Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 10 (1.4.1891)
- Date
- 1891-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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© LaS Dasein. Und das in einem Rechtsstaaten Welcher Hohn! Und das Don Seite Angehöriger des Christenthums, Vesten höchstes Princip allgemeine und ausnahmslose Liebe ist. Welcher Widerspruch, welche Schande! Wahrhaftig ich schäme mich für meine Standesgenosten, die, ganz verblendet, das Verabscheuungswürdige des Antisemitismus nicht einsehen— nicht einsehen wollen. Zn Betreff der wirklich antisemitischen Geistlichen wette ich Tausend gegen Eins, dass Keiner derselben die Schriften und Urheber und Träger des derzeitigen Antisemitismus — eines Dühring, Fritsch u. s. w. — je gesehen, geschweige gelesen oder studirt hat. Wer diese Schriften gelesen, muß stch als Christ und noch mehr als Priester mit Abscheu von dem Antisemitismus abwenden. Aber eben weil die antisemitischen Geistlichen die Sache nicht studirt, schreien sie umso lauter. — ״Faeile pronuntiat, qui pauca considerat." Sie toben über die Köpfe ihrer legitimen geistlichen Oberen hin, die diesen Phraseologen viel zu wenig energisch und ,entschieden' sind. Ich habe als vieljähriger'Vorstand des katholischen Gesellen- Vereines oft und viel mit dem derzeitigen Wiener Oberhirten Dr. Gruscha verkehrt, ich habe — in Wahrheit gesagt — niemals in mein׳,» Leben einen wohlmeinenderen, selbstloseren und edleren Menschenfreund kennen gelernt, aber auch dieser grundedle Manu wird von Ihren sauberen Antisemiten mit Gift und Galle bespritzt. Manche autisemiti'chen Kleriker meinen noch dazu, dass sie bona fide mitschreien. Sie identistziren Antisemitismus mit Korruptionismus n ild sind fest überzeugt, dass alle und jede Korruption nur von den Juden helstamme. Als wenn die i Christen an der Korruption sich minder betheiligten als die Zuden! Wäre die Scham mit der Unwiffenheit ebenso verknüpft, wie mit der Unsittlichkeit, so müsste mancher der geistlichen Schreier über und über rolh erscheinen. Sie fragen: ,Wird denn das grausige Treiben nicht bald enden?" Bei energischem Einschreiten der Staats- und Kirchengcwalt muß der Antisemitismus bald von der Bildstäche verschwinden. Verschwinden muß er über) anpt, weil er nicht aus das Prinzip der Gerechtigkeit, sondern des Unrechtes, ^>er Lüge und Uebertreibun'g basirt ist. Ob bald, ist fraglich. Er ist Mode, Leidenschaft und Deckmantel. Waza. Herr Obercantor Zeremias Mandl hat nach dreißig׳ Jähriger ausgezeichneter Amlsthätigkcit in der hiesigen Gemeinde aus Gesundheitsrücksichten seine Entlaffung cingereicht. Dem aus dem Amte, Scheidenden wurde eine Pension von 500 st. bewilligt und durch eine Deputation derGemeinder epräfentanz,deren SprecherHerrDr. L em berger war, eine Adreffe überleicht, in welcher in rühmender und anerkennender Weise der Wirksamkeit des hochverdienten Beamten gedacht wird. (Den Wortlaut der Adreffe, sowie die rührenden Dankesworte, die Obercantor Mandl an die Ueberbringer derselben richtete, werden wir in 'nächster Nummer veröffentlichen. D. Ned.) Am 24. Mai wird das- Chorpersonal von seinem Meister Abschied nehmen. Der Beamtenkorper hat dies bereits am 24. März gethan. J. B. Schtangendorf. Wie den Lesern dieses Blattes bekannt ist, feierte der hochgeschätzte Cantor und Lehrer, Herr M- Tintner in Bunzlau, am 20. März I. sein 25jähriges Amtsjubiläum und zugleich das Fest der silbernen Hochzeit. Welche Hochachtung und Verehrung dem Jubilar von den weitesten Kreisen und besonders vonseiner Gemeinde entgegengebracht wird, davon zeugt dieses Jubelfeste Da ich als Freund des Hauses und aufrichtiger Verehrer des Jubel- Paares bei diesem Feste zugegen war, so sei eS mir gestattet, den Verlaus desselben zu schildern: Am Morgen des Tages brachte die Neligionsschnle ikre Wünsche dem Jubelpaare dar. Dieselbe übergab ein kostbares Angebinde. Später erschienen alle Gemeindemitgljeder nebst dem Vorstände. Der Vorsitzende der Gemeinde hielt eine den Jubilar sehr ebrende Ansprache, worauf Herr Tintner in bewegten Worten dankte. Die Gemeinde überreichte eine Ehrengabe, die wohl nur wenigen Cnltnsbeamten dargereicht werden dürfte. Von Nah und Fern, nicht blos ans Deutschland, sondern auch vom Auslande liefen zahllose Glückwünsche und Telegramme ein. Autoritäten ans dem Gebiete der Kunst und der Wissenschaft unterließen es nicht, das Jubelpaar durch