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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-05-01 · Heft 13 (1.5.1891) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 13 (1.5.1891)
Date
1891-05-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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seine leiblichen und Glaubensbrüder und eins für die anderen Dcenschen. Man merkt die Tragweite der Anklage. Die Nichtjnden haben J'iacl gegenüber keine Neckre, die Inden ibnen gegenüber keine Rechte, die Juden ihnen gegenüber keine Pflichten. Was antworten die Juden hierauf? Sie bezeichnen die Anklage als ,Lüge und weiten anf Dibelverse hin wie: .,Den Fremgling sollst Du nicht kränken und nicht bedrückenJ 2c. ,Und Ihr sollt den Fremdling lieben, denn Fremdlinge wäre! Jh ״ re. Die Menschen- und Bruderliebe wird über.»ll im alten Testament betont. Der Geist des nationalen Exclnsivismus ändert daran nichts. Man muß politifcbe und religiöse Gesetze unterscheiden. Dies mag, so wendet man ein, für die Bibel hingehen, obwohl auch, hier oft schwer — aber der Talmud? Das ist wahr, sagen die Juden, hier und da finden sich Anssprüche, die in gewissem Sinne aus nationalem Fanatismus entsprungen scheinen können. Aber, ehe man aus denselben Schlüsse zieht, muß man wissen, was der Talmud ist, was die Mischnab, was die Gemara, rvas Halacha was Hagada, mau muß den Werth des Talmuds kennen, um ihn citieren zu können. Und darin haben die Nabbinen Recht. Wenn wir uns ans den Talmud berufen wollen, dann müssen wir wissen, was er ist, woher er stammt, was er wertb ist. Am besten wäre es, ihn selbst zu lesen, aber unglücklicherweise ist kein Buch so wenig zugänglich, so schwer im Original zu lesen, wie gerade der Talmud. Bersuchen wir in das ungeheure Gebiet der Mischnah und 1 Gemara einzudringen, so finden wir Theologie, Moral, Jurisprudenz, Medicin, Casnistik, Fabeln und Legenden, alles in der Form von Sitzungsprotokollen der rabbinischen Akademie. Denken wir uns einmal unsere »nittelalterlichen Scholastiker, unsere Juristen des kanonischen Rechts, unserx Hagiographen und die Verfasser unserervHeiligeugeschichte, unsere Casniften des 16. und 17. Jahr- Hunderts ohne Kritik und Wahl als einen Körper, könnte ein Jude a»»s ihnen die christliche Moral kennen lernen, würde er verhindert sein, anstößige Behauptungen zu entdecken? Wie dürfen »vir also staunen über den Talmud, »venu er Lehrsätze enthält, VI. Madame Henriette befestigte soeben ihre letzte Schleife an ihre»»» Morgenkleide und ein überlegenes Lächeln spielte um ihre Lippen. Sie schielte verstohlen nach ihrem Manne, warf triumphirende Blicke um sich und richtete sich stolz empor, dass ihre kugelrunde Gestalt größer erschien. Sie hatte ihren Plan trotz des Slräubens ihres Mannes durchgesetzt und freute sich im Vorails ihres Sieges. Es gelang ihr, ihn für die Idee einer Verbindung mit Althaus' Toch tcr zu gewinnen, und da sie ihm nun einmal di? Zustimmung abgedrungcn hatte, »varf sie ihre Netze aus, überzeugt, dass ihr.r Energie der Fang gelingen »verde. Herr Golder verhielt sich mürrisch und apathisch, es seiner Frau überlassend, die Jntrigue zn Ende zu führen. Sie verschaffte sich ein Namensverzeichnis von R. Feiwels Gläubigern, ließ sich das Gut schätzen und gelangte zn dem Resultate, dass bei einem zwangsweisen Verkaufe der Erlös der Besitzung kann» die Schulden decken würde, so dass der bisherige Eigcicthümer mit leeren Händen muSgehen müsste. Sie ließ die Hypothekensorderungen aus den Namen ihres Mannes .ankaufen, hie m»d da gelang es jihr sogar etwas abznzwacken, sie, resp. ihr Mann, war der nunmehrige Gläubiger, so dass im Schooße der Zamilie Golder über das Schicksal R. Feiwels entschieden werben konnte. Da die Kapitalien schon von den früheren Gläubigern gekündigt und das Executionsversahren bereits eingeleitet worden war, .war eS auch ein Leichtes, die gerichtliche