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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-04-11 · Heft 11 (11.4.1891) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 11 (11.4.1891)
Date
1891-04-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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ein Ohr, das Alles hört, und alle Deine Thaten werden eingeschrieben in ein Buch.' Vor sich selbst kann der Mensch sich retten durch flüchtige Momente der Täuschung, und vor der Welt : und ihrer strafenden Macht kann dich schützen deine List und, deine Lüge; aber ein Auge gibl's, das allsehend, ein Ohr, das allhörend ist. So merkl auf den Mahnruf des Psalmisten: .Werdet doch vernünftig ihr Albernen im Volke, ihr Thoren, wann kommt ihr zu Verstand! Er,.׳ der das Ohr gebildet, sollte nicht hören? Er, der das Auge gepflanzt, sollte nicht sehen?' (Ps. 94, 2.) Willst du eine That beginnen und vollführen, so schaue zuvor hinauf zum blauen Himmel, zu Gott und sprich : .Herr der Welt, das will ich Ihun, sei Du mein Zeuge! Kannst Du es dann noch immer Ihn» und ohne Gewissensbisse, so thue es getrost. Die That des Menschen verschwindet nicht spurlos, oben im Himmel gibt es kein Vergessen. Alles wird in daß große Buch eingeschrieben, dort verewigt sich Alles.' Rabbi Gamliel der Sohn des Fürsten Rabbi Jehuda pflegte zu sagen: .Schön ist das Lernen der Thora verbunden mit der Weltsitte, denn das Mühen um beide macht die Sünde vergessen. Und jedes Thorastudium, womit keine weltliche Beschäftigung verbunden ist, wird nutzlos und ziehet die Sünde nach sich' (Ab. 2, 2.) Dieser Spruch des Rabbi ist auch bedeutungsvoll für die Schuljugend. Thorastudium mit Weltsitte verbunden, das will mit anderen Worten so viel sagen, dass religiöse Erziehung in Verbindung mit zeitgemäßer Bildung zur Erlangung eines anständigen künftigen Berufes züsammenwirken müssen, die Zugend zu einem bewussten Ziele zu führen. Wir müssen jedem Theile unseres Doppelwesens Genüge leisten, dem Thierischen in uns, wie dem Engelhaften, dem Staube wie dem Geiste, der Erde wie dem Himmel. .Es ist gut, dass Du das Eine ergreifest, und vom Anderen nicht lassest, der wahre Gottesfürchtige hält überall die Mitte.' Koh. (7, 18.) Im flüsteren Mittelalter, wo der Zude von allen Menschenrechten ausgeschlossen war, verfolgt und unterdrückt wurde, alle Hörsäle der Wissenschaft für die strebsame jüdische Zugend unzugänglich waren, da war es wohl das Lhorastudium und die reichhaltige jüdische Litteratur, die den Geist frisch erhalten, und das sittliche Leben vor Versumpfung bewahrte. Der Zude konnte den Himmel gewinnen, aber die Freuden deS Lebens und die Entfaltung seiner Kräfte auf allen Gebieten des bürgerlichen Lebens und Strebens ward ihm versagt, an Weltsitte konnte und durfte der Zude sich nicht beiheiligen. Die heutige Zugend hat eine bessere Zeit erlebt, die bürgerliche Gleichberechtigung macht cs heute der israelitischen Zugend möglich, sich allfeitiS ausbildcn zu können, in Kunst, Wissenschaft, Handwerk, Industrie. Und wenn die israelitische Zugend auch der Thora, der ruhmvollen Geschichte unserer Väter, der Neligions- )and Sittenlehre Herz und Sinn znweudet, dann werden sich die Worte des Rabbi Gamliel bewähren und einen siegreichen Erfolg herbeiführen. w.r. (Fortsetzung folgt.) Antisemitische GSnnerschast. Es ist leider nicht zu verkennen, dass die österreichische Negierung der antisemitischen Bewegung von Anbeginn nicht mit jener Entschiedenheit entgegentrat, wie es die Rücksicht aus die Slaatsgrnndgesetze, die die Gleichheit aller Eonsessionen bcstimmen, verlangt hätte, und nur darum konnte diese Strömung so sehr an Ausdehnung gewinnen. Es wurde allgemein der Glaube erweckt, dass die.Zuden Staatsbürger zweiter Classe seien und dass auch die Negierung diesen Standpunkt einnehme. Auf