Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 9 (21.3.1891)
- Date
- 1891-03-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453207-3453216--3115-3457436- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
.׳leituugeu zu geben und die nölhigen Uebungen vorzunehmen. So ausgestattet, durften die Zugeudgottesdieuste ihren Zweck mit Gottes Hilfe wohl erreichen, für die Schüler selbst ein Segen werden und zur Förderung und Belebung des religiösen Sinnes innerhalb der jüdischen Gemeinden wesentlich beitragen. Das melodische Lesen des Talmud. , Geehrter Herr Nedacteur! In Nr. 8 Ihres sehr geschätzten!Blattes, das die Bildung des Cantorenstandes fördert und dessen Interessen mit vielem Erfolge verfechtet, finde ick einen interessanten Artikel: ,Zur Geschichte des Cantorates im Mittel׳ alter und der Neuzeit' von Dr. M. Grünwald in Znngbunzlau׳ -bezüglich dessen mir nachfolgende Berichtigung gestattet sei. Aus der Slilisirung, die Herr Dr. Grünwald angewandt, würde so mancher glauben, dass Nabbi Äkiba den Text זמר בכל היופי זמר בכל היום. in folgender Weise erklärt: Ordne Deinen Lesestoff jeden Tag. obwohl er in Deinem Munde wie ein Lied geordnet ist u. s. w. Nabbi Aklba sagt aber blos: זמר ככל היום זמר ככל היום׳ und Naschi gibt hiezu den von Dr. Grünwald angeführten Commentar. Aus diesem Commentar ist jedock nicht bewiesen, dass der Talmud in einer gewissen Melodie gesungen wurde, und es liehe sich eher die Erklärung Edels antührcn: אם אתה מזמר בכל יום בלמוד תורה ׳גם התורה מזמרת לך ככל יום שמגלה לך רזי תורה־ Wenn Du bei dem Studium der Thora täglich singst, so wird auch die Lehre mit ihrem Gesänge Dich erfreuen, indem sie Dir die Geheimnitze der Lehre offenbaren wird. Auch diese Erklärung könnte so Mancher kopfschüttelnd übergehen, und ich will es versuchen, ohne gegen die Hochachtung des Nal'cki und des Verfassers des Aruch zu verstoßen, den von Nabbi Äkiba angeführten Text, meiner bescheidenen Ansicht nach, zu erläutern. Das Wort »זמר,, welches als Hauptwort semer (Lied) und auch als Zeitwort 8amev (singe) gelesen werden kann findet hier Anwendung. Im Tal »und Megila 32 a ist festgestellt, da>s der ,Mein Herr ich verstehe Sie nicht, sprechen Sie deutlicher!' .Gebt mir Euer Woit, dass Ihr einige Tage schweigen wollt, ich werde es Euch zu lohnen wissen, kommt mit mir nur wenige Schritte!' Der Hekdischmann konnte den dringenden Worten Karl's nicht widerstehen und gieug stumm neben ihm einber. Als die beiden Männer an das Grab kamen, Wit er einige Schritte zurück. Karl nahm den bebenden Alten au der Hand und sprach: ,Neb Michuel! -schaut mir ins Gesichr und seht, dass ich nicht» Böses vor habe. Ich bin der verschollene Sohn von dein Alaune, der hier in Fruden ruht, und diese Dame ist meine Braut. Wie gerne hätte ste ihren seeligeu Baker noch einmal gesehen!' — ,Seine letzten Worte waren: ,Mein Karl!' Aber wa» wollen Sie hier in so später Stunde, wo kein jüdisch Kind die Stille am JBes Hakworos unterbricht?' »Reb Michuel, Ihr sollt mein Trauzeuge sein!' — Dabei zog Karl einen Ring vom Zeig׳stnger und rief feierlich: ,Mein Vater, meine Mutter,, ich lade Euch zu meiner Hochzeit. Du meine theure Mutter gabst mir diesen Ring zum ewigen Andenken; er sei der ,Trauring meiner Braut!' Bei düse» Worten streifte er den Ring auf den Zeigefinger der Sara und sprach: ״Harre ad mekadesches li betabaas su kdas mosche wjisroel!