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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-04-01 · Heft 10 (1.4.1891) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 10 (1.4.1891)
Date
1891-04-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Das melodische Lesen -er Bibel und des Talmud. Zu der Controverse des Herrn I. P.׳ ge-gett Herrn Dr. ׳Grünwald über einen Ansspruch des N. Akiba in Sctnhedriw 99a, ru Nr. 9 Ihres geschätzten Blattes, erlaube ich mir Folgendes zu bemerken: Der Schulrcctor in Nahardea, Mar Samuel, dem wir Diele sLätzenswerthe Sentenzen über Erziehung und Unterricht verdanken, ermahnte seinen Schüler Naw Zebuda, beim Studium von Bibel und Mischua .den Mund zu öffnen' und mit m5 nehmbarer Stimme die Worte auszusprechen. Die Mahnung Enüpfte sich an die Erzählung von einem Schüler des N. Elieser, der gewohnt war, sein Pensum in Gedanken zu durchlaufen und in drei Zähren das Erlernte vergessen hatte. (Ernbin 54 a.) Zn Nabba zu Nizabim wird derselbe Fall wieder erzählt, doch heißt es dort, dass der Schüler in Folge einer Krankheit das Gelernte vergessen habe. Der Midrasch fährt dann fort: Was war Schuld? der Umstand, dass er beim Lernen nicht mit seinem Munde laut gesprochen hatte. Man hielt also methodisch das laute Lernen für angemessen 'und uothwendig und stellte den pädagogischen Grundsatz aus, dass ein solches für die Stärkung des Grdächtnißes unentbehrlich, sedenfalls aber zuträglicher sei, als der stille, weshalb N. Ami -es geradezu als Mittel für die dauernde Festhaltunz des Gelernten «mpsiehlt. (Erubin a. a. 0.) Z n dieser Erkenntnis fand mau sich veranlasst, anzu ordnen, dass Bibel und Mischua in singendem Tone gelehrt und gelernt werden, und im Namen des N. Zochanan, eines Zeitgenossen des Mar Samuel, wird dieser Bestimmung mit der Verwarnung Nachdruck gegeben: Wer Bibel und Mischua ohne Melodie lernt, hat,vortbeilhafte Bestimmungen' anher Acht gelassen und wird den Mangel an Erfolgen sich selbst zuzuschreiben haben (Megilla Ende.) Sachgemäß erklären die l'osakot, dass ' die Melodie, welche das laute Aniprerben des gesungenen Textes bedingt, als pädagogisches Mittel galt, das Gelernte dem Gedächtniße einzuprägen. - ׳ Neben diesem lauten Lernen empfehlen der Talmud und die Pädagogik noch ein zweites für die Stärkung der Gedächtniskraft,! nämlich die öftere Wiederholung des Gelernten. Schon die alten I Römer haben gesagt: repetitto 68t mater studiomm. Bekannt ist das Beispiel des N. Cbija bar Abba, der es sich nicht verdrießen lieh, mit seinem Kinde täglich daS vorherige Tagespensum zu wiederholen (Kidduschin 30 a), und in Nabba zu Kohelot 2, 15 heißt es, ein Talmud Chacbam kann nur der sein, der das Gelernte fortwährend wiederholt. Wenn nun Beides, das laute Lernen und die öftere Wiederholung, gewissenhaft in Anwendung gebracht wird, dann wiid der Erfolg nicht ausbleiben, und wenn gar noch jenes in der Melodie zum Ansdrucke gelaugt, dann muß der Erfolg um so günstiger sein. Denn die Erfahrung lehrt, dass das Lied, das öfter gesungen wird, besser im Gedächtniße bleibt, als dessen bloßer Text, der ebenso oft gesagt worden ist. Diese beiden pädagogischen Grundsätze, welche nachmalig allgemeine Geltung erlangten, haben nun schon im ersten Jahrhundert in der Person des N. Akiba ihren Vertreter gesunden. Der Hergang war dieser: N. Zoiua b. Karcha empfiehlt die Wiederholung des Gelernten und vergleicht den Schüler, der nicht wiederholt, zu einem Ackersmanne, der da säet und nicht erntet; dann sagt N. Zosua (b. Cbananja): wer Tbora gelernt und sie wieder vergisst, gleicht einer Frau, die Kinder gebärt und wieder begräbt, worauf N. Akiba im scharfen Ausblicke auf pädagogische Norhwendigkeiten