Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 10 (1.4.1891)
- Date
- 1891-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 -ergeben — und, wie wir es wünschen — zu unseren Gunsten Erledigung finden. Jedenfalls ist es hoch an der Zeit, das unberechtigte Mißtrauen aufzugeben, die partiknlaristischen Interessen denen des Ganzen zu unterordnen und mit vereinten Kräften dabin zu wirken, dass der nngarisch--jüdischen Confession alle jene Rechte werden, die ibr nach dem Sinne der Gleichberechtigung gebühren. ״Oaveaut consules“ müssen wir jetzt, an der Schwelle der Bewegung ansrufen. Es bandelt sich um unser und unserer Kinder Wohl, und für dieses ist wohl kein Opfer zu groß. Reflexionen. Von M. Tintner, C-antor und Lehrer, Bunzlau, Prruß.-Schlesien. II. Bon der misslichen Lage, in der wir uns befinden, erzähl^ uns allwöchentlich unser ,Fachblatt.'' Ost wünsche ich, da!s das^ selbe allen jüdischen Männern und Franc» zu Gesicht gelange damit auch diese von all' unseren Calamitäten unterrichtet würden. Zuweilen jedoch ergehen sich die Herren College» in dem Glück der Vergangenheit, sie rühmen mit Wehmuth die Tage der Kindheit und ziehen die Parallele zwischen dem, was früher war,- und dem, was jetzt ist. Es gab wahrlich für den jüdischen Cultusbeamten niemals ein Eldorado, wie uns die Chronik so mancher Gemeinde erzählt. Wenn auch unsere Bestrebungen und Ziele ideale sind, so dürfen wir trotzdem die materiellen Bedürfnisfragen nicht außer Acht lassen. Blicken wir nur auf die Rückseite unserer Zeitungen und es werden uns bald die Angen auf- und übergehen. Ein älterer College traf mich einst beim Lesen der Zeitung, respective der Vacanzenliste. Scherzend bemerkte der alte Prakticus: ,So lange Sie mit der Rückseite der Zeitung beginnen, sind Sie nicht in Ihrer Stellung zufrieden.' Der Mann hatte Recht! — Der Seminarist einer Lehrer- und Cantoren-Bildungsanstalt bedarf beinahe fünf Jahre, bevor er zum Examen zugelassen wird. Endlich sollen sich nun dem jungen Manne die Ideale realisiren, die ihm vorschwebten, aber wo eine Gemeinde finden, die ihm einigermaßen ein Acquivalent für sein Wissen und Können, für die Entbehrungen und Widerwärtigkeiten, die er bisher erdulden musste, bietet? Es ist doch eine unleugbare Thatsache, dass unser Beruf an Ueberfüllung leidet, und das ist ein bedenklicher Zustand. Mit großem Vertrauen treten die angehenden Lehrer und Cantoren, ausgestattet mit einem Bildungsschatz in das Berufsleben, um mit dieser Bildung und all' den Idealen den Kampf um'S Dasein aufzunehmen. Leider sehen sich die meisten als ,überflüssig', denn die Zahl der Gemeinden und der Schulen wird nicht größer, ihre Verhältniße nicht wohlhabender — und manche tüchtige Kraft scheitert ohne Verschulden. Sehen wir uns dieAnnoncen näher an! ,EinElementar- und Religionslehrer, guter Cantor, Schochct und Bal Kore, Bal Tokea wird bei einem Einkommen von 725 Mark, 35 Pfennige gesucht. Ein Mohel wird bevorzugt, u. s. w.' Ein Scandal! ruft jeder vernünftige Mensch aus, und unsere Augenbrauen ziehen sich ärgerlich zusammen. Jeder Eckensteher würde mit Entrüstung ein solches Anerbieten verächtlich von sich werfen. Diese Ansprüche, diese Zersplitterung der Kräfte, und was für Gehälter — und doch Bewerber in Menge! Mitten in den Sorgen und Stürmen des materillen Lebens hascht oft mancher College nach einem Strohhalm, und doch prüfen die Vornehmen in Israel nicht von Fall zu Fall mit fühlenden Herzen. Wo bleibt uns noch das hehre Wort, das wir von Monat zu Monat begeistert ausrufen: מ Chawerim koi Jisroel!