“ ,Sei mir geheiligt durch diesen Ring nach dem Gesetze Mosis und Israel.' Karl umarmte und küsste seine Braut. Der Hekdischmann bekräftigte den Bund mit dem Priestersegen, worauf die drei Menschen ״Omen“ sprachen. Talmud in einem melodischen Tons gelernt wurde, denn daselbst wird ein bitterer Tadel gegen denjenigen ausgesprochen, der die Bibel liest, ohne dabei die gehörigen Accente zu gebrauchen, und die mündliche Lehre ohne Gesang studiert. Tosefot versteht unter שונה die Mifchna und glaubt, es war deshalb im Gebrauche, Mschuajot singend zu studieren, weil diese nicht geschrieben wurden und der Lernende sie leicht vergessen könnte. Zn gleicher Weise wird in Erubin 54 ein Mittel gegen die Vergesslichkeit angegeben: das Lernen mit lauter Stimme. Deshalb sagt Nabbi Akiba ״Samer bechol jom, Samor bechoi jom.“ ,Studiere die Thora singend jeden Tag!' was als Ermahnung geilen soll, und mit der Wiederholung des Satzes gibt er dieser Ermahnung vollsten Ausdruck. Mit besonderer Hochachtung zeichnet J. P. Kleine Chronik. Wien. Zur Vorgeschichte der Enthebung de» Fürsten Dolgorukow von seiner Stellung als General-Gouverneur von Moskau liegen in einem Petersburger Briefe der »Pol. Corr.' einige für die in Russland herrschenden Zustände höchst bemerkenswerthe Mittheilnugen vor. Man will in der rusfischen Hauptstadt in Erfahrung gebracht haben, dass Fürst Dolgorukow schon seit Jahren mit einer große» Anzahl von Kaufleuten und Lieferanten in Moskau gewisse Beziehungen nuterbalte» hätte, welche die Unabhängigkeit dieses hohen FunctionärS in merklicher Weise beeinträchtigt haben sollen. ,Dazu kam aber nun', heißt es in dein oberwähnten Berichte weiter, ,dass in jüngster Zeit die Ansmerksamkeit der Negierung, welche bekanntlich die Rechle der Juden in Russland immer mehr eiuzuschränken sucht, auf den Umstand gelenkt wurde, dass der General-Gouverneur einr förmliche ,Jnvafion' von israetilischeu Elementen nach Moskau gestattet hatte, und zwar i!n offenbaren Widerspruche mit den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen. In Petersburg wurde dabei vielfach unumwunden behauptet, dass diese Begünstigung der Juden nicht ohne concrele Anerkennung seitens der Letzteren geblieben sei, und dass der Fürst sich nicht geweigert habe, den Dank der Jude» i t dieser, wohl einer näheren Kennzeichnung nicht bedürfenden Form anzunebmen.' — Ans dieser Darstellung ergibt sich, dass Fürst Dolgorukow nur deshalb abgesetzt wurde, weil er die von der russischen Regierung beliebte unmenschliche Verfolgung Nach Vollziehung dieser sonderlichen Trauung begaben sie sich in das Häuschen und begnügten sich mit Mozi, worauf ein Glas Rosinenwein zum Benschen diente. Die Neuvermählten eilten dem Städtchen zu, da» bereits i» schweigendes Dunkel gehüllt war. Durch einige Gaffen, die in Karl mächtige Erinnerungen wachriefen, gelangten sie iu das Beamtenhaus. Vor dem Hause blieben sie unschlüssig stehen; endlich ktopite Karl leise an — die Thür wurde vom Cantor Moritz Kraus geöffnet. ,Moritz!' tönte ein erstickter Schrei, und der Eingetreteue fiel seinem Bruder iu die Arme. ,Großer Gott! das ist ja mein Bruder Karl! — und die Dame?" ,Meine Frau'! Sie traten iu das freundliche Zimmer, die Frau war noch mit einer Handarbeit beschäftigt. — Viel hatten diese Menschen einander zu erzählen. Der Morgen graute bereits, als fie sich zur Ruhe begaben. Beim Fr ühstück war Karl freudig bewegt, es schien ihm alles noch ein Traum. ,Gott segne Dein Haus und Deinen Beruf, lieber Bruder!״ Nach einiger Zeit wurde Moritz zum Ober-Cantor nach der großen Gemeinde D- . . . berufen, und Karl, nachdem er im Tempel noch einmal durch den Rabbiner eingesegnet wurde, nahm die Chordirigeutenftelle an, die reichlich dotirt war. Die Familien leben seit 30 Jahren innerhalb ihres Kreises recht glücklich und zufrieden, geehrt und geschätzt in- und außerhalb ihrer Gemeinde. Mögen sie den Abend ihres Lebens freudig genießen!