternd und sich umschauend: ״Es war nicht so schlimm!" Ich konnte mir diese sonderbare Art, die ganz im Gegensätze zu den gramverzehrten Gesichtern war, nicht erklären, bis mich ein alter Mann am Aermel zupfte und in einen Winkel führte. ״Sind Sie nicht ein Grieche? Warum fragen Sie uns?" Ich erfuhr nun, dass sie sich scheuten, zu sprechen, weil einige Griechen von Corfu auf dem Schiffe sich befanden und weil sie, durch die dreißigtägige Todesnoth erschüchtert und erschreckt, kein offenes Wort

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