Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 10 (1.4.1891)
- Date
- 1891-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nun hieß es, in die neugeschaffene Situation System zu bringen. Ein schweres Stück Arbeit, da Ungarn ja bisher nur rin ,Schemen' gewesen, ein politischer Begriff ohne Leib und Leben. Und wieder war es Franz Deäk, der den Negiernngsmännern in der Leitung der Geschicke des neuerstaudenen Staates zur Seite stand und dem ungarischen Landtag Geist und Weisheit einhauchte. Au der Spitze der culturellen und confessionellen Ange legenheiten befand sich damals das weitausblickende Genie eines Baron Joses v. Eötvös, dcffen Geist und Herz — zwei Altäre der Menschheit —für alles Schöne und Gute durchglüht, nur Begeisterung zu erwecken bestrebt waren. Auch die jüdischen Fragen sollten ihre Behandlung studeu. Eötvös war ein zu großer Menschenfreund, ein zu reeller Charakter, als dass er es ruhig hätte mitansehen können, wie erbärmlich elend sich das jüdilche Gemeintewesen von Tag zu Tag Hinschleppe. Wohl gab's bei der Grundlegung zum festen Aufbau eines nationalen Ungarns un׳ Hemeiu viel zu thun, denn Nichts war da, und Alles wollte die Nation haben, doch Eötvös fand trotzdem Gelegenheit, auch der 600,000 Juden zu gedenken, die auf ihn blickten, Hilfe und Sckutz erwartend. Und Eötvös that, was er thun konnte. Vor Äll.m glaubte er den jüdischen Jnteresstn damit zu dienen, dass er Gelegenheit bot, diese durch die Jntcressenlen selbst beralhen zu lasse». Auf dem jüdischen Landekcongreß sollten jene Mittel und Wege gefunden werden, die der jüdischen Coufesfion in Ungarn ein ׳־■oj«€v Da׳ein ermöglichen würden. L ider baue» aber die Juden sich selber den Weg ins .Gtvbie Land' versperrt. Die begeisterten Fortschrittsmänner woll e« o> wen .vorwärtsV die Anderen, die sogenannten Orlho- Lex >. di׳ w! L r viieveu aut dem Uerilen Fels starrer Negation f,«., b.ittlu u1,d waren um kernen Preis der W!׳lt aus ihrer piadip rr »l׳,n Lrtuarro» zu bringen. War bis zum Congreß für das jud iae r^emel,!dewesen doch die Hoffnun-t vorhanden, dass es v-lter n׳־;fn1 urüsfe, to blieb nach dem Congreß auch diese »um m r. Ein höllischer Dämon spaltete satt alle jüdischen Gern lndei!11 ohnmächtige Fiaktioncn — neologe und orthodoxe — die |i! > .. aeg »׳e tig mit unbarmherzige! Nncksicktslofigkeit bcfehte n u d>—!!׳adas betrübendlte an der Sache war — selbst die L> deS'i tle» i»! Parteilichkeit hera'izieben wollten. Du:a t!-׳ r Beglnneu wuide der ungarische Landtag und selb׳, Fra«; £ äf dazu veranlasst, zu bcjchlleßen, es habe von nun au \(b F!. t ro. das Nrcht, sich Irpaial zu organisieren und zu verwan-!,!1!! Machlipruch, der, nur irriger Grundlage entstandrn auch zu bedauerlichen Cons-gucnzen süoren muiSte. Vorerti war er nun mit dem südlichen Selbftdestimmungsrechte und mir d r Möglichkeit, große einheitliche Erfolge zu erzielen, zu E׳ de. Die Zersplitterung jüdischer Kräfte war Wasser -aus die Muhte der Äutisennleu, die sich mit den Feinden des Fortschritts innig verbanden, um dem Judenthum vollends den Boden der Erittcnz zu entziehen. Zum Glück siezte aber die nüchterne Eursicht der Besseren und es kam vorerst zu keinem Gewaltakt. Mmlerweile war Eötvös gestorben und sein Erbe in die Hände August Tresor 1*S übergeganzen. Dreier, ein abgeklärter, gebildeter und ruhiger Geist, war jedenfalls mehr Patriot als Judenrreuud. Vor Allem aber war er ein Mann Der Ordnung, der nicht so sehr im besonderen Interesse der Juden Las lbat, waS er eben für gut fand, sondern in Rücksicht auf die Staarsimereffen die es in Ungarn dringend e! heischten. dass LaS sonst ganz nützliche Element der Judenschaft uationalisirt, rnodernifirt und dem Staatswesen als integrirender, asfimilirler