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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-05-01 · Heft 13 (1.5.1891) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 13 (1.5.1891)
Date
1891-05-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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als die irgend einer christlichen Kirche, obwohl die Achtung vor dem Ceremoniell bei den Israeliten, wie bei den Christen im Abnehmen begriffen ist. Wenn man die Centren des jüdischen Leb ns in's Auge fasst, so könnte man sagen, dass der Jude der religiöseste aller Menschen sei. Oft allerdings scheint es, als ob mau ihn nur halb zu bekehren brauchte, um ihn vollkommen indifferent zu machen. Um den Juden wirklich kennen zu lernen, muß man das Judcnthum, die Religion, das talmudische Judenthum mit seinem Glauben, seinen Traditionen, seinem bis ins Kleinste gehende Ritual kennen lernen. Das Studium wäre der Mühe Werth; vielleicht werden wir es eines Tages versuchen. Es würde vorwitzig sein, nachzuforschen, worin sich das Judenthum und die jüdische Moral von dem Christenthum und der christlichen Moral unterscheidet. Sie gleichen und unterscheiden sich wie die Bibel und daß Evangelium. Selbst da, wo sie übereinstimmen, findet sich noch ein Unterschied gleichsam in der Betonung; ein Jude würde sagen, das eine Gesetz sei mehr weiblich, das andere mehr männlich, wenn das eine göttlicher sei, so sei das andere menschlicher, in dem neuen wäre mehr Herz und Gefühl, in dem alten mehr Vernunft. Jedenfalls nimmt in dem alten das Jenseits einen geringeren Platz ein. Das ist vielleicht vom Gesichtspunkte der Moral der größere Unterschied. Das Judenlhum hat wenig Neigung zum Mysticißnms und noch weniger Geschmack an der Askese; sein Glaube hat einen eminent praktischen Charakter. Darin liegt zuglcich seine Größe und seine Schwäche. . Seine Moral, sein Cultus, sein Ritual haben das irdische Leben zum Object. Es besitzt einen gewiffen unbewussten Positivismus. Seine Gebote scheinen sehr oft nur hygienische Maßnahmen zu sein oder lasten sich unschwer auf Vorschriften der Hygiene zurückführen. ^Beschneidet Cure Kinder; sie werden Euch Dank misten', versicherte ein israelitischer Arzt, welcher nur an die Wissenschaft glaubte; ,und wollt Ihr der Tuberculose und ähnlichen Krankheilen entgehen, so estet nur koscheres Fleisch.' ... . Man hat viel darüber gestritten, ob die alten Hebräer an die Unsterblichkeit der Seele geglaubt haben. Wenn auch schon im Talmud die Zwei Familien. Eine gilizische Erzählung von S. Horowitz. (Nachdruck verboten.) (3. Fortsetzung.) Sie senkte erröthend 'daS Haupt, Frau Henriette warf ihrem Sohne einen aufmuuteruden Blick zu, nahm einen überschwänglich zärtlichen Abschied von ihrem Gast, und von Mutter uud Tochter bis zum Wageu geleitet, bestieg Regina in Gesellschaft des jungen Golder das Gefährt. Der Wagen setzte sich in Bewegung und fuhr langsam durch die schmalen Gasten. Durch die geschlosteneu Wagenfenster drang nur ge. dämpft das Strsßengesuwme, uud die beiden jungen Leute saßen schweigend neben einander. Die Schatten der Nacht senkten sich über die Erde, die Lust war feucht, durch die grauen Wolken schimmerten nur vereinzelte Sterne, dft letzten Häuser verschwanden, der Wagen rollte bereits auf der Chaustee dahin, und noch immer schwieg das junge Paar. Beide «urden von ein und demselben Gefühle beherrscht und dennoch, oder -richtiger iyfolgedeffeu schwiegen sie. Regina drückte sich ties in die Wstgeupolster, und nur der ungewöhnliche Glanz ihrer Auge»!verriet ihre innere Äufteguug. Isidor saß in seiner Wagenecke, seine Gesichtsmufkelu zuckten, feine Augen wetterleuchtete» und fein Antlitz war noch Lläster als gewöhnlich. Er wollte den Mund öffnen, konnte aber kein richl^eS Wort finden, um.seine Gefühle auszudrücken. Draußen verhüllte E»nNebel jede Fernsicht, dass