“ Neulich las ich nachstehendes Inserat: ,Ein musikalisch gebildeter-Cantor, auch geprüpster Lehrer, nicht über 35 Jahre alt, mit kleiner Familie wird bei einem Einkommen von 2350 Mark in unserer Gemeinde gesucht. Neisespescn erhält nur der Gewählte.' x. Der Mensch bat auf Erden keinen größeren Verfolger als fick selbst. Kein anderer Mensch kann uns so viel Schmerzen znfügen, als wir uns selbst durch unser Tbun. Hoffnungsvoll haben circa 50 Bewerber ihre Federn ergriffen und alles Mögliche ausgeboten, um ihr Wissen und Können klarzulegen. Förmliche Jagden wurden abgehalten Und die armen Cantoren rafften den letzten Groschen zusammen, um der Einladung zu einem Probevortrage Folge zu leisten — damit will ich durchaus nicht gesagt haben, dass wir unseren Zustand nicht verbessern sollen, wenn wir es auf eine anständige Weise können — aber nur unter dieser Bedingung — mit eitlen Hoffnungen und leeren Taschen kehrten die Bewerber heim und erhielten ihre Papiere mit der amtlichen Bemerkung, dass ein .Opernsänger' (?) zum Obercantor gewählt wurde. (8r6ü!) Und dabei kostet es Mühe, das Standesbewnsstsein bei Vielen zu wecken, dais eine Besserung auch unserer socialen Lage herbeigesührt werde. Jeder Mensch ist verpstichtet, für sein Wohl und für seine Zukunft zu sorgen, um Mißgeschicken zu entgehen- Nur der jüdische Cultusbeamte bleibt müssig im Drange der Zeit, welche nie ,Vorwärts" zuruft. Kein Sporn treibt ihn an, ein glücklicheres Dasein zu erzielen. Den College» in großen Gemeinden erwächst eine moralische Verpstichtnng, dafür zu sorgen, dass diesen Uebelständen gesteuert wird, ja eine Ehrenschuld haben dieselben an uns abzutragen, und Schulter an Schulter müssen sie mit uns kämpfen, bis unsere gerechten Klagen berücksichtigt werden und die Gemeinden eine alte Schuld an den Cantor und Lehrer abtragen. So nur werden die mnudtodten College» im Kampfe ums tägliche. Brot aufrecht stehen bleiben. Wir haben es oft erfahren, dass weder Routine im Amte, noch fachmännische Bildung und Leistung oder vorzügliche Atteste diese Uebelstände zu verdrängen vermögen. Der Cantor darf nicht auf allerlei unzeitgemäße Verpflichtungen eingehen. besonders l nicht auf das schreckliche Wort ,Contract' mit Kündigungsfrist. Gar mancher vorzügliche College weiß neben seinen vielen Liedern das traurigste aller Lieder, welches noch mehr ergreift als die ,Jeremiaden' — das Lied der ,Entlassung" zu singen. Die Cnltusbeamtenehre sollte sich jeder bestreben hoch zu halten; doch gibt es aber leider Berufsgen offen unter uns, welche da meinen, dass Klagen nicht angebracht erscheinen. Solche Leute verstehen eben nickt, die Würde ihres Amtes zu schätzen, und verdienen kein besseres Loos, sie bleiben ein Näthsel in der Culturgeschichte. Ein Jammer ist cs, dass alte und alternde Beamten den Bettelstab ergreifen müssen, um nicht am Hunzertuche zu nagen. Ein Weheruf für Alle, die bei recht vieler Arbeit und geringem Einkommen sich kümmerlich durchs Leben schlugen und nun Alt, von den Gemeinden entlassen werden. Eine ausgedrückte Citrone, die weggeworfen wird. Da sitzt der Hacken! Das Damokles-Schwert hängt über seinem Haupte mit dem Motto: ,Drei Monate Kündigungsfrist." Der junge Cantor erhält noch Stelle, der alte hat keinen Anspruch, und demüthig und wehmüthig zieht er von der liebgewonnenen Heimath, wo die Wiege seiner Kinder stand, wo er mit Liebe und Aufopferung seinem Berufe lebte und die beste Zeit seines Mannesalters für ein dürftiges Einkommen hingab. Sollte Niemand ein Herz für den bedauernswürdigen Cantor haben? (Fortsetzung folgt.)