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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-04-11 · Heft 11 (11.4.1891) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 11 (11.4.1891)
Date
1891-04-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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wie sich selbst zu lieben, ohne Unterschied des Standes und ohne '-Unterschied der Religion. Unsere Schriftstelle sagt: Wenn die Völker alle diese Gesetze .hören werden, die Gesetze in ihrer Gesammtheit, die vorschreiben, wie sich der-Mensch zu seinem Schöpfer und/zu seinen Mit- ״menscken verhalten soll, so werden sie sagen: ein weises und verständiges Volk ist diese große Völkerschaft. Wenn sie auf ein Gesetz stoßen werden, dessen Zweck ihnen unerklärlich scheinen wird/ so werden sie doch nach der Gesammtheit der Gesetze schließen- Um wie. viel mehr/ ist der seiner Religion treue Israelit ver- .-Pflichtet, - wenn es sich um ein göttliches Gesetz handelt, seine beschränkte Einsicht der göttlichen, unbeschränkten Weisheit unterzuordnen und cs nach der traditionellen Lehre zu befolgen. Der Rabbiner, der in dieser Weise in seiner Gemeinde lehrt und leinen heiligen Beruf verwaltet, kann jede Zumuthunz, ineine andere, freiere Bahn einzulenken, mit Entschiedenheit zurück» weisen, da er noch mehr als Acabjah Edujoth V. 6. aufgefordert ist, die Worte zu gebrauchen: ,Besser ich werde ein Thor, ein Finsterling und sogar ein Heuchler all mein Lebenlanz genannt, als dass ich nur eine Stunde mich gegen Gott versündige.' Denn da handelt es sich um eine Tradition, die von keinem Lehrer in der Mischna oder im Talmud bezweifelt worden ist, während es sich dort um 4 Neligionsfragen handelte, die .Acabjah so entschied, wie er vermeinte, dass er.diese Entscheidung von den meisten Weisen überliefert erhalten zu haben glaubte, was die andern Weisen bestritt״». So wie der jüdische Philosoph Maimonides, der Verfasser des Norc Ecbochim, auch der Verfasser eines Codex über verbotene Speisen, darunter auch über Fleischspeise in Milch gekocht, -sein konnte, ohne inconsequent zu sein, so werden unsere׳ zu Docloren der Philosophie graduirten Rabbincn in seinen Fußlapfen wandeln, ohne befürchten zu müssen, als Finsterlinge ver-. schrieen zu werden, sie werden vielmehr sich gehoben fühlen, dass ssie ibrem beiligen Berufe treu Nachkommen. M. N. S. ׳ dass sie mich nicht mit einem einzigen Blick die schwer zu erklimmend e -Höhe Hinunterschleudern'. Madame Henriette schnellte so rasch, als ihre Wohlbeleibtheit -es gestattete, von ihrem Sitze empor, stemmte die Hände in die Hüsten, warf ihrem Manne, der verlegen die Augen niederschluz und mit einem Kaffeelöffelchen spielte, einen niederschmetternden Blick zu und!mit den. Worten: .,Du warst immer ein Trottel, ich werde die-Sache in die Hände nehmen und Dir zum Trotze durchführen I* stürmte sie keuchend aus dem Zimmer, dass die Bänder wild um ihren Nacken flatterten. . Herr Gelder schlug ängstlich die Augen auf, rückte seufzend dem Tische näher und, wie um seinen Kummer zu ertränken, leerte er den kaltgewordenen Kaffee. III. Im anstoßenden Zimmer saß der junge Isidor Golder, zerstreut in einem Buche blätternd. Mechanisch wendete er eine Seite nach der -andern um, denn seine Gedanken weilten nicht bei der Lectüre, sondern schweiften . in anderen Regionen. Endlich klappte er das Buch zu, erhob sich von seinem Sitze und fuhr sich mit der Hand durchs schwarze, lockige Haar. Er war von schlankem Wüchse, die Gesichtszüze unregelmäßig, aber ein unaussprechliches Etwas verlieh seiner Person ein sympathisches, gewinnendes Aussehen. Seine schwarzen Augen waren Won unergründlicher Tiefe, dass sie Jeden in den Bann ihrer Blicke zogen. Um seine Oberlippe, kräuselte sich ein Schnurbärtchen, und sein Kinn wurde von einem Knebelbarte beschattet. Sein blasser Teint und das schwarze Haar verliehen der Physiognomie einen südländischen Anstrich, dass der junge 24jährige Mann durch sein Kleine Chrmnk. Wien. (P red i g e r - Man nheimer » V e rei n.) Am 17. Oetober d. I. gelangen die Zinsen des Prediger-Mannheimer- Vereines zur