Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 13 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Er sagte unter Anderem: Dass der Verein nur für v e r- I schäm t e Arme seine Thätigkeit ansübt, und nicht für Bettler, | welche die Hand aufhalten. für Unverschämte und Arbeitsscheue, [ gibt ihm die volle Sympathie der ganzen Bevölkerung; aber! auf Schwierigkeiten selbst flieh sein wohltbätiges Wirken, da es , oft unter diesen Armen unbeugsame, für Gaben ganz nnzugäng- ] liche Leute gibt, in welcher Weise mau es ihnen auch vermittelt. So gab es einst einen alten Arzt, d-w in drückendster Noth sein Leben fristete aber durchaus nicht zu bewegen war, eine Unterstützung anzunehmen; erst bis ihn der Vorstand als V-rcinsarzt austellle und ihm einen Gehalt anssctzte, dessen Quittung er unterschreiben musste, damit ja jeder Schein einer Hilfeleistung wegfalle, gab er sich zufrieden. Auch auf den Antisemitismus kam der Redner zu sprechen, und sagte, dass es den Feinden des Iudenthums niemals gelingen werde, den reinen Charakter des Iudenthums, das herrliche Familienleben und den hohen Sinn für Wolkhätigkeit zu vernichten. Unter stürmischem, minutenlangem Beifall schloss er diese seine Ncde, woraus Herr Fabrikant Sigmund Mauthner in markigen Worten nochmals den Punkt über die Antisemiten berührte, indem er hinwies, dass durch die glänzenden Tbaten eines solchen Vereines diese Natter am Busen der menschlichen Gesellschaft zerdrückt wird. Mit einem Dank an den Vorstand und dessen Dircctor, welchen er die Zierde der Gemeinde, den Stolz des Iudenthums nannte, wünschte er, dass der Verein weiter so gedeihe. Es sprachen noch weiter die Herren Dr. Schütz, M. Schück, Rabbiner Dr. Tauber, deren Reden alle in einen Hymnus für den gefeierten Director Dr. L. Bendiener ausklangen. Begrüßnngstelegramme liefen ein von den Cultusgemeiuden: Köln, Wien, Brünn, Leipzig, Leitmerrtz u. s. w. B. S. £״ $ * Im Interesse der objectiven Berichterstattung, welche einem Fachblatte mehr als jedem anderen Journale zur Pflicht gemacht ist, haben wir den vorstehenden Artikel fast wortgetreu wicdergcgeben, trotzdem wir in der ungetheilteu Anerkennung für das musikalische Arrangement der Jubiläums-Feier mit dem geehrten Berichterstatter nicht übereinstimmen. Es ist wohl unzweifelhaft, dass Herr Chordirector Rubin, der mit Recht den Ruf eines gediegenen Musikers besitzt, dem Auditorium künstlerische Genüsse geboten hat, aber wir müssen gestehen, das Nichtige im Arrangement der Zubiläums-Feier hat er nicht getroffen. Erstens können wir es nicht begreifen, wie bei einer Feier, die im Tenpel abgehalten wird, und die unstreitig als Gedächtnisfeier des gottesdienstlichen Charakters nicht entbehrt, der Cautor der betreffenden Synagoge umgangen und von jeder Mitwirkung ausgeschlossen werden konnte. Ohne Jntriguen wird es hier sicherlich nicht gegangen sein. Und zweitens scheintuns die Zusammenstellung des Programms geradezu unerhört. Das Oratorium ,Paulus',, wenn cs auch von Mendelssohn geschrieben ist, gehört nicht in .di? Synagoge.! Man wird uns einwenden: ,Es war kein Gottesdienst, sondern j blos ein geistliches Coucert!' Das ist nicht zutreffend, denn wie käme zu dem letzteren die Festpredigt und Gedächtnisrede des Herrn Rabbiners? Es war unstreitig eine Gedächtnisfeier, wie deren wol schon Hunderte in der Synagoge veranstaltet wurden. Für solche Anlässe haben aber jüdische Synagogen-Componisten wie Sulzer, Naumburg, Lewandowsky, Deutsch rc. künstlerisch bedeutsame und für ein jüdisches Gotteshaus passendere Werke geschrieben, und es war darum keineswegs uothwendig, bei der Kirche eine Anleihe zu machen oder die Synagoge in einen Concertsaal