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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-03-11 · Heft 8 (11.3.1891) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 8 (11.3.1891)
Date
1891-03-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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.Lleichgiltig feilt kann. Der Cantor wurde angegriffen und oft genug a'.s ein überflüssiger Faetor bingestellt. Solche Abhandlungen stellen sich allerdings ein Armuthszengnis ans, sie sind Prodncte einer Schreibwuth und behalten ephemerischen Werdh; aber unsere Aufgabe ist cs, diesen unberechtigten Anfeindungen energisch -eutgegenzutreten. Zuvörderst jedoch müssen wir wahre Collegialität ,und Eintracht unter uns walten lassen. Wie oft aber wird die Brandfackel dcs Zwistes und des Neides und der inneren Zersahrenheit von unseren eigenen Brüdern in unsere Reihen ge- -schleudert, zum Gelächter unserer Feinde, die uns höhnend zurufen: ,Ihr seid ja selbst innerlich zerfallen, ihr hadert ja miteinander, was habt ihr noch für eine Berechtigung als lebens- -fähig und lebensfrisch im Cultus zu gelten?' Zn einer Zeit, wie die gegenwärtige, wo Hass und Vorurtheil gegen das Judenthum überhand nimmt und aller Orten gepredigt wird, sollten wir uneinig sein und selbst den Stab über unseren Stand brechen? Triviale und banale Redensarten, falsche Insinuationen müssen wir stets von uns abweisen und unser Recht vcrtheidigen. Für unseren Stand tritt die Geschichte und Tradition ein, sie beweisen, dass wir ein wichtiger Factor im öffentlichen Gottesdienste geworden sind. Wir Cantoren haben stets das Bestreben gezeigt, mitzubanen am und im Hause des Herrn, zumal wir auch -Neligionslehrer sind, ohne unsere Tbätigkeit für die allein ersprießliche zu halten. Wohl versetzt uns jede Neligionshandlung in eine höhere Stimmung, und durch diese erheben wir uns und unsere Gemeinde über die alltägliche Wirklichkeit, sie macht das Herz empfänglicher für das Heilige und Gute, für unseren hehren Beruf und trägt uns zu einer anderen Ordnung der Dinge, .zur Ahnung einer besseren Welt und inbrünstig steigt unser Loblied zum Höchsten empor. Aber kein anderer Beruf hebt so kräftig zu der unsichtbaren Welt empor, als der eines jüdischen Cultusbeamten. Denn unsere ganze Stimmung ist eine religiöse, ideale, die sich auf unsere Bestimmung, auf unser Verhältnis zu Gott und unser pflichtmäßiges Verhalten zu anderen Menschen bezieht. Durch unsere religiösen Grundsätze und Functionen fühlen -wir uns als Glieder eines Bundes, der wechselseitige, gemein- ׳schaftliche Beförderung des Siitlich-Guten zur Absicht bat. Der Schule und dem Gottcshause weihen wir gern und ganz unsere .Kräfte, hier ist der Vereinigungspunkt unser Aller, gewinnt unsere Bruderliebe und die Innigkeit zu unserer Gemeinde. Wie viel Anstrengung, wie viel Studium, wie viel Uebung, wie viel Zeit ist aber nöthig, wenn wir nur einigermaßen unser vielseitiges Amt auszufüllen vermögen! Und dennoch machen sich gewisse Leute anheischig, uns als ,überflüssig' zu erklären. Wehe uns, wenn unser Schicksal von diesen ,Weltverbessereren' abhängig gemacht würde! Wir wollen aber mit unermüdetem Fleitze am Cantorat weiter arbeiten und gern die Bürde des 01 malchus schomajim tragen, denn dieser Gedanke kann uns nur aufrichten und stärken; und unter diesem Einflüsse, der in dem Schwachen -mächtig ist, mich es uns gelingen, glücklich zu kämpfen und zu siegen, ohne uns unbescheiden in den Vordergrund stellen zu wollen. Obzwar es heißt: ,An jedem Orte, wo mir ein Gedächtnis .gestiftet ist, werde ich zu Dir kommen und Dich segnen" — ist doch seit undenklichen Zeiten die Synagoge der einzige Ort geworden und es auch seitdem geblieben, wohin das beklommene Herz und die bedrängte Brust mit ihrer glühenden Andacht sich wendeten, um Trost und Ausdauer, neue Hoffnung und Zuversicht in den Kämpfen des Lebens zu flnden. Und feit jenen Tagen .hat der Chasau seinen