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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-04-26 · Heft 12 (26.4.1891) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 12 (26.4.1891)
Date
1891-04-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seelen rechnen.*) Will man von der jüngsten Vergangenheit aus die nächste Zukunft einen Schluss ziehen, so ist das Zudenthum nicht im Abnehmen. begriffen. Im Centrum Europa's findet sich ein Judenreservoir, dessen Ueberfülle nach dem Westen abzu« strömen strebt. . . Diese Söhne des Orients, aus Asien stammend, find aus dem Occident gekommmen, herbeigeströmt aus Deutschland, indem sie im Mittelalter vor den Verfolgnngen flohen, welche allenthalben aus dem Wege der Kreuzzügler eingetreten sind. Sie haben sich im Schatten der Tannen der Weichsel und des Dnjepr vermehrt, wie zur Zeit der Pharaonen und Ptolomäer unter den Palmen des Nil. Einer der charakteristischen Züge dieser Raffe, welcher sich unzweifelhaft durch ihre fortwährenden Wänderuugeu erklären lässt, ist die Leichtigkeit, mit welcher sie sich unter allen Himmelsstrichen acclimatisiert. Der Jude ^lebt überall und vermehrt sich überall. Betrachtet man die gegenwärtige Vertheilung der Israeliten über die Welt, so könnte man zu der Vermulhung kommen, dass die Wiege des Hauses Israel in Massovien gestanden hat. Nur durch das präcise Zeugnis der Geschichte kann mau sich vom Gegentheile überzeugen. Wenn in Wirklichkeit die polnischen Länder nicht der historische Ausgangspunkt Juda's gewesen sind, so sind sie doch das geographische Ceutrum geworden. Aus diesem neuen sarmatischen Israel strömen, infolge von Quälereien und Leiden, welche kaum geringer sind, als diejenigen, welche ihre Väter erduldet haben, die modernen Juden unter unseren Augen nach Europa und Amerika über. Der Wind der Verfolgung, welcher seit Jahrhunderten den Staub Israels von Osten nach Westen und von Süden nach Norden treibt, hat von Neuem die Trümmer dieses Stammes aufgescheucht: der Wind hat sich blos gedreht. Nachdem er die Väter vom Westen nach dem Osten und von Süden nach dem Norden, von Frankreich nach Deutschland, von Deutschland nach Polen getrieben hat, droht der Sturm, die Söhne nach dem Westen zurückzu- *) Diese Berechnung scheint fast um die Hälfte zu hoch gegriffen. Die Ned. Zwei Familie». Eine galizische Erzählung von S. H o r o w i tz. (Nachdruck verbaten.) (2. Fortsetzung.) IV. Neb Feiwel Althaus saß vor seinem Schreibtische von altfränkischer Fatzou. Vor ihm lagen allerhand Papiere und Documente anßgebreitet, Deren Durchsicht ihm kein besonderes Vergnügen bereite» musste, den» seine Stirne zog sich in tiefe Falten. Immer düsterer wurden seine Züge, er presste die Zähne auseinander und ließ wie vernichtet sein Haupt sinken. Im Zimmer herrschte eine unheimliche Stille, nur unterbrochen von dem eintönigen Ticken der Wanduhr. Langsam richtete sich N. Feiwel aus seiner gebeugten Stellung empor und eine Leichenbläffe bedeckte sein Gesicht. Verstört und wie י hilfesuchend schaute er um sich, um seine Mundwinkel zuckte es, und eine Zähre glitt über seine gerunzelten Wangen. Er verließ seinen Lehustuyl, durchmaß mit großen hastige» Schritten das Gemach und seine Micke blieben auf den Acte» mit den Amtssigeln haften. Da that sich leise die Thür auf, und Frau Kiele erschien in derselben. Sie bemerkte die ungewöhnliche Aufregung ihres Mannes nab den Grund erratheud, ließ sie sich in ihrer Hiflvsigkeit resignirt in einen Stuhl fallen. R. Feiwel rang nach Faffuug, blieb vor seiner Frau stehen und die Rechte nach dem Schreibpulie ausstreckend, begann er mit unsicherer Stimme: »Wir müssen, meine treue Lebensgefährtin, den bitteren Kelch bitz auf den Letzten Tropfen leeren und möge uns der Ewige Kraft verleihe״, den Zusammenbruch unserer materiellen Existenz in Ruhe werfen. Die