Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 12 (26.4.1891)
- Date
- 1891-04-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Zeitschrift, Band I, Heft 2, und Zunz' Analektcn ebendaselbst Band II, Heft 2.) Die Vorbetcr jedoch achteten diese Knuste lehr bocb. So schildert der gefangcskundige und sprachgcwaltige Immanuel laus Italien 1300—1330) die Selbstzufriedenheit eines Vorsängers und die eitle Meinung von den Wirkungen seiner Vortragsweise wie folgt: ואני בעת אומר קדושה רבה או יוצר אור׳ ואקרא המגלה בפורים ואומר אין כמוך בג׳ רגלים או אקרא מזמור בספר תהלים יחרדו בקול בני אלים ובעת אשר אמר חזן ישעיה או אקרא בקגות או בדבי־־ם רעים שבירמיה הראה כל לשון דומיה וכל עין בוכיה ואם יתן לי פלוני בקולי את כל בית גבותיו לא אחליפנו ולא אמיר אותו.(6 .Wenn ich nun die große Keduschah oder das Jozer or (der das Licht erschaffet) vortrage, oder die Megilla lese am Purim,komoclia (Niemand ist Dir gleich) au den Nationalfesten Pesach, Schebuoth, Lukkot singe, oder einen Psalm aus dem Psalter hören lasse, erbeben Alle wie vor der Stimme der Söhne der Mächtigen. Wenn ich nun gar Cba80n Jescbajahu7) oder die traurigen Begebenheiten des Buches lirruigabu hören lasse, da verstummt jede Zunge, lhränet jedes Auge, und wenn mir Jemand sein ganzes Gewnrzhaus geben würde, würde ich durchaus nicht mit ihm tauschen. 0) Es ist diese Stelle Zmmamlel's ans Rom auch aus dem Grunde von dem höchsten Interesse, weil es uns den damaligen Wirkungskreis des Cantors zeigt; so ersehen wir daraus, dass in Italien im 14. Jahrh. nicht der Rabbiner, sondern der Cantor die Haftara am שבך[ ך־ןןךץ vor las. 1 (י. Capitel des Prophetenbuches Jesaia, am Sabbat vor dem 9. Tage des Neonates Al) als Haftara vorgetragen. (Fortsetzung folgt.) Die Juden und der Antisemitismus. Von Anatole Leroy Beaulieu.*) In der ganzen Welt gibt es 7 oder 8 Millionen Juden, welche unter 400 oder 500 Millionen Christen und Mohameddauern zerstreut sind. Die ganze sogeuannke ,Judenfrage' ist schon in dem Vergleich dieser Zahlen enthalten. Denn in unserer demokratischen Zeit, wo die Zahlen Alles besagen, beweisen die Juden, dass die Zahlen nicht immer recht haben. Dieser Beweis wird gefährlich für den, der ihn liefert. .,Die Semiten nehmen für eine so kleine Zahl einen zu großen Platz ein.' Ich glaube den Ruf der Menge zu hören: .Du beanspruchst mehr, als Dir zukommt.' . . Ein Jahrhundert ist bereits verflossen, seitdem die Emancipation der Juden durch die französische Revolution proclamiert worden ist. Damals, wie auch sonst, glaubte die französische Revolution Gesetze für die ganze Menschheit zu dictieren, und das mit Recht. Das Decret der constituierenden Versammlung hat seine Reise um die Welt vollzogen. Jener 27. September 1791, welcher uns Christen nichts bedeutet, ist ein cosmopoiktisches Datum der Revolution geworden. Es ist der 14. Juli einer ganzen -Raffe, und die an jenem düsteren Herbsttage ge. stürzte Bastille hatte höhere und festere Mauern, als diejenigen deS Faubourg St. Antoine. Von allen Säcularfeiern, welche die Revolution uns vermacht hat, wird vielleicht keine in mehr lebeuden und tobten Sprachen gefeiert werden. Im September 1791 hat Frankreich eine Initiative ergriffen, welcher nacheinander fast *) Beaulieu, ein Nichtjnde, einer der bedeutendsten Sozinlpolitiker der Jetztzeit, veröffentlicht obigen Artikel in der ״Revue des deux medes“, welchen wir int Auszugs wiedergeben. alle Völker gefolgt sind. Aber zur Steuer der Wahrheit sei gesagt, dass die Völker darin keine allzugroße Eile gezeigt haben. England hat die Emancipation seiner Juden erst 1849 und 1858 beendet, Dänemark 