Glückwünsche, Telegramme und Widmungen zu erfreuen, und auch zugleich zu ehren. Der Bürgermeister der hiesigen Stadt, die Versitzenden der hiesigen Kaufmannschaft, Synagogenvorstäude vieler Gemeinden rc., sandten Glückwünsche. Am Nachmittage erschien, der Frauen-Verrin, welcher eine sehr sinnige Liebesgabe überreichte. Von allen Seiten liefen Ehrengaben ein. Auch die duftenden Kinder der Flora fehlten nicht. Am Abend versammelte sich die Gemeinde im Tempel zum Gottesdienste. Um denselben hat sich der Jubilar während seiner hiesigen Amtstbäligkeit b>sondere Veidienste erworben. Er hat ihn zueinem würdigen, Herz und Grmülh erhebenden gestaltet. Es ist ein- Gottesdienst, bei welchem die Gemeinde sich nicht passiv verhall, wie etwa im Opernhaus, um nur einen Ohrenschmaus zu haben, sondern sie nimmt in windiger Weise am Gemeindegesang, der von Orgel und Chor begleitet wird, Theil. Es ist ein erhebender, echt jüdischer Gottesdienst, der aber das deutsche Gebet und deutsche Wort nicht ansschließt. Nach dem üblichen deutsch!» Sabbath-Weihegebete dankte der Jubilar in bewegten und zu Herzen gehenden Worten für die an dem Tage׳ dargebrachten Z ichen der Hochachtung und Verehlung und für das Zweites Lapitel. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, mit ihren Strahlen die Kupferzinnen der Kirchen vergoldend. In den Straßen der Provinze Hauptstadt herrschte schon ein reges Leben; Jeder eilte an sein Tagewerks dass die Paffanten an einander anstoßend und wie von einer unsichtbaren Triebfeder gedrängt, weiter rannte», ohne sich durch etwas aufhaltcn zu lasten. In einer der neueren Straßen zwischen dem eigentlichen Judenviertel und der ruucrn Stadt erhob sich ein ziemlich schönes, zweistöckiges Gebäude, an welchem zwei Balkens angebracht waren. Dadurch stach selbes von seinen Nachbarn ab, sonst war es im alltäglichen Style eines Zinshauses erbaut. Die ganze Gaffe, welche erst. frisch cmporgeschofftn, wollte eigentlich zu ihrer Umgebung gar nicht paffen. Nichtiger gesagt, war cs keine Straße, sondern eine lange Häuserreihe, denn gegenüber dehnten sich noch Bauplätze aus, von verfallenen Planken zunzäuut. ... Vom Balkon des erwähnten Hauses gieng die Aussicht aus das Häusermeer des Judenquartiers, während nach rückwärts ebenfalls durch Bauparzellen, wie durch eine neutrale Zone getrennt, die alten Häusercomp!eye mit ihren Monumentalbauten begannen. Hier hatte das Capital als Parvenü sein Lager aufgeschlagen, aus seine Wiegenstätte.das Judenviertel, einerseits mit Stolz herabblickend und andrerseits mit Servilimus mach der innern Stadt schielend, um dort als ebenbürtig ausgenommen zu werden. Ist erst das leere Territorium ausgebaut, reiht sich ein HauS aus andere, dann schwindet auch der Uebergaugspunkt, die Macht der Assimilation macht auch hier ihr Recht geltend und der Kastengeist der ״Straßeuaristokratie" verliert sich. — Vorläufig aber bildet unsere Gaffe ein Zwiscbending,. die Eindrücke des Ghettos sind noch nicht abgestreift, denn eine kurze Spanne Zeit ist erst verstrichen, seit die gewaltigen politnchen Ereigniße dessen Thore sprengten. Man will sich aber den Anschein geben, als hätte man immer nur diese Lust eingeathmet, und jede Neminiscenz verursacht ein verlegenes Elrölheu. Dem Scheinsortschritte wird gehuldigt, Jeder will-- dem Zeitgeiste Rechnung tragen, die lauge polnische Tracht weicht dem kurzen französischen Nocke, ist mau aber im Kreise der Seinen, dann treibt der Jargon seine üppigen Blüthen. ' " ׳ ■ Da wir schon die Topographie und Physiognomie der Gasse kennen, wollen wir auch mit einigen Bewohnern derselben bekannt werden. Wir betreten das mehrfach erwähnte balkonverzierte Haus, steigen die Treppe hinan und ein Meffingschildchen mit der Ansschrist .״Moritz Golder, Geschäftsmann" blinkt uns entgegen. Wir beschreiteu die frisch tapezirte, mit Comfort möblirte Wohnung, und ein Laufteppich führt-uns direct in das Zimmer, in welchem Herr Gelder in Gesellschaft s.iner Gemahlin Henriette das Frühstück einnimmt. Unser Negociant ist ein Mann in den 50er Jahren von mittlerer' Statur. Sein volles, rundes Gesicht wird von einer niederu Stirnbegrrnzt und das Kinn von einem spärlichen, spitz auslaufenden Barte eingefasst. Der Blick seiner Augen hat etwas Unsicheres. Er scheint sich jetzt in einer gewissen Affection zu befinden, denn seine beringten Finger׳ schieben mürrisch die Caffeetaffe aus die Tischplatte zurück. (Fortsetzung folgt.)