welche Weise dies geschah, zeigt der Reichsrathsabgeordnete Dr. Heinrich Z a csN.e s mit folgender tressender Darstellung der gegenwärtigen Verhältniße:*) - Der verstorbene M. G. Saphir erzählte einmal in einer seiner humoristischen Vorlesungen — lange vor 1848 — von den Presszuständen im deutschen Reich. Aus seinen Reisen habe er in den deutschen Groß- und in fast allen Kleinstaaten die Presse geknebelt, die Censur in vollster Blüthe gesunden^ Nur in Bayern stand es besser; dort gabs keine Censur. Als er aber drauf und dran war, hierüber in Hellen Jubel auszubrechen, da sei er darauf aufmerksam gemacht worden, dass auch hier ein kleiner Ucbelstand obwalte: sämmtliche Schriftsteller waren nämlich eingesperrt. Liesl man den Artikel 3 des Staatsgrundgesetzss über die allgemeinen Rechte der Bürger: ,Die öffentlichen Aemlcr sind für alle Staatsbürger gleich zugänzlich', dazu den zweiten Satz des Artikes 14 ebenda: .Der Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte ist v o n dem G l a u b en s b ek e u n tu i ß e unabh ä n g i g', und erinnert sich dabei an die practische Handhabung dieser Normen, so muß man unwillkürlich meinen, wir hätten den bayrischen Presszuständen von Anno dazumal auch in unserer glänzenden constitNtionellen Aera nicht viel rorzuwerfen. Sehen wir uns zunächst einmal im Bereiche der öffentlichen Verwaltung um, so werden wir finden, dass wohl ein paar jüdische .Beamte' es bis zumMinisterialconcipisten oder bis zum Ministerial- Vicesecretär gebracht baden; wo aber das ,Vice' aufhörl, bört die semitische Aemtersäbizkeit nahezu auch aus; mehr als etwa einen Ministkrialsecretär oder Slkiionsrath, gar einen Hofrath, vollends einen Scklionsches uichtchristlichen Glaubensbekenntnißes wird in sämmllichen Zweigen unserer Verwaltung Niemand zu entdecken im Stande sein. Ganz dasselbe besteht nicht minder in der Justiz. Der Gerechtigkeitssinn des Grafen Schönborn Haft wenn wir recht berichtet sind, in den letzten Zähren einige Auskultanteu zu Adjunkien und Raihssecrelären befördert. Von da ab ist für den Nlchlcdristen wieder Alles verbarrikadirt; einen jüdischen Landesgerichls-, Ooerlandekgerichtsralh, Hofrath des Obersten Gerichtshofes hat ein cisleitdanisches Auge noch nie zu sehen bekommen; in Ungarn gibt es allerdings Ein semitisches Mitglied der königlichen Kurie. Es ist kaum ein paar Zahre her, dass der heutige Fil1att;minister Steinbach, bekanntlich ein sehr liebenswürdiger und sehr wohlwollender Mann, mir seine Freude darüber aus'prach. da>s ein hochbegabter richterlicher Aspirant jüdischer Confessio» sich endlich entschlossen habe, seinen Glauben zu wechseln; nun werde seiner Carrisre nichts mehr im Wege stehen. Man kann es. als selbstverständlich annebmen, dass in Betreff der Finanzprecuratur, des Venvallnngsgerichtshofes, dann des Reichsgerichtes, obgleich die Zusammensetzung des letzteren auf den Vorschlägen der beiden Häuser des Neichsrathes beruht, ganz dasselbe zu gelten bat. Und wenn man etwa meinen sollte, bei der Generalprocuratur könne sichs anders verhalten, weil da die Erinnerung bestehe, dass ihr glänzendster Vertreter, der frühere Justizminister Glaser, ein getaufter Zude gewesen ist, so wäre auch daß eine Illusion. Man ist offenbar der Ansicht, dass die Aemterfähigkeit des Semiten erst dann zu beginnen vermag, wenn er durch rechtzeitigen Confessionswechsel sich den Schein des ,Ariers' zu geben verstanden hat. Dass es sich in der Armee und Marine kaum anders verhält, werden wir wohl behaupten können, ohne uns mit der Hoffnung einer Widerlegung schmeicheln zu dürfen. Und was die. Schule betrifft, so hat die Schulnovelle von 1883 auch schon gehörig aufgeräumt^ und an der Universität Haft um nur Ein Beispiel anznsühren, *) ,N. W. Tgbl.' v. 10. April 1891.

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