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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-05-01 · Heft 13 (1.5.1891) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 13 (1.5.1891)
Date
1891-05-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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in keilen; Männer, die den Willen haben, die charakteristische jüdische Musik zu erhalten und zu entwickeln. Sagt ja der Psalmist: ״Scbiru la’adonaj schir chodoscli! Lasst uns singen dem Herrn ein neues Lied!' Hervorragende Gemeinden, solche wie Cincinnati, sollten darum die ersten sein, die nach dieser Richtung ein Exempel statuircn, und nicht abschasfen ein so heiliges und nothwendiges Amt. Sie sollten vielmehr die Leitung des Gottesdienstes solchen Händen anvertrauen, die ent schloffen sind nachzustreben unseren großen Zionssängern, David und Salomon, in uralten Zeiten. Es ist eine bekannte Tharsache, dass das Ziel und Streben der Nabbiuen der-modernen Schule dahin geht, den Gottesdienst rn der Synagoge ausschenerregend statt andächtig, dramatisch statt empfänglich zu gestalren. Die Gemeinde soll aber nickt in die Synagoge kommen, um einzig und allein die Meisterschaft und die Beredtsamkeit des Predigers zu bewunder» und den operuartigen Extravaganzen der Solisten zu horchen, sondern in Demuth ihren Schöpfer zu verehren und erbaut und erhoben zu werden. Zch habe die Erfahrung gemacht, dass die Leute in großer Anzahl den Gottesdienst, besuchen, wenn keine Predigt gehalten wird und keine außerordentlichen Productionen des Chores statiffnden. Sie kommen, um die Gefühle ihres Herzens auszuschütten, um ihre Anhänglichkeit zu dem Allmächtigen zu bezeugen, Dank abzustatten für empfangene Wohlthaten und Trost zu ffnden, wenn Noth und Elend über sie hereiubncht. Ein wahrer Diener Gottes wird daher keine sensationellen Mittel anwenden, um sich der Znhörrer zu vergewissern, sondern er wird seine Gemeinde lehren, fromm und aufrichtig mit dem Psalmistcu zu sprechen: Lomaebti beomrim li beth adonaj nelech. Zch war erf 1 eilt, wenn sic mir sagten, lasset uns gehen in das Haus des Herrn!״ Der Artikelschreiber in der ,Deborah' wird daher mehr Vertrauen erwecken und dem Zudenlhume einen grösseren Dienst erweisen, wenn er jüdische Talente ermuntert und jüdische Einrichtungeu bewahrt, als wenn er einen nützlichen und altehrwürdigen Stand hcrabzusrtzeu sucht. Männer von Ehrlichkeit und Selbstachtung werden und müssen zu jeder Zeit die Vermeffenheit ahnden und die Ungerechtigkeit tadeln. Jubiläums-Frier des Nrichftenlielie- Vereines in Prag. Dieser Verein, der bedeutendste unter den jüdischen Wolthäligkeilsvereinen, veranstaltete Sonntag den 19. April um 11. Vormittags aus Anlass seines 50jährigen Bestandes ein geistliches Cor.ccrt mit Festpredigt im neuen Tempel. Herr Chordircctor David Rubin wurde vom Ausschüsse mit der Zusammenstellung des musikalischen Theiles des Programmes betraut, und er löste seine Ausgabe glänzend. Das Gotteshaus war zur angesetzten Stunde bis aus'S letzte Plätzchen gefüllt. Unter den Anwesenden bemerkte man den Vicepräsidenten der Statthalterei Herrn Friede! von Fricdensce, den Polizeipräsidenten Herrn Hosrath Stejßkal, den Vicepräsidenten des Landcsschulrathes Herrn Hofrath Zabusch und andere Notabilitäten. — David Nubin's prachtvoller Psalm 24 eröffnete die Feier, in welchem Herr Opernsänger Sieglitz mit wundervoller Stimme das Nccicativ und Bariton-Solo wiedergab. Zu der darauffolgenden Festpredigt hob Herr Rabbiner Dr. Gelbhaus die hohe Bedeutung des Vereines hervor, nannte dieses Z6. Zahr ein wahres Jubeljahr, welches wie in alter Zeit dazu bestimmt war, allen Menschen volle