Vertheilnng. Anspruch auf diese Unterstützung haben Rabbiner, Prediger und Lehrer in Oefterreich-Nngarn, welche dienstunfähig geworden sind, oder deren Witwen und Weisen. Die Bewerber müssen in einer.Gemeinde, welche mindestens 50 Mitglieder zählt, wenigstens durch zehn Jahre das Amt in würdiger Weise verwaltet haben. Beamte großer, notorisch reicher Gemeinden sind ausgeschlossen. Die Würdigkeit der betreffenden Beamten sowie die Dienstnnfähigkeit : sind nachzuweisen. Ungestempelte Gesuche sind längstens bis am 30. Juni d. I. an die israelitische Gemsindekanzlei in Wien unter der Adresse: ,Vorstand des Prediger . Mannheimer - Vereins* j« übersenden. ... Wien. In einem israelitischen Betlolale auf dem SalzgrieS wird der Gottesdienst nach polnisch-jüdischem Ritus abgehalten. Als nun Samstag am 31. Januar Abends das Minchagebet verrichtet und der Fischhändler Mendl Wolf zur Thora aufgerufen wurde, ereignete sich, ein Aergernis erregender Zwischenfall.-Der Hansirer Abraham Licht war etwas angeheitert in das Local eingetreten, und hörte eine Stelle der heiligen Schrift vorkesen, welche dahin gkeng, dass in jedem siebente« Jahre alle Diener ohne Lösegeld entlassen werden sollten, (iL^raschwiis jezeh lachofschi chinnom). Da rief Licht spöttisch; ,Nebbich, der Mendl Wolf hat kein Geld!'. Obwohl er von allen Seiten zur Ruhe gerufen wurde, wiederholte er dock diese Bemerkung, die ihm offenbar sehr gut gefiel, mehrmals im lauten Tone. Der Vorstand des Bet- Hauses. Jacob Gänger, ließ nun einen Wachmann kommen, welcher den Ruhestörer abführen wollte. Dieser weigerte sich zu gehen, wen» nicht Gänger sich gleichfalls entferne, und riss Letzteren an dem Bart. Erst nach einer peinlichen, lärmenden Scene gelang, cs, Abraham Licht auS dem Betlocale zu bringen. Montag den K. April war Licht wegen dieses Vorfalles vor einem Erkenntnisgerichte unter Vorsitz des Landesgerichtsrathes Gionkma des Ver» gehens gegen die Ruhe und Ordnung angeklagt. Der Angeklagte geberdete sich ganz verzweifelt und erklärte auf die Frage, ob er die Beeidigung des Belastungszeugen Gänger wünsche: Er ist ein starker Gegner, er wsll mir das Leben nehmen, er muff schwören;. ,Ihnen LaS Leben *SU! nehmen', * b-ünerkte hierauf der Präsident, »hat er noch keine Ver» änstaltungen getroffen.' Der Rabbinats-Assessor Herr MareuS Pollak gab die Auskunft, dass das BethauS auf dem SalzgrieS als kein nicht alltägliches Aeußere Jedem auffiel. Er besuchte die jüdische Faeultät und war bei seinen College» trotz seines zurückhaltenden Wesens sehr beliebt. Seinen Studien lag er mit Ernst und Fleiß ob, und von Natur begabt, besaß er nebst seinem Berufswissen eine allgemeine Bildung. Seit einer gewissen Zeit aber vollzog sich in feinem Innern eine Umwandlung. Seine Bücher kamen ihm trocken und monoton vor und er mied die Gesellschaft seiner Studiengenossen. Ein Gefühl» für welches er keine Benennung fand, nistete sich bei ihm ein, dass all seine Sinne von diesem unerklärlichen Etwas gefangen genommen wurden und von der stetig steigenden Allmacht dieser Empfindung beherrscht, für alles Andere wie abgestumpft erschienen. Wochenlang mochte dieser Gährungsproceß gewährt haben, ehe er zum Durchbruch kam. Dann freilich, als er wie aus einem schweren Traume erwachend, sich bei den Worten ,ich liebe' ertappte, da jubelte es in seinem Innern laut auf und die nebelhaften Umrisse wichen einer ausgeprägten Gestalt. Das Unbestimmte, Schattenhafte nahm concrete Formen an, und in ihrer blendenden Glorie erstrahlte ihm die Liebe. Die ihn umgebende Leere zerstob und der Raum wurde von dieser Allgewalt ausgefüllt, deren ausstromende Strahlen ihn magnetisch anzogen. Von diesem dominirenden Gefühle wurde Alles in den Hintergrund gedrängt,׳und überwältigt wie er war, wagte er es kaum, den Namen seiner Holden über seine Lippen zu bringen. Wir wollen aber so iudiscret sein, den Schleier seines Geheimnißcs zu lüften und den Namen seiner Angebeteten verrathen. Wir wollen auch für jetzt Herrn Isidor verlassen und den Gegenstand feiner wachen Träume, Fräulein Regina, aufsuchen.—

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