1849, Oesterreich-Ungarn 1867, Deutschland 1869 und 1871, Italien 1860 und 1870, die Schweiz 1869 und 1874, Bulgarien und Serbien 1878 und 1879. Russland und Rumänien an der einen Grenze Europa's, Spanien und Portugal an der andern haben allein unser Beispiel noch nicht befolgt. So spät und langsam diese Entscheidungen von den fremden Negierungen auch getroffen wurden, für uns Franzosen war die Frage endgillig entschieden. Das war, was Niemand bestreiten kann, eine Erruugenfchaft der Revolution. Es gab bei uns keine ,Jndenfrage' mehr. Und nun, vor Ablauf eines Jahrhunderts, wird dasjenige, was bereits bei allen modernen Staaten als entschieden galt, sowohl in unserer Umgebung, als auch b.ei uns selbst, wieder zur Discussion gestellt. Wie es so oft geschieht, tritt die Neaction gegen das Werk der Revolution gerade in dem Augenblicke ein, wo dieses Werk bereits als beendigt und allgemein anerkannt galt. Man glaubt oft, dass die weitaus größere Majorität der Juden der Welt, oder wenigstens der europäischen, im Besitze der bürgerlichen Gleichheit und Freiheit sei. Das ist ein Jrrthum. Die Israeliten, welche das Bürgerrecht genießen, sind wahrscheinlich in der Minorität, der bei weitem größere Theil der Nachkommen Abraham's ist noch immer Ausnahmegesetzen unterworfen. In Europa gibt es allerdings blos zwei Staaten, welche sich weigern, die den Christen zuerkannten Rechte auch den Juden zu bewilligen, aber diese beiden Staaten, Russland und Rumänien, beherbergen mehr Juden, als das übrige Europa zusammen. Das russische Reich enthält vielleicht allein die Hälfte aller Juden der Welt. ... Zn keiner Zeit war Israel so zerstreut, wie in unseren Tagen; es ist gewisiermaßen überall anwesend, wenigstens in allen civilisierten Ländern. Columbus und Vasko de Gama haben ebensogut für die beschnittenen Semiten wie für die getauften Arier neue Welten endcckt. Der Jude hat das Verdeck unserer Schiffe bestiegen und vollzieht in Gemeinschaft mit uns die Reise um die Welt und ihre Eroberung. Im Großen und Ganzen sind die Juden heute vorzüglich eine europäische Rasse: ihre Mehrzahl bewohnt Europa oder die europäischen Colonien, und in verschiedenen Gegenden Asiens und Afrikas sind die Juden ebensowie in Palästina, aus Europa z u g c z og e n und haben europäische Sprachen mitgebracht. Eins scheint festzuftehen: es hat nie so viele Inden gegeben, wie gegenwärtig. Fast überall ist die Zahl der Juden im Wachsen begriffen, und nicht nur ih.e absolute Zahl, sondern auch die relative im Verhältnis zu den Christen. Im östlichen Europa vermehrte sich die jüdische Bevölkerung infolge des Überschusses der Geburten über die Todesfälle, im westlichen, wie in Amerika, wächst die jüdische Bevölkerung durch die Einwanderung, durch den Zug von Osten nach Westen, von Ländern, wo sie zahlreicher sind, nach Ländern, wo ihre Zahl nicht so groß ist und Gesetz und Sitten ihnen mehr Freiheit bieten. Der Westen zieht sie mit einem doppelten Magneten an: durch seinen Reichthum und durch feine Freiheit. Der Schwerpunkt der Juden ist im ehemaligen Polen und den angrenzenden Ländern, Russland, Rumänien und Oesterreich-Ungarn, zu suchen. Im Jahre 1772 gaben die officiellen Volkszählungen für die gesammte jüdische Bevölkerung Polen'S und Litlhauen's 308.5000 Seelen an. Ein derzeitiger polnischer Schriftsteller glaubte, dass die Zahl der Juden sich in Wirklichkeit aus 450.000 belief. Heute sind die Nachkommen dieser 450.000 Juden 10 oder 15 mal zahlreicher, denn man kann ihre augenblicklich lebende Nachkommenschaft in den. drei Erbländern Polens auf nicht weniger als 5 oder 6 Millionen r *־״.