nicht blos die Wiederholung des Gelernten, sondern auch die nachmalig von Mar Samul und int. Namen des N. Zochanan empfohlenen Mittel zur Stärkung des Gedächtnißes erforderlich findet und seine Anschauung in die Sentenz kleidet: das Lied, das alle Tage gesungen wird, bleibt als Lied alle Tage im Gedächtniße. Er bat den singenden Ton und die Wiederholung als notbwendig gepredigt. Der prächtig gewählte^ Ausdruck Semer bechol jom, Seiner bechol jom ist sicherlich Zwei Jamilirn. Eine galizische Erzählung von S. H o r o w i ($; (Nachdruck verboten.). ־ Erstes Eapitel. ' Der Monat August nahte seinem Ende. Die Tageshitze begann dem Schalten der Nacht zu weichen, und die schwüle Atmosphäre wurde, von einem frischen Lusthauche abgekühlt. Purpurn gieng die Sonne im Westen unter, dass die grünen Matten, vom eiquickeuden Abeudthaue benetzt und von der Farbenpracht der Dämmerung wie umrahmt, ein bezauberndes Panorama boten. Zu der Ferne ertönt das Geklingel der heimkehrendm Heerden, von den Schalmeien drr Hirten begleitet. Der über Steiugeröll sich ergießende Sturzbach spiegelte seine Fluthcn im Abendroth, dass die Schaumperleu buntfarbig glitzerten. ׳Die obstbeladenen Bäume neigten ihre Kronen wie zum Abendgruß, die Blätter rauschten, und die Sänger der Lust, von Ast zu Ast hüpfend, zwitscherten ihre Abendlieder. Das frisch gemähte Heu erfüllte die Luft mit Wohlgerüchen, auf den grünen, von der Natur bereiteten Teppichen tummelte sich die Dorfjugeud um- Der, indess die ältere Generation, vor ihre» Hütten auf langen Bänken sitzend und plaudernd, vom Tagewerke ausruhte. Ein Ausdruck der Zufriedenheit prägte sich auf ihren Gesichtern aus, denn die Ernte war ׳eine reiche und die Scheunett konnten kaum den Ertrag des Bodens fassen. Aus der uahgelegetien Stadt dringt, durch die Eutfernuttg gedämpft, der Straßeulärm, hierin dieser ftierlichstillen Idylle ersterbend. Die Umrisie des Häufermeeres von den rothen Tinten begossen,! verleihen der Landschaft einen pitioresken Anstrich, indess die ehernen Kirchthurmglocken wellenförmig im Aether vibrirten. -Am Firmament beginnen die Sterne zu glitzern, die Mondsichel entsendet ihr noch schwaches Lichi, und Alles athmet von duftender Frische. Hie und da ertönen die lustigen Weisen einer Harmonika, von einem schmucken Bauernburjchen, zu Ehren einer Dorfschönheit dem Instrumente entlockt, indess die dralle Maid wie verschämt die Blicke senkt ... Etwas abseits von den unregelmäßigen Ziethen der Bauernhütten erhebt sich ein einst stattlich'gewesenes, einstöckiges Hans mit Dachziegeln bedeckt. Eine morsche Mauer und verwahrloste Wirthschaftsgebäude um« schließen einen geräumigen Hofrautn in dessen Mitte sich ein Brunnen befindet, von den verzweigten Aestetl zweier alter Tannenbäume umschattet. Hinter der moosbewachsenen Umfassungsmauer erstreckt sich ein kleines dichtes Gehölz, während vorne unweit dem Hauptportale eine Altane zum Ausruhen einladet. Das Ganze scheint bessere Tage gesehen zu haben, aber nun dem Verfalle entgegen zu gehen. Während ringsum Alles sich verjüngt und frische Knospen treibend an Boden gewinnt, sinkt dieser alte Gebäudecomplcx in sich zusammen, melancholisch auf die Emporkömmlinge herabschauend. Mit den Insassen dieses ehemaligen Herrensitzes wollen wir eine Bekanntschaft ankliüpfen und treten zu diesem Behufe in das in seinen Äugeln wettgeöffnete Thor ein. Dröhnend erhallen unsere Schritte auf den Steiuflieseu, wir schreiten die Treppe empor, und ein Echo tont uns von den hohen Wölbungen der Corridore entgegen. Durch eine nur augelehnte Thür dringt ein Lichtstreifen, und diesem folgend, besinden wir uns in der Wohnung des Hausherrn.

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