jahrhundertelang andauernde Strömung der Juden- Wanderung steht auf dem Punkte, den Curs zu ändern: der Weg nach dem Osten ist durch eine dicke Scheidewand verschlossen, durch die russischen Gesetze, welche wie ein künstlicher Damm den Juden das Innere des Reiches versperren: sie sind gezwungen, nach dem Westen zurückzuströmen. Mit der Zahl und dem Einfluss der Juden wächst der Neid und das Vorurtheil gegen dieselben: daher der Antisemitismus. Im Westen wie im Osten — in Deutschland, Oesterreich- Ungarn, selbst in Frankreich, ebenso wie in Russland, Rumänien und Algerien — hat sich die albernerweise ,semitisch' genannte Bewegung inmitten einer Generation erhalten, welche hätte glauben sollen, längst über einen solchen Streit erhaben zu sein. Im Westen wie im Osten hat die Frage verschiedene Seiten. Man kann sie unter drei Gesichtspunkten betrachten, deren Bedeutung je nach den verschiedenen Gegenden und Epochen, verschieden ist: sie ist zugleich eine religiöse, eine nationale und eine ökonomischsociale. In dieser ihrer Compliciertheit besteht ihre Schärfe. Zwischen den Juden und Christen, den Semiten und den Ariern erheben sich, gleichzeitig oder nacheinander: religiöse Unduldsamkeit, nationaler Exclusivismus, geschäftliche Concurrenz, d. h. alles dasjenige, was am ehesten geeignet ist, die Menschen zu trennen und in Leidenschaft zu versetzen. Der Antisemitismus ist zugleich Kircheu-Streit, Nassen-Conflict und Ctaffen-Kampf. Auf diese Weise erklärt sich sein gleichzeitiges Auftreten in verschiedenen Ländern am Ende dcs Jahrhunderts eines Pasteur und Renan! Der Antisemitismus ist ein Zeichen des Rückschritts, ein Beweis von Atavismus, aber nicht dies allein. Wenn er ein Gespenst aus vergangenen Zeiten ist, so hat er sich ohne Mühe in ein modernes Gewand gehüllt. Nicht Alles au ihm ist alt und überlebt, er versteht es, sich zeitgemäß zu drappieren. ..... Das ileuuzehnte Jahrhundert war von religiösen, nationalen und ökonomischen Kämpfen ausgefüllt: cbensoviele Seiten, durch welche derAntrscmitlsmus sich an die Geschichte unscrerZeit anknüpft. ertragen zu köunem Ich habe Alles aufgeboten, um von meinen Gläubigern eine Fristverlängerung zu erwirken, ihnen die Einkünfte des Gutes, die die doch die laufenden Zinsen decken, zur Verfügung stellen, für mich nur soviel Vorbehalten, als zur kümmerlichsten Subsistenz unumgänglich nothwendig ist, aber vergebens. Meine objectiven Argumentationen fanden kein Gehör. Um unseres Kindes willen nahm ich zu Bitten und Flehen meine Zuflucht, aber auch diese zerschellten wirkungslos wie an einem Felsen. Und so müssen wir uns in's Unvermeidliche fügen und unserer Besitzung Valet sagen. Vielleicht gelingt es uns, ans dem Schiffbrnche etwas zu retten, was uns als Stütze für unsere alten Tage dienen könnte, dann möge der Allmächtige unsere liebe Tochter iu seinen Schutz nehmen.' Er hilt inue, denn die Rührung übermannte ihn. Die Sprache versagte ihm den Dienst, ein Zittern machte feine Glieder erbeben, und leise bewegten sich feine Lippen wie in einem Gebete Trost suchend. Schluchzend schaute Kiele zu ihrem Gatten empor und ,meine arme Tochter, meine goldene Regina', waren die einzigen Worte, die sie über ihre Lippen zu bringen vermochte. Feiwel Althaus wurde etwas ruhiger und fuhr dann fort: .Kiele trockne Deine Thränen und lameutire nicht. Wir haben unser Unglück nicht verschuldet, unser Vermögen nicht vergeudet und so bleibt uns ein ruhiges Gewissen. Ich habe das in meiner Familie erblich gewesene Gut redlich verwaltet, mit Deiner als Mitgift mir zugesallenen Besitzung arrondirt und vergrößert. Gegen Gott und die Elemente kann Niemand ankämpsen. Wenn Elementarereigniße die im schönsten Flor prangenden Felder verheerten, ist dies nicht meine Schuld. Schwer lastet aus uns das Schicksal, eine

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