die winzigen Lichtstreifen aus den vereinzelnten Unsterblichkeit der Seele ein Dogma der Synagoge ist, wenn auch der Talmud sagt, dass diese Welt nur ein Gasthaus am Wege sei, so scheint doch die Thora im Vergleich zum Evangelium sich mehr mit dem diesseitigen als mit dem jenseitigen Leben zu befasten, so scheint doch die Welt dem Juden realer und dauer- Hafter zu sein, als dem Christen. Seine Religion lässt ihn irdische Güter nicht verachten, ja sie setzt sie ihm als Belohnung aus; sie bleibt eine Religion, die für das Leben und seine Kämpfe geschaffen ist. Seinem Gesetze verdankt daher das Israel einen guten Theil seiner Kraft: die Güter, die es ihm versprochen, hat es ihm gegeben. Doch daran stößt sich weder der Politiker, noch der Philosoph. Im Gegentheil, der moderne Utilitarismus würde dem Judenthum dafür Dank wissen und ihm vor seinen großen Sprößlingen, dem Christenthum und dem Islam, den Vorzug geben. Und doch klagen wir die jüdische Moral an. Warum? Es klingt lästernd, aus dem Munde eines Christen die Anklage der Zmmoralität gegen eine Religion zu hören, deren Zehngebote erhält, Gebote, welche Christus und die Apostel gewissenhaft beobachteten. Dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich auf zweierlei Weise. Erstens besteht ein Unterschied zwischen dem antiken Hebraismus und dem modernen Judenthum, zwischen Bibel und Talmud, zweitens war das alte Gesetz vor allem ein nationales, gegründet auf einem Vertrag zwischen Gott und Israel. Außerdem bildet die Hauptanklage gegen Juden und Judcnthum der nationale Exclusivismus, derschon fühlbar in der Thora, vom Talmud verstärkt wäre. Die Moral der Bibel sind die zehn Gebote; ja noch mehr, denn die zehn Gebote haben fast alle einen negativen Charakter, aber die biblische Moral erhebt sich unvergleichlich höher. Die Bergpredigt sindet sich zerstreut fast ganz im alten Testament; es sindet sich daselbst das Gebot der Nächstenliebe, das seit Hillel von den Nabbincn in jeder Beziehung betont wird. Hier zeigt der Talmud einen Fortschritt im Vergleich zur Bibel. Aber, so sagt man, der Nächste des Juden sei nur der Jude, der Nichtjude sei nicht der Nächste; was gegen den Juden verboten, sei gegen den Nichtjuden erlaubt; der Jude habe zwei Gesetze der Moral, eines für Bauernhütten wie phantastisch hindurchschimmerten. Da stieß der Wagen an eine» Grenzstein, dass Regina mit einem leichte» Aufschrei aus ihrem Hinbrüten aufschreckte. Infolge der schaukelnden Erschütterung verlor ihr Oberkörper das Gleichgewicht und sank an Isidors Brust. Wie von einem clectrischen Strome berührt, griff er nach der süßen Last, und .Regina ich liebe Dich!' entströmte es seinen Lippe«. Keiner Regung mächtig, ruhte sie an seiner Brust, ihre Haarwellen streiften sein Gesicht und das seinen Äugen, entstrahlende Fluidum theilte sich auch ihr mit. Seine Liebesworte flößen immer leidenschaftlicher, und ihrer heftig pochenden Brust entquoll ein aufathmender Seufzer. Ein seliger Ansdruck erhellte ihre Züge und ihre Lippen hauchten schmachtend: ,Auch ich liebe Dich!* Dahin brauste das Gefährt, der Regen goss jetzt in Strömen, und wie der rauh u Welt entrückt genoss das junge Paar die reine, unschuldige Liebe. Da erschienen in nächster Nähe die Umrisse von R. Feiwels Landsitze. Das Vehikel stand stille und unsere Liebenden erwachten zur Wirklichkeit. Auf seinen Arm gestützt entstieg Regina dem Wagen und die rauhe Luft verursachte ihr ein Frösteln. Isidor geleitete sie bis zur Treppe, noch ein Händedruck, und er schritt träumerich dem Wagen zu. Die holde Gestalt stand da, hoch aufgerichtet, dem enteilenden Wagen nachschauend, bis er in Nacht und Nebel verschwand. Der Regen goß weiter in Strömen, im Laube der alten Bäurne rauschte es wie klagend, und Isidor schwelgte in den Reminiscenzen des ersten tets-L-tste.

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