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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-04-11 · Heft 11 (11.4.1891) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 11 (11.4.1891)
Date
1891-04-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische Cantaren - Zeitung. Central-Oigan ___ Prnnmncrnlions-Prcis. Kür Kantoren und ßuklusöeamte in Hesterreich-Zlngarn Kr die IntereWn der tymtmm Kedactio» und Admmistratioir Wien Ganzjährig . . ... . fl. 4.— 11 Halbjährig .... . fl. 2.— und Kuttusöeamte im Anstand und HulLusdeMlteil. II. Novaragasse Nr. 27. ß n ferate werden billigst berechnet. - . . . 8 Mark Rubel. E1: sitzri n L jeden zehnten Tag. Mannscripte werden nicht retournirt. י״ ^^WNZ'rivate und Institute lKanMhrig ..... fl. 6.— -- Abonnements- und Znserlions- Begründer: Obercantor Jacob Bauer. betrage stnd in Wien zahlbar. Nr. 11. Wien, 11. April 1891. 11. Jahrgang. Das Mojchol. Nach seiner Bedeutung und Anwendung in biblischen und nachbiblischen Schriften. XV. Der weise Hillel sagte: »Sorge ich nicht für mich, wer denn? Sorge ich blos für mich, was bin ich dann? Und gefchieht's nicht bald, wann denn?' (Ab. 1, 14.) Noch keines jener Luftschlösser, welches sich die leichtsinnige und unerfahrene Jugend erbaut, ist zur wirklichen Bedachung gelangt, so wie das bloße Vertrauen auf Gott, ohne die uns verliehenen Kräfte gehörig zu benützen, noch Niemanden gespeist hat. »Bete und arbeite', sagt die Moral, denn »sorgst Du nicht für Dich,- wer denn?' Dieser Nuf ergeht aber auch an die Schuljugend. Wohl können Kinder noch nicht für sich sorgen, es fehlt ihnen die Körper- und Geisteskraft dazu, die Mittel und die Befähigung, für sie müssen Andere sorgen, die Eltern oder deren Stellvertreter. Und doch fällt auch der Jugend schon die Aufgabe zu, insofern für sich zu sorgen, dass sie ihre Jugendzeit nützlich anwendet, durch Wille, Fleiß und Ausdauer sich Kenntniße und Fähigkeiten zu erwerben, sich später einem anständigen Beruf widmen zu können. Diese Sorge für sich ist Aufgabe eines jeden Kindes. Und gerade der Jugend wird mit Recht zugerufen: »Wenn nicht jetzt, wann denn?' In der Frühlingszeit muß man säen, um im Sommer und Herbste ernten Zu können. Die Frühlingszeit, ist die Jugend, der Samen der Tugend und Wissenschaft wird durch die Eltern und Lehrer in Herz und Geist der Jugend gelegt, damit dieser Samen später, wenu er Wurzel fasst, zur Blüte gelangt und zur Frucht reift, das hängt von der Jugend selbst ab. Thau und Sonnenschein ziehen die Saaten.groß, aber Pflugschar und Sichel musst Du selbst führen; das gilt in der äußern und gewiss ,auch in der innern Welt. Und so wie Andere für die hilfbedürftige Jugend sorgen, so muß wieder diese, wenn sie groß und selbständig.wird, für Andere sorgen, darin besteht die Grundlage der menschlichen :Gesellschaft und ihr Bestand. י - Simon, der Sohn Gamliels, sagte: .Unter Weisen bin ich ^ausgewachsen und habe für den Erdensohn Nichts zuträglicher ^gefunden, als das Schweigen.. Das ^Lernen I ist . nicht , die Hauptsache, sondern das Handeln. .Wer viel redet, veranlasst Fehler.' (Ab. 1,17.) Das vorlaute Betragen so Mancher unter der heutigen Jugend, ihre kühnen Anmaßungen bei Gegenständen, die ihnen ganz fremd sind, die ihre Geisteskraft überragen, ihr ׳ leichtsinniges Urtheil über Dinge, die sie nicht recht begreifen» ihre üeberhebung und Ueberschätzung gegenüber erfahrnngsreichen und berufenen Männern, ist ein tief in der Richtung der Sitten haftendes Gebrechen, welchem nur dadurch vorgebeugt ^werden kann. so unserer zartesten Jugend allseitig ein geregelter, schulgerechter Unterricht, nicht nur in der profanen Wissenschaft, sondern auch in der biblischen Geschichte, Religions- und Sitten» lehre ausreichend zu Theil wird; die Gewöhnung an Ordnung und stillen Gehorsam, bescheidenes Benehmen und anständiges Betragen muß den Kindern frühzeitig eingeimpfl werden, dass es ihnen zur Gewohnheit und Natur wird. »Unter Weisen bin ich aufgewachsen', spricht Rabbi Simon, »nicht fremd blieben mir die hohen Lehren derselben, nicht unbekannt mit den Sitten, Meinungen und Charakteren der Großen, aber die strenge Schulzncht echter Weisen lehrte mich, als die entsprechendste, schönste Zierde der Weisheit ein bescheidenes, stilles, lernbegieriges Betragen anzuerkennen.' »Ich bin all mein Lebtage groß geworden unter Weisen, habe der Sprache Wert erkenrlen gelernt, und ihre Bestimmung gebrauchen gesehen; aber dennoch habe ich für menschliche Wesen nichts Besseres gefunden, als Schweigen, das heißt bescheiden und nicht vorlaut sein.' So lehrt der weise Rabbi, und die Jugend möge diese Lehre besonders beherzigen. »Bedenke drei Dinge und Du wirst nie in die Gewalt der Sünde kommen. Wiste, was über Dir ist: ein Auge, das Alles sieht, ein Ohr, das Alles hört, und Deine Thaten alle werden in ein Buch eingetragen.' (Ab. 2, 1.) Es lautet ein Spruch: »Jugend hat keine Tugend', das ist gewiss kein Lob, sondern ein harter Tadel. Gerade die Jugend, ein Bild der Unschuld, gerade da soll die Tugend ihren Stammsitz haben, so weit sie bei der Jugendgedacht und geübt werden kann. Nur die leichtsinnige, ungezogene, verwahrloste Jugend hat keine Tugend. Wohl sagt die heilige -Schrift: »Der Trieb des menschlichen Herzens ist böse schon in frühester Jugendzeit.' Aber es gibt einen Rettungsanker, der auch der Jugend, wenn sie zum Bösen gereizt wird, gute Dienste leistet. »Bedenke, dass über Dir ist ein allsehendes Auge, wie

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