umzuwandeln. Die Redaction. Die Juden nud der Antisemitismus. Von A n a t o l e L e r o y B e a u 1 i c 11. (Aus der ״Revue tles deux mondes“ im Auszuge mitgetheilt.) II. ,Die Verschiedenheit der Religion ist nicht mehr die Haupttriebfeder der Gehässigkeiten gegen die Juden. Sie ist cs vielleicht niemals gewesen. In Spanien unter Ferdinand und Jiabella, in Frankreich unter Philipp dem Schönen, in England unter Johann ohne Land und Eduard dem Ersten scheint die Religion oft der Deckmantel gewesen zu sein, hinter dem sich aber ganz andere niedere Leidenschaften den Juden gegenüber verbargen. Heute würde gerade das Gegentheil der Fall sein: der Fanatismus ist außer Mode. Wenn noch bisweilen die Sorge um religiöse Angelegenheiten die Antisemiten anfeuert, so bemühen sie sich, es zu verheimlichen. Die Mehrzahl erklärt sich jeder confessionellen Leidenschaft ledig, und man muß es ihnen glauben. Indessen bleibt trotz alledem im Antisemilismus ein Residuum religiöser Antipathie. Bei Christen und Juden im centralen, wie im östlichen Europa bestchen Glaube, Legende und Aberglaube, welche dazu beitragen, eine gegenseitige Abneigung zu nähren. Für die Juden ist sie eine Erbschaft der Vorfahren. Naceu pflegen ja oft Feindschäften, deren Gründe sie nicht mehr recht wissen, instiuctiv lange zu bewahren. . . . Das Mittelalter glaubte sich berechtigt, den Juden als ein Object der Verachtung zu betrachten. Es galt eines guten Christen für würdig, die Juden zu quälen, und die Päpste sahen sich wiederholt genölhigt, sie in Schutz zu nehmen. Noch heute wirft das Kreuz vom Calvarienberge seinen Schatten auf das zerstreute Israel. Noch vor fünfzig Jahren sah der Londoner Westminster Prediger, welche die Emancipation der Juden für eine Lüge gegen die göttlichen Prophetien hielten. Haben nicht die Juden selbst ausgerufen: ,Sein Blut komme auf uns und unsere Kinder?' Gibt es heute noch Christen, die sich verpflichtet glauben, die Juden das ,Kreuzigt ihn' büßen zu lassen, dann wissen sie nicht, dass Christus am Kreuze zum Vater im Himmel sagte: ,Verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun.' Und sein Wort zu bezweifeln, dazu haben seine Schüler nicht das Recht. Das Evangelium hat nie die Rache gelehrt, und hat ein Mensch das Recht, sich an Gottes Statt zu stellen, um zu bestrafen? Der Antisemilismus kann sich nicht auf das Chriftenthum berufen: d e r H a s s gegen d i e I u d e n i ft nicht v o n christlichem Empfinden eingegeben, sondern v o n un christliche n Trieben. . . . Indessen die fromme Rachsucht gegen die ,Henker des Menschensohns* ist nicht die einzige Handhabe, welche die Religion den Judenfeinden bieten kann. Wo sie das Evangelium im Stich läset, nehmen sie zum Talmud ihre Zuflucht. Die Vorwände, welche das Cbristenlhum ihnen weigert, behaupten sie. im JuLenthum zu finden, und machen sich an seine Traditionen, an seine rituellen Gebräuche, ja an seine Moral. Es würde Unwissenheit verrathen, wollte man die Wichtigkeit der Religion und der Tradition bei den Juden leugnen. Der Franzose, welcher nur den Pariser Juden kennt, bildet sich gern ein, dass das Judenthum eine abgethane Religion sei. Dies ist durchaus nicht der Fall. Die gtäubigen und thateneifrigen Inden, d. h. die Juden, die wirklich als Inden leben, sind noch zahlreich. Selbst in Europa bilden sie sicherlich die Majorität. Trotz, seiner dreißig oder vierzig Jahrhunderte ist das alte Gesetz weder kodt, noch im Ab sterben begriffen. Um zu sehen, welches Leben ihm noch innewohnt, braucht man nur einmal am Freilag Abend in Ungarn oder Polen eine Synagoge zu betreten. Die rituellen Gebräuche-und Gebote Israels werden vielleicht treuer gewahrt^