Lbeil eingefügt und verwcrthet werde. Das war Trefort's Programm, nicht aber Las rein humane, liberale Prinzip, wie es gar Viele noch heute glauben. Er betrachtete die jüdischen Fragen stets vom Gesichtspunkte des Staatsmannes und war bestrebt, Ordnung zu schaffen, ohne Rücksicht auf Autonomie und consessionelle Bedenken. Alles, was Trefort sagte und that, gutzuheißen, möchte nur Derjenige, der für jüdische Interessen weder Sinn noch Gefühl, weder Herz noch Ohr hat. Wir wollen nur an unsere jüdischen Gelehrten erinnern, die entweder auswandern, oder ihre Religion abschwören mussten, denen aber als Drittes kaum etwas anderes übrig blieb, als elend zu verkommen. De mortuis nihil nisi verum. UndZdoch wäre es schnöder Undank, wollte Jemand leugnen, dass wir durch Trefort's Jnitiative auch manches Gute erhielten. Um den jüdischen Gemeinden modern gebildete Rabbiner zu geben, die berufen sein würden, für Gesittung und Bildung ihres Stammes einzullehen, eine Noth- Wendigkeit, die er wieder nur als Staatsmann und nicht als Judenfreund empfand, schuf er das ungarische Landes-Nabbinerseminar ans dem jüdischen Landesschulfond. Hätte Tr äsort nichts Anderes getban als dieses, wir wäre» ihm für immer zu Dank verpflichtet. Diese Musteranstalt hat sich während der kurzen Zeit ihres Bestandes alle Sympathieen jüdischer und uichtjüdischer Kreise erworben. Sie ist eine culturelle Institution ersten Ranges und bildet nun für Ungarn das höchste Forum in jüdilch-conseffionellen Angelegenheiten. Auch Antisemite» haben anerkannt, dass an dieser jüdischen Landesunterrichts-Anstalt wahrer Forschergeist, gediegenes Wissen und patriotischer Sinn walten, die des Wohlwollens aller Gebildeten würdig sei. Wir, die wir das Glück haben, dieses Institut näher zu kennen und die wir den Leistungen von Professoren und Jünger» vollste Aufmerksamkeit zuwenden, wir dürfen wohl in verlässlicher Weise behaupten, dass das Rabbinerseminar den Glanzpunkt dessen bildet, was wir bisher aus der Hand einer nationalen Negierung empfangen. An nicht weniger als 14 großen Gemeinden wirken bereits die Schüler dieses Mnsterinstituts, und mancher der jungen Rabbiner hat bereits glänzende Proben wissenschaftlicher Gediegenheit geliefert. Einen weitern, bedeutenden Schritt nach vorwärts that Tresor! mit der Ordnung des jüdischen Matrikelwesens. Die auf vielem Gebiete geschaffene Administrationsnorm, mag man sie auch als Eingriff Ln unser Selbstbestimmnngsrecht betrachten, hat' sich bereits praktisch bewährt und dürste sich mit der Zeit noch mehr als bisher bewäbreu. Wir selbst hätten es gewiss nicht zu Stande gebracht. Erwarten wir doch in Allem und Jedem den Machlspruch von oben und sind wir doch zum Gehorsam wie gelchaffeu. Wo batten wir auch ein competentes Forum, das uns Normen vorichrciben dürste! Verkündeten ja erst jüngst noch unsere orlbodoxen Brüder, dass die Neolozen eine separate Secte von Juden bedeuten, und dass der moderne Cult der Letzteren ein wabres Schisma sei! Wenn es je eine Entweihung des göttlichen Namens gab, so ist es die Hetze zwischen uns selber, und nur Gott allein weiß cs, was uns diese Hetze bereits'geschadet hat. Wir wollen aber doch hoffen, dass dies nicht immer so bleiben werde. Schon rührt sichs in eingeweihten Kreisen, dies- und jenseits. Es scheint, als wäre die bessere Einsicht auf dem Wege, glücklichere Tage für uns ungarische Juden vorzubereiten. Die Zeit ist dazu ungemein günstig. Der Antisemitismus ist längst verendet. Selbstverständlich nur der offene, officielle. In Landtags- und Regierungskreisen kam eine liberale Strömung zum.Durchbruch, die das Beste erwarten lässt. Die Frage der Reception unserer Confession wird sich, bei gehörigem Tacte auf unserer Seite, von selbst