wesentlichen Theil dazu beigetragen, auf -Flügeln der Andacht die Begeisterttttg für die Religion unserer Väter zu pflegen und zu bewahren, vermöge der Gabe des -Gesanges und der Vortragsweise, die ihm Gott verliehen. Und ist dieser Erfolg für nichts zu rechnen? Gottlob! der guten und vortrefflichen Männer in Israel gibt es noch viele, die unser Wirken, unsere Verdienste in Wort und Schrift zu würdigen verstehen. Zn dem täuschenden Gewände d:r Freundschaft und des Gutmeinens nähern sich uns aber gar viele, um am Ende das Gift ihrer Grundsätze durch das Ohr zuletzt in das Herz einschleichen zu lassen. Weiset diese Herren durch würdevollen Ernst zurück, zeiget eS ihnen, dass ihr deren Geschwätz und deren Grundsätze verachtet. Um den vielgehassten und dennoch vielbegehrten Cantor aus der Welt zu schassen, versuchte man schon an manchen Orten nur den Gemeiudegesang zu setzen. Auch ich wünsche die Pflege des Gemeindegesanges und bin für denselben in Versammlungen und Fachzeitungen eingetreten, aber glauben denn jene Herren, dass eine Pflege des Gemeindegesanges ohne den Cantor möglich ist? Oder gedenken diese .Windmühlenfechter' dem Cantor eine Stelle anzuweisen, wie sie ungefähr der christliche Cantor und Organist einnimmt, der doch keinerlei Functionen als ״Scheliach Zibbur“ zu verrichten hat? Das ist doch einfach unmöglich. Außerdem ist doch auch zur Genüge bekannt, dass schon 81'ääuv und Machsor Nesponsorien zwischen Chasan und Kahal, also Gemeindebetheiliguug am Gottesdienste durch Gesang, vorschreiben, was doch offenbar eine geistliche Function seitens deS Chasans ist. Und wer verwandelte denn die früher mit Recht als ordnungslos .verschrieene Inden» schule', in einen den höchsten Anforderungen der Aesthetik und des religiösen BedürfnißeS entsprechenden Gottesdienst, als die aufopfernde Thäligkeit des so viel geschmähten, modernen Cantors! Wenn auch kn letzter Zeit die Verdienste eines Salomo» Sulzer!. A. gleich Null geachtet wurden, indem dem Tobten als Nachruf für dessen hervorragende Leistungen nur die .realistische" Frage entgegen geworfen wurde: .Wo bleibe ich?' ist es doch mindestens nicht schön, einen innerhalb und außerhalb des JudenthumS so hochgeachteten Namen, wie .Sulzer' eS war, noch im. Grabe zu richten, da das Gericht doch nur Gott zustehr. Wohl haben ehrwürdige, biedere Rabbiner und Prediger durch ihre begeisternden, überzeugenden Reden Großes gewirkt, um die Gemeinden aus ihrer Lethargie auszurütteln und die Synagoge zum wahren Tempel Gottes zu machen. Haben etwa diese die Cantoren sür nichts geachtet? Diese haben diesen, ihren treuen Helfern, gern den Lohn gegönnt, den die Gemeinden ihrem Cantor darbrachten! — Das praktische Bedürfnis der Gemeinden wird der grauen Theorie — ,Weg mit dem Cantor!' stets entgegenstehen, denn ,Grün bleibt des Lebens goldener Baum!' (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien. Die eben vollzogenen ReichSrathswahlen in Wien boten ein wenig erfreuliches Bild. Nur der erste, zweite, dritte und neunte Bezirk wählten in liberalem Sinne, in allen übrigen Bezirken, sowie in Sechshaus und Hernals drangen die antijemitischen Candidaten durch. Günstiger zeigten sich die Resultate in den Landstädten Niederösterreichs, indem die Antisemiten Vergani in Krems-Stein, und Fiegl in Baden eine schmähliche Niederlage erlitten. Der frühere antisemitische Abgeordnete deS Landbezirkes Jägerndorf-Troppau, Türk, ist gleichfalls durch gefallen. Wie». Die aus Deutschland gemeldete Agitation zur Gründung eines Vereines zur Bekämpfung des Antisemitismus hat auch in Oesterreich Anklang und Nachahmung gefunden. Herr Dr. Carl v. Kißling in Linz veröffentlicht in den Wiener Blättern folgenden Aufruf: ,Zn Deutschland hat sich vor Kurzem ein Verein zur Abwehr deS Antisemitismus gebildet; cs sind demselben tausende von Männern aller politischen Richtungen und Stände beigetrete», und zieren den

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