Freiheit zu lassen, und verglich es einem hohen Thurm, von welchen man eine große Uebersickt über die fruchtbare Wirksamkeit verflossener Zeiten gewinnt. Er gedachte schließlich des Hochseligen Kaisers Ferdinand, der Erzbischöfe Schrenk auf Notzing, Cardinal Fürst Schwarzenberg und des Protektors Moses Landau, welche alle Gönner dieses Vereines waren. Eine Arie von Cherubini sang Herr Opernsänger Perlus. Die keineswegs leichte Composition schien dem Sänger einige Schwierigkeiten bereitet zu haben, indem er einige Intervalle, trotz seiner leicht ansprechenden Simme, stoßweise hervorbrachte-; aber dennoch glänzte er zum Schluffe derselben mit einem zweigestrichenen K. — Sehr feelenvoll trug hierauf Frl. Rubin ein Necitativ mit ArieLDnr aus Hiller's ,Zerstörung von Jerusalem' vor. Diese junge Dame, selbst schon als Gesangslehrer!» thätig, besitzt eine sammtweiche Mezzosopranstimme und weiß durch dieselbe in Verbindung mit angeborener musikalischer Empfindung fesselnd zu wirken. — Vortrefflich in Stimme und Ausdruck gelang Herrn Opernsänger Sieglitz das Adagio von Mendelssohn's »Gott sei mir gnädig.'Schmelz und Fülle gaben Zeugnis, dass Herr Sieglitz nicht nur ein guter dramatischer sondern auch ein tüchtiger Oratoriensänger sei. Nur wäre der zweite Theil, das Allsgro maestoso, etwas bewegter vorgetragen, von größerer Wirkung gewesen. — Einen mächtigen Eindruck erzielte der von einem Theile des Chores und Orchesters des deutschen Landestheaters׳ vorgetragene Choral ,Die Ehre Gottes' von Beethoven, welcher von Fanfaren begleitet wurde. Wahrlich ein seltener und in einem jüdischen Gotteshause noch nie dagewesener Effect! Möge man es vom jüdisch-conservativen Standpunkte auch als eine Verletzung der geheiligten Räume betrachten, so lebt doch eine gewisse Erinnerung an die instrumentale Maffenwirknng im Tempel Zions glänzend wieder auf. Während des stillen Gebetes für die verstorbenen Vereinsmitglieder sang der Chor ein deutsch übersetztes Waani sefilosi und — wie eine kleine hebräische Sprachinsel im deutschen Meere vernehmen wir eingeschaltet — ein hebräisch gesungenes Adonoj, Ad0D0j, componirt von David Rubin, das einzige Kennzeichen, nebst den wenigen jüdischen Floskeln des Rabbiners, dass wir in einem jüdischen Tempel seien. Mit Absingung der Volkshymne endigte diese ebenso seltene als merkwürdige Feier. Herr David Rubin hat mit dem Arrangement dieses geistlichen Conccrtes sich ein großes Verdienst erworben, und ich selbst war erfreut zu sehen, wie ihm allseits ehrende Anerkennung zu Theil wurde. Nur wäre cs erwünscht gewesen, dass in diesem Kreise classischcr Meister auch der Regenerator der jüdischen Synagogen-Musik, Salomon Sulzer, nicht gefehlt hätte. Diese Verleugnung des jüdischen Cantorates kann nie fruchtbringend auf den Stand zurückwirken! Die Generalversammlung fand um 4 Uhr Nachmittags im großen Sitzungßsaale des Altstädter Rathhauses statt. Schon, dass diese Localität einem jüdischen Vereine zur Verfügung gestellt wurde, welcher sogar christlichen Vereinen versagt wird, beweist, welcher Werthschätzung der Direktor des Nächstenliebe-Vereines sich bei der ganzen Bürgerschaft der Landes-Hauptstadt erfreut, und dass cs dieser persönliche Vorzug allein ist, wurde mir von ihm selbst mitgetheilt. Nach einer schwungvoll gehaltenen Eröffnungsrede kennzeichnete Dr. Ludwig Bendiencr in großen Zügen die hohe Tendenz des Vereines, gab dem. Bedauern Ausdruck, dass die Herren Ignatz Schütz, Ignatz Gerstel, Simon Gerstel und Moritz Neustadt! eS nicht erlebten, dieser Feier beizuwohnen, und begrüßte desto herzlicher den noch anwesenden Mitgründer Dr. Jacob Schütz.

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