Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 9 (21.3.1891)
- Date
- 1891-03-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Zn einer zweiten Gemeinde B., gleichfalls in Mähren, obliegt ein Cantor durch zehn Jahre ohne Tadel seinen Amts- Pflichten — und wird eines Tages gekündigt, weil — man höre und staune! — das Haus, in dem er wohnte, umgebaut wird und keine Wohnung für ihn zu finden ist. Doch absurder ist noch der dritte Fall. Zu der böhmischen Gemeinde H. wurde der Cantor nach elfjähriger erfolgreicher Amtslhätigkeit entlassen, weil er als Schächter es mit seinem religiösen Gewissen nicht vereinbaren konnte. Len rcligionswidrigen Anforderungen eines einstussreichen Fleischhauers Folge zu leisten. Zu all den angeführten Fallen ist nicht anzunehmen, dass die Ursache der Kündigung ' bei dem Angestellten zu suchen ist, denn wenn ein Beamter zehn oder gar zwanzig Zahre in einer jüdischen Gemeinde gewirkt bat, so hat ec damit schon den Beweis erbracht, dass er allen Anforderungen zu genügen vermag und auch in seiner Pstichterfüllung eifrig war, sonst wäre es ihm nicht gegönnt gewesen, durch eine so lange Reihe von Zähren sich im Amte zu behaupten. Aber cs ist leider eine traurige Thatsache, dass die jüdischen Gemeinden sich an Stabilität nicht gewöhnen können, den Reiz der Neuheit wollen sie nicht missen. Alle möglichen Gründe und Vorwände werden da ins Treffen geführt, um das hiedurch geübte Unrecht zu beschönigen, und wenn gar nichts mehr Stich hält, so war es im Znteresss des Friedens in der Gemeinde geboten. Aber all' dies ist eitel Geschwätz! Warum wechselt denn auch die kleinste politische Gemeinde nicht jeden Augenblick ihre Angestellten, warum wird diese nicht ihrer überdrüssig? Um wie viel weniger sollte dies bei den jüdischen Gemeinden der Fall sein, die doch nur religiöse Zwecke verfolgen und der Goltesverehrung allein zu dienen haben? Wird diese vielleicht auf solche Weise gefördert? Nie und nimmer! Gs wird' so viel jetzt gegen den Antisemitismus geschrieben und gesprochen, doch wahrhaftig das von uns geschilderte Verfahren mancher jüdischer Gemeinden gegen ihre Beamten ist nicht minder zu verachten, als der Antisemitismus, ja es nicht' noch frivoler und böswilliger, da weder die Verschiedenheit der Nace und des Glaubens, noch irgend ein anderer entschuldbarer Grund hiesür zu stnden ist. Im Zutereffe unseres Standes, wie nicht minder zur Wahrung der Ehre des Zudenthums richten wir darum an die geehrten Vorstände der israelitischen Cultusgemeinden die dringende Bitte, die oben gerügten Uebelstände abzuschaffen und unter ihrem Regime solche Fälle von Ungerechtigkeit und Unduldsamkeit nicht auskommen zu lasten; der gestimmte Stand der jüdischen Beamten wird ihnen hiesür unbegrenzten Dank wissen. Zum Tinlner-Iulüläum. ב״ה משיק — ויקרא אל משה לפיק Wie bereits in kurzer Notiz in diesem geschätzten Blatte mitgethcilt wurde, sciert unser geschätzter Mitarbeiter, der würdige und verdiente College, Herr M. Tintner, Prediger, Cantor und Lehrer der Synagogeu-Gcmeinde zu Bunzlau in Preuß.- Schlesien, am 20. L. M. (ש״ק הבליל) cin ehren- und freudenvolles Doppelfest: das Fest seiner 25jährigen segensreichen Amtsthätigkeit und des 25jährigen glücklichen Ehebundes mit seiner würdigen, frommen und braven Gattin. Zn den cuzern, dem ehrwürdigen Jubelpaare näherstehenden Freundes- und Verehrerkreisen regt sich bereits «ine eifrige theilnabmvolle Rüstung zu einer solennen Feier dieses Festes, welche geeignet ist, auch in weiteren Kreisen gleiche Theilnähme und herzliches Zntereste zu erwecken. Angeregt von dem naheliegenden Gedanken, wie wohlthuend «L ist, unter den sonst aus dem jüdischen Cultusbeamtenstande so oft an uns berantretenden, trüben Erfahrungen auch bin und wieder einen befriedigenden und erfreulichen Lichtblick, das erquickende Bild eines schöneren und edleren Verhällnißes zwischen Gemeinde und Beamten, wahrnehmen zu können, daß Beiden nur zu Lob und Ehre gereicht, wollen wir eS uns nicht versagen. Hier in einem stimmungsvollen Vorberichte zur Einleitung des Ehren- und Jubeltages in Bunzlau den entfernteren Freunden Unseres ver« ehrten College» mit einigen biographischen Mitthellungen aus dem Lebensgange, den Amts- und Familienverhältnißen des Jubilars auszuwarten. Wir lbmi dies in Der angenebmen Hoffnung, dass diese zeitgemäßen Mittheilungen allen Lintner-Freunden nah und fern, sehr willkommen sein und ein Scherslein zur bessern Anerkennung und Würdigung unseres strebsamen und würdigen Freundes beitragen können. Herr Tintner ist im Jahre 1843 als Deutsch-Oefterreicher geboren. Ein Kind wohlhabender und sehr wohlthätiger, frommer Ellern, war seine Jugend eine heitere, sorgenfreie und doch ans ernstes Streben gerichtete, denn er genoss eine sorgfältige Erziehung im Sinne eines echtjüdischen und bildungsstrebenden Geistes. ,Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu siechten*. — Auch in das junge Leben unseres Freundes warf das Geschick leider schon frühzeitig seine trübenden Schatten, indem es ihn zur elternlosen, verlassenen Waise machte. Allein es verblieben ihm theils familiäre, theils sonstige freundschaftliche Verbindungen, die sich des begabten Knaben annahmen und sein angeborenes Talent zur Musik und zum Gelehrtenstande — ein Erbtheil der Familie, welcher , der Jubilar entstammte und in welcher seit Generationen begabte Cantoren. Rabbiner und Gemeindebeamten vertreten waren — erkannten und zur Ausbildung gelangen ließen. Es war insbesondere das Verdienst des seligen Obercantors Schwarz, eines seinerzeit hochangesehenen und vielgebildeten, hervorragenden Cantors, dass unser Freund sich schon als Knabe eifeigst dem Studium und der Ucbung in der Musik widmete. Zugleich oblag Tintner mit gleichem Eifer hebräischen Studien und genoß in diesen Fächern Unterricht und Förderung durch Rabbiner Dr. Duschak in Brünn. Als Jüngling nunmehr mit einer tüchtigen Grundlage im Wisten und in der musikalischen Fertigkeit ausgestattet, besuchte Tintner hierauf das Lehrerpädagogium dieser Stadt, erhielt ferner bei namhaften Professoren dortselbst und späterhin auch zu Wien und Prag Musik- und Gcsangunterricht und wurde Chor- Dirigent. Um sich dann noch alü Chasan gründlich auszubilden, gieng Herr Tilttncr nach Ungarn, um bei den sogenannten polnischen Cyasanim das alte Cbasonus, den Tradilionsgesang desjüdischen Cültus, in altherkömmlicher Weise an der Quelle zu studieren. Er Hörle auch berühmte Cantoren, u. A. Snlzer, Perles, und wirkte während seiner Reisen durch Ungarn auch als Meschorer, sich ans diese Weise für die Cantorenlaufbahn nach allen Richtungen bildend und vorbereitend. Schon damals regte sich ein tüchtiger Schaffenstrieb in dem strebsamen Jüngling, der sich nun in kleinen, selbstgeschaffenen Compositioneu versuchte, die jetzt׳ so mancher Cantor jener Gegenden singt, ohne deren Ursprung, den jungen Componisten, gekannt zu haben. Von hier aus wandte sich unser Freund nach Deutschland, das ihm ein neues und geeigneteres Feld für seine mit der Zeit fortschreitende Berussthätigkeit eröffnen, seinem Wirken und Streben gute Früchte, Anerkennung und Freunde bringen und ihm zu einer zweiten Heimat, zu einem festen, gesegneten Gründe seines Hauses werden sollte. Bereits am 20. März 1866 mit einer würdigen, braven Gattin verehelicht, welche als eine fromme Tochter eines sehr frommen, hochachtbaren Mannes durch vortreffliche Erziehung