Feilbietung zu forciren. Lhre Machinationen wurden also bis jetzt von Erfolg gekrönt, die uns nicht ansprechen? Nicht die Jrrthümer und Rauheiten, vielmehr die Feinheit und Erhabenheit getvisser Anschauungen, der Scharfsinn der Diseussionen muß überraschen. Ilm die alten talmndischen Denkinäler zu beuriheilen, müssen »vir sie in den Nahmen ihrer Zeit zurückstellen, z. B. die Nechtsgelehrsamkeit der Nabbinen vvn Babylon oder Liberias mit den Gesetzen der Franken und Westgothen vergleichen, ober beffer mit den Pandekten Justinians, denn der Tallnud ist vor Allem ein corpus juris. Nachdem .der Verfasser sodann den Unterschied zrvischen Halacha und Hagada klargelegt, fährt er fort: Der Tallnud zeigt aus »nehr als einer Seite vielleicht geringe Zärtlichkeit den ,Gojim* gegenüber. Aber »ver sind - diese , Gojinr'? Das sind die Griechen des Airtiochus, die Römer des TituS und Hadrian, die Magier der Sassaniden. Israel, in seiner Nationalität und Religion verfolgt, »vehrte sich gegen die Feinde, »velche ihm mit Vernichtung drohten. Jene dein Talmud vorgeworseuen Sentenzen sind nicht Vorschriften der Moral, sondern Jammerruse gegerr die Zerstörer des Tempels und die Unterdrücker Judäa's. Man vergegen»värtige sich iminer, dass der Talmud entstand zivischen dem Zusammenbruche des jüdischen Reiches und den Judenverfolgungen der fanatischen Magier. Die ,Gojim' des Talmud sind nicht Christen, sondern römische und persische Heiden, und »venu der Jude den Verwüstern der heiligen Stadt, deren Grausamkeit er geschaut, den Tod »vüuscht, so befindet er sich in gerechter Nothlvehr, er will nur das Gesetz der Vergeltung geübt sehen. Allerdings besteht zwischen dem christlichen Märtyrer »n»d dein hartnäckigen Inden des erste»: und z»veiten Jahrhirnderts ein Unterschied: der Christ dachte nur an seinen Gott, der Jude dachte auch an sein Volk, an sein zerrüttetes Vaterland nicht »veniger, als an seinen geschmähten Glauben; und »venu dcr Glaube verzeihen kann, der Patriotismus darf nicht immer verzeihen. Uebrigens finden sich in» Talmud Stellen, in denen der Jude nicht besser behandelt wird, als der »Goj*. l Es »väre lächerlich, dieselben wörtlich zn verstehen. Dass Juden im Mittelalter, wo sie unter der grausamen Tyrannei der Fürsten und Völker seufzten, die Ver>vünschunze»r des Talmuds gegen die ii» ihrer Hand richte das Loos der alten Fancilie. und sie rechnete daraus mit Beftimurthcit, dass Althaus sich nicht Weizern werde, in die ersehnte Verbindung zn berviltizen, wenn man ihm eine lebenslängliche Rente als Preis aussetzen »vird. Jetzt handelte es sich darum, eine geeignete Persönlichkeit ansfindig zn machen, um dieselbe mit der inunerhin heiklen Mission zu betrauen. Die gesuchte Person fand sich, und mit Instructionen versehen, trat sie ihre diplomatische Sendung an. Wir »vollen den» Sendboten vorauseilen und ihn in N. Feiwrls Behausung erwarten. Letzterer befand sich heute in einer überaus erregten Stimmung und durchinaß mit großen Schritten das Geurach. Soeben war ihn» die ossicielle Kunde geworden, dass Herr Golder sämmtliche Hypothekarforderungen an sich gebracht habe, und er glaubte nicht irre zu gehen, wenn er aus den» Manöver schloß, dass sein nunmehriger Gläubiger aus sein Erbtheil speculiere. Dies brachte sein Blut in Wallung und sein ganzer Körper erbebte vor Entrüstung. Mit de»n Gedanken der Verältßerung seiner Liegenschaften hatte cr sich bereits vertraut gemacht, dass aber selbe in solche Hände und noch dazn aus hinterlistige Weife übergehen sollten, dies ließ ihn sein Schicksal noch schucerzlicher empfinden. Infolge des langjährigen Besitzes in seiner Farnilie betrachtete er diesen Grund und Boden als deren integrirendeir Theil, als ein Beftandtheil seines Hauses und sein alter, stolzer Nance kan» ih»n durch solch einen Besitzwschfel wie prosanirt vor. (